Porträt

Immer der Jüngste

Der Glarner Yves Rüedi ist erst 37 Jahre alt und wurde gestern ins höchste Gericht der Schweiz gewählt. Er ist überzeugt, sich gegen die graumelierten Herren durchsetzen zu können. Er könnte recht haben.

«Ich bin es gewohnt, der Jüngste zu sein»: Yves Rüedi nach seiner Wahl zum Bundesrichter am Mittwoch, 11. November 2013.

«Ich bin es gewohnt, der Jüngste zu sein»: Yves Rüedi nach seiner Wahl zum Bundesrichter am Mittwoch, 11. November 2013. Bild: Keystone

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Er zieht die Superlative an wie das Licht die Motten. Ab dem 1. März wird Yves Rüedi der jüngste amtierende Bundesrichter sein, der erste Glarner seit über 100 Jahren in diesem Amt und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch der einzige Bundesrichter, der je die Ziellinie beim Ironman Hawaii überquerte.

Rüedi legte eine rasante Karriere ohne Fehler hin. Mit 18 macht er die Matura, mit 26 schliesst er sein Jus-Studium ab, holt sich wenig später das Anwaltspatent, die ersten Prozesserfahrungen für eine Zürcher Anwaltskanzlei. Mit nur 29 Jahren wählt ihn die Glarner Landsgemeinde auf Anhieb als Präsident des Obergerichts Glarus. Nebenbei erlangt er an der Uni St. Gallen die Doktorwürde und wird Lehrbeauftragter an der Universität Luzern.

Alle, die man fragt, sagen dasselbe

Heute ist Rüedi 37 Jahre alt und das einzige, was ihn davon abhalten könnte, Professor zu werden, ist sein neuer Job. Die vereinigte Bundesversammlung hat ihn am Mittwoch zum hauptamtlichen Richter ans Bundesgericht in Lausanne gewählt – das höchste Gericht der Schweiz. Hans Hess, FDP-Ständerat und Präsident der Gerichtskommission, attestierte dem Jungspund eine «beeindruckende akademische Karriere». Andere bezeichnen ihn als hochintelligent, zielstrebig, ehrgeizig und diszipliniert. Es sei kein Zufall, dass er so weit gekommen sei. Ein Senkrechtstarter, wie er im Buche steht. Das sagen alle, die man fragt, wer der Yves Rüedi sei. Ausser Rüedi selbst.

«Bemerkenswert an meiner Karriere ist höchstens die Wahl als Präsident ans Glarner Obergericht.» Er war damals Wirtschaftsanwalt und strebte eine Karriere als Partner einer grossen Zürcher Kanzlei an. Als ihm ein Freund den Vorschlag machte, für das prestigeträchtige Amt zu kandieren, hielt er es für einen Witz. Erst als ihn Kenner der Glarner Politszene davon überzeugten, dass er sich trotz seines jugendlichen Alters und seiner bescheidenen Erfahrung als Richter mit einer Kandidatur nicht lächerlich machen würde, sagte er zu. Alles, was folgte, sei eine Konsequenz dieser erfolgreichen Wahl.

«Schneller umgezogen als meine Konkurrenz»

«Mein Werdegang ist eine Aneinanderreihung von glücklichen Umständen», sagt der Sohn eines Kaufmanns, Enkel von Landwirten und der erste Jurist in seiner Familie. Was Rüedi unter «glücklichen Umständen» versteht, zeigt eine Geschichte aus seiner sportlichen Karriere, die er neben sein Studium quetschte. Er fand damals Gefallen am Triathlon und qualifizierte sich 2001 gleich bei seiner zweiten Teilnahme bei einem Ironman für den Ironman Hawaii, die Weltmeisterschaften in dieser Disziplin.

Dass er sich den letzten Startplatz ergatterten konnte, sei pures Glück gewesen. «Ich habe mich nur schneller umgezogen als die Konkurrenz.» Tatsächlich war Rüedi länger unterwegs, als der Athlet, der nach ihm über die Ziellinie lief. In der Endabrechnung war er schliesslich 34 Sekunden schneller, weil er sich zwischen Disziplinen kürzer in den Wechselzonen aufhielt.

Betritt das Gericht ohne Parteibuch

Böse Zungen sagen, Rüedi hätte die Wahl als Bundesrichter nur geschafft, weil er das richtige Parteibuch besitzt. Dieselben Zungen behaupten zudem, er sei nur deshalb der SVP beigetreten, weil dort seine Aussichten auf dieses Amt am besten waren. Tatsächlich hätte alle Zielstrebigkeit nichts genützt, wäre Rüedi in einer anderen Partei als sein Vorgänger Roland Schneider. Und richtig ist auch, dass der Jurist lange parteilos war und im Wahlkampf als Obergerichtspräsident genau diesen Umstand als Beweis für seine Unabhängigkeit aufführte. Heute sagt er, er fühle sich in der SVP politisch am nächsten und werde der Partei treu bleiben, sollte er einst sein Richteramt niederlegen. Doch wenn er das Gericht betrete, bleibe das Parteibuch draussen, als Richter sei er einzig dem Recht verpflichtet.

Was erwartet einen Benjamin in einer Kammer von 38 vorwiegend graumelierten Damen und Herren? Langjährige Beobachter des Bundesgerichts geben die Hoffnung nicht auf, ein junger Richter könnte das Gremium verjüngen, obwohl meist das Gegenteil der Fall sein soll. Auch Rüedi gibt sich zuversichtlich, dass er von seinen Kollegen nicht nach Belieben zurechtgestutzt wird. Noch nie in seiner Karriere habe er es erlebt, dass man ihm aufgrund seines Alters nicht den nötigen Respekt entgegen gebracht hätte. «Ich bin es gewohnt, der Jüngste zu sein.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.12.2013, 18:27 Uhr

Das einzige, was ihn davon abhalten könnte, Professor zu werden, ist sein neuer Job: Yves Rüedi ist neuer Bundesrichter.

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