Der Schweiz fehlen Impfstoffe

Erstmals sind in der Schweiz wichtige Basisimpfstoffe knapp geworden. Weltweit wollen sich immer mehr Menschen impfen lassen, zugleich reduziert sich die Zahl der Hersteller.

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Wenn Schweizer Säuglinge ihre erste ­Nadel verpasst bekommen, dann fliesst sehr häufig Pentavac: Das von der Firma Sanofi Pasteur MSD hergestellte Impfmittel immunisiert gegen Starrkrampf, Keuchhusten, Diphterie, Kinderlähmung und bakterielle Hirnhautentzündung. Doch Pentavac ist bis auf weiteres in der Schweiz nicht mehr greifbar. Man werde den Stoff wohl erst im Dezember wieder liefern können, sagt Sanofi-Geschäftsführerin Andrée Montigny. Dasselbe gilt für Tetravac, ein Schwesterprodukt der gleichen Firma, das oft zur Auffrischimpfung im Vorschulalter verwendet wird. Kaum besser sieht es bei der Konkurrenz aus: Die für die Grund­immunisierung ­gedachten Infanrix-Produkte der Firma GlaxoSmithKline (GSK) sind derzeit ebenfalls nicht verfügbar, wie das Bundesamt für Gesundheit (BAG) in seinem neuesten Bulletin schreibt.

Dass in der Schweiz auf einmal Basis-impfstoffe fehlten, sei eine neue Entwicklung, sagt Abteilungsleiter Daniel Koch vom BAG. Betroffen ist nicht nur die erwähnte Grund­impfung, sondern auch die Masern- und Hepatitis-A-Prävention. Dramatisch ist die Situation insofern nicht, als derzeit für die betroffenen Impftypen noch je mindestens eine Alternative bezogen werden kann. Allerdings fehlt Ärzten, die über lange Zeit denselben Impfstoff verwendeten, zuweilen das entsprechende Wissen.

Kampagne da, Impfstoff weg

Für die Patienten spürbar war vor allem der Mangel an Priorix, dem Masernimpfstoff von GSK. «In meiner Praxis hatten wir zwar immer Impfdosen vorrätig; wir konnten einigen Kollegen damit aushelfen», sagt Rolf Temperli, der im Vorstand des Fachverbands Kinderärzte Schweiz sitzt. «Doch andere Ärzte mussten Masernimpfungen aufschieben. Es ist natürlich eine Katastrophe, wenn der Bund eine grosse Masernimpfkam­pagne fährt, und dann der Impfstoff fehlt.»

Derzeit sieht es für die einzelnen Impftypen folgendermassen aus:

Masern-Mumps-Röteln: Laut GSK-Sprecher Urs Kientsch ist die aktuelle Priorix-Lücke auf die interne Qualitätskontrolle der Firma zurückzuführen. Ausgerechnet eine speziell für den Schweizer Markt produzierte Serie des Masernimpfstoffs fiel bei den Tests durch. Das BAG verweist in seinem Bulletin auf ein Alternativprodukt von Sanofi; gemäss Kientsch ist Priorix ab dieser Woche aber wieder lieferbar.

Hepatitis A: In der Schweiz wird nur ein einziger Impfstoff vertrieben, der ­alleine gegen Hepatitis A wirkt: Havrix 1440 von GSK. Er war zuletzt nicht mehr verfügbar – wegen einer technischen Panne, wie Firmensprecher Kientsch sagt. Auch Havrix soll ab dieser Woche aber wieder zur Verfügung stehen.

Kombinierte Grundimpfung: Die aktuellen Versorgungsprobleme bei Pentavac, Tetravac und Co. haben das BAG zu einer neuen Empfehlung veranlasst: Für die Auffrischspritze ab 4 Jahren rät das Amt zu einem Impfstoff, der sonst für ältere Personen vorgesehen ist. Die Engpässe hängen unter anderem damit zusammen, dass neben den Kleinsten neuerdings auch ihre engsten Angehörigen die Kombi-Grundimpfung erhalten – und Jugendliche eine Extraauffrischung. «Das hat den Bedarf nach den entsprechenden Stoffen in der Schweiz zusätzlich ansteigen lassen», erläutert Kinderarzt Temperli.

Vor allem aber wird die Nachfrage weltweit immer grösser. Insbesondere in der Dritten Welt wächst das Bedürfnis, die Kinder vor Keuchhusten zu schützen. «Über 60 Prozent unserer Produktion gehen bereits in diesen Markt», sagt Urs Kientsch von GSK. Die Herstellung eines Impfstoffes sei freilich aufwendig, so Kientsch: Sie könne je nach Produkt bis zu 18 Monate in Anspruch nehmen. Es sei somit «äusserst schwierig», auf kurzfristig steigende Nachfrage zu reagieren.

«Hinzu kommt», ergänzt Andrée Montigny von Sanofi, «dass die Behörden die Impfstoffe strenger testen als noch vor zwei oder drei Jahren. Die Produktion braucht daher mehr Zeit.» Die ungenügenden Noten für die Schweizer Priorix-Dosen im internen Test der GSK passen in dieses Bild.

Dass ein solcher Vorfall, wie auch die technische Panne bei der Havrix-Produktion, gleich zu allgemeiner Knappheit führt, verweist auf ein weiteres ­Problem: Die Zahl der Fabrikanten schrumpft. Novartis zum Beispiel zieht sich aus dem Impfgeschäft zurück. Damit schwinden auch die Möglichkeiten, auf eine Konkurrenzlinie umzuschwenken, wenn es mit dem Stammlieferanten hapert. «Bei den Herstellern ist derzeit ein starker Konzentrationsprozess im Gang», sagt Urs Kientsch. Und er gibt zu: «Betriebswirtschaftlich macht das Sinn, aber für die Versorgungssicherheit ist es nicht unbedingt von Vorteil.» Weitere Lieferunterbrüche in den kommenden Jahren seien daher denkbar.

Im Bundesamt für Gesundheit sieht man das genauso. «Die Entwicklung bereitet uns grosse Sorgen», sagt Daniel Koch. Mit einem Impfstoff-Pflichtlager will der Bund die ärgsten Risiken abfedern. Kinderarzt Temperli appelliert aber vor allem an die Hersteller und ihre Kontrolleure: Sie sollten ihre «Prozesse optimieren». Auf dass künftig «Liefer­engpässe wenn nicht ganz vermieden, so doch sehr kurz gehalten werden».

Erstellt: 21.07.2015, 07:00 Uhr

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