«In Schweden wird er sogar von verschneiten Strassen aus eingesetzt»

Den Entscheid des Bundesrates, den schwedischen Kampfjet Gripen anzuschaffen, findet Aviatikexperte Max Ungricht vernünftig – mit Blick auf die Kosten und die Landesverteidigung der Zukunft.

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Herr Ungricht, der Bundesrat hat beschlossen, die Tiger-Kampfjets der Schweizer Luftwaffe mit dem Kampfflugzeug Gripen zu ersetzen. Was halten Sie von dieser Entscheidung?
Eine vernünftige Lösung, mit Blick auf die Kosten und auf die militärischen Notwendigkeiten.

Der Gripen hat nur ein Triebwerk und ist, bei ähnlichen Abmessungen, auch deutlich leichter als die Konkurrenten Rafale und Eurofighter. Hat das aus strategischer Sicht auch Vorteile?
Es hat durchaus Vorteile, weil die Logistik-Kette kürzer ist. Weniger Teile, kürzere Reparaturzeiten und Intervalle. Und auch die Kosten für den Treibstoff sind natürlich geringer.

Die künftige Version des Gripen, den die Schweiz favorisiert, wird modernisiert und ein Triebwerk haben, das leistungsstärker ist als bei den Vorgängerversionen. Wie wirkt sich das auf die Fähigkeiten in Einsätzen aus?
Erstens ist die Steigleistung bedeutend besser, zweitens kann er mehr Gewicht zuladen und mehr Waffen und Treibstoff mitführen. Und drittens ist das Triebwerk identisch mit dem Triebwerk des F/A-18-Kampfjets in der Schweiz. Bei der Wartung dürfte man also auf der bisherigen Erfahrung aufbauen können.

Ausserdem soll der Tank vergrössert werden, um eine höhere Reichweite für den Kampfjet zu erzielen. Spielt das in einem Land wie der Schweiz überhaupt eine Rolle?
Die Reichweite ist wesentlich erhöht, um ungefähr 30 Prozent. Das spielt in der Schweiz so gesehen keine Rolle, aber damit wird natürlich auch die maximale Verweildauer in der Luft erhöht. Das hat Vorteile in allen Einsätzen.

Laut Presseberichten soll der Gripen in der Evalution in einigen Punkten schlechter abgeschnitten haben als Rafale und Eurofighter – zum Beispiel bei Luft-Luft-Kampfeinsätzen. Hat er dort nach Ihrer Einschätzung wirklich Schwächen?
Da sind im Vergleich bei der Evalution durchaus Nachteile festgestellt worden. Primär beim Radar und den Sensoren und bei der mitgeführten Waffenmenge. Diese Nachteile sind bei der neuen MS21-Version aber durch ein neues Radarsystem und durch mehr Aufhängepunkte für Waffensysteme zum grossen Teil eliminiert worden.

Neben Kampfeinsätzen sollen die Nachfolger der Tiger-Kampfjets auch für Überwachungsflüge geeignet sein. Wie beurteilen Sie den Gripen in dieser Hinsicht?
Der Gripen ist perfekt für den Luftpolizeidienst ausgelegt. Er macht ja diese Einsätze ein Tschechien und Ungarn für die Nato und natürlich auch in seinem «Heimatland» Schweden.

Der Kampfjet von Saab gilt zudem als robustes Arbeitspferd. Er ist für Einsätze in harten Wintern ausgelegt und soll von versierten Piloten auch auf schlechten Pisten gelandet werden können …
Das habe ich mit eigenen Augen gesehen. In Schweden wird er sogar von verschneiten Strassen aus eingesetzt – im Grunde Feldstrassen im Norden des Landes. Als Begleitung reicht ein Lastwagen und Equipment, also Waffen und Treibstoff. Früher sind unsere Kampfjets in der Schweiz auch auf speziellen Autobahnabschnitten gestartet und gelandet. Das war bis in die Achzigerjahre hinein so. Heute wird natürlich keine Autobahn mehr für Übungen gesperrt, aber in Notfallszenarien ist das eine Option.

Das Problem künftiger Modernisierungen des Systems hat bei der Debatte um die Anschaffung auch eine Rolle gespielt. Wie schätzen Sie den Gripen bei diesem Punkt ein?
Es wird ja immer wieder kolportiert, dass Schweden sich dieses Flugzeug eigentlich nicht leisten könne. Schweden hat aber seit 1945 immer Flugzeuge gebaut, unterhalten und weiterentwickelt. Und der Staat hat sich gegenüber der Schweiz ja offiziell verpflichtet, dass er hinter dem Gripen stehe. Auch in den nächsten 30 Jahren. Daran ist ja nicht zu zweifeln.

Laut Fachberichten kann der schwedische Kampfjet unter fachkundiger Anleitung auch von normalen Wehrpflichtigen gewartet werden – ein Argument für die Verwendung in einer Milizarmee, wie in der Schweiz ...
Schweden hat tatsächlich darauf geschaut, ihn für die Wartung so einfach wie möglich zu machen. Ich habe dort selbst Zeitsoldaten gesehen, die diese Arbeiten verrichtet haben.

Unter dem Strich soll der Gripen auch deshalb bei der Instandhaltung kostengünstiger sein, ein wichtiger Aspekt bei einer Investition. Hat der Bundesrat heute eher mit Blick auf die Haushaltslage entschieden oder mit Blick auf künftige militärische Ansprüche?
Ich glaube, dass das ein Gesamtpaket ist. Man ist wohl Kompromisse bei der militärischen Sichtweise eingegangen, hat aber auch klar auf die Kosten geschielt. Und wahrscheinlich auch auf die politische Dimension, weil Schweden wie die Schweiz ein neutrales Land ist und nicht Mitglied der Nato. Das könnte der Schweiz in Zukunft auch helfen, bei ihren Entscheidungen von Bündnissen unabhängig zu bleiben.

Gibt es eigentlich einen Kampfjet-Typen, den Sie in der Endauswahl neben dem Gripen, Eurofighter und Rafale gerne gesehen hätten?
Nein. Zu diesem Zeitpunkt waren das die drei richtigen Flugzeuge. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.11.2011, 17:21 Uhr

Max Ungricht ist Aviatikfachmann und Chefredaktor der Zeitschrift «Cockpit». Er hat die Debatte um die Beschaffung neuer Kampfjets in der Schweiz von Anfang an verfolgt. (Bild: PD)

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