In Urnäsch trägt die Kuh Horn

In der Schweiz ist nur noch jede dritte Kuh behornt. Im appenzellischen Urnäsch hingegen wird es in ein paar Jahren nur noch Kühe mit Hörnern geben. Auch ohne Hornkuhinitiative.

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Fink wachsen zwei prächtige Hörner aus dem Kopf. Kühn geschwungen stechen sie in den Himmel, die Spitzen schwarz wie Kohle. Wie die Kuh breitbeinig am Elektrozaun steht und zum Säntis hochblickt, wirkt sie wie eine Wikingerin – selbstbewusst und etwas verwegen. «Wenn es keinen Zaun hätte, würde ich einen grossen Bogen um sie herum machen», sagt ein deutscher Wanderer mit Blick auf die Behornte. Seine Begleiterin aber meint: «Eine Kuh braucht Hörner. Sonst sieht sie entstellt aus.»

Seit ein paar Jahren, so beobachtet der Urnäscher Bauer Jürg Frischknecht, werden die Hörner seiner Kühe von den Wanderern häufiger und meist freudig kommentiert – weil sie seltener Horn sehen. Keine 30 Prozent der 700'000 Schweizer Kühe sind noch behornt, schätzt Thomas Jäggi, Fachmann für Viehwirtschaft beim Schweizer Bauernverband. Wie viele es genau sind, erhebt niemand. Jäggis Schätzung deckt sich aber mit dem Ergebnis einer repräsentativen Umfrage der Schweizerischen Nutztier-Organisation KAG Freiland. Danach waren es 2014 noch 27 Prozent. In Urnäsch jedoch trägt fast jede Kuh Horn. Ohne Hornkuhinitiative.

Religion Horn

Das ist auch fürs Appenzellerland ungewöhnlich – bereits in Urnäschs Nachbarsgemeinde Waldstatt treffen Wanderer öfter auf hornlose Tiere. Aber dort, so sagt Frischknecht, gehen weniger Bauern «z Berg». In einer Nacht im Frühsommer stehen sie um 1.30 Uhr auf, putzen die Kühe, bringen ihre Hörner mit Melkfett zum Glänzen und legen den drei Leitkühen eine Schelle um den Hals. Alles muss stimmen, wenn der Umzug noch bei Dunkelheit zum Sommersitz auf der Alp aufbricht – das Auge der Mitbauern am Strassenrand ist scharf, der Geist kritisch: Der geschnitzte Milcheimer hängt an der linken Sennenschulter, der Melkstuhl an der Rechten, der Kranz auf dem Hut sitzt links, die Schnalle der Schelle rechts. Wie wollen Kühe ohne Hörner in dieses durchkomponierte Bild passen? Kühe, die nicht ganz komplett erscheinen? Lange hiess es in Urnäsch, mit Kühen ohne Hörner könne ein Bauer nicht zur Alp fahren.

Das Horn zwischen den Kuhohren polarisiert: Die einen wollen es unbedingt, die anderen nicht. Letztere sagen, Hörner seien gefährlich. Es komme immer wieder zu tragischen Unfällen. Die anderen sehen Kühe ohne Horn um ihre Würde gebracht. Hörner von Wiederkäuern hätten auch eine wichtige Funktion, man könne sie nicht einfach wegbrennen. Manche sind überzeugt, dass Kühe mit Hörnern auch bessere, gesündere Milch geben. Und dass nur diese das Gen in sich tragen, um als Leitkuh den Alpaufzug anzuführen. «Für manche ist es fast wie eine Religion», sagt Sepp Neff, Präsident des Bauern­verbands Appenzell.

Auch wenn man sich heute in Urnäsch aufgeschlossen gibt und sagt, jeder Bauer müsse selber über Horn oder kein Horn entscheiden – das Bild, was eine rechte Kuh ist, hat sich in den Köpfen festgesetzt. Man sei der Tradition verbunden und springe nicht auf jeden Trend auf, sagen die Urnäscher von sich. Und ja: «Der Menschenschlag hier ist etwas verbohrt.»

Jürg Frischknecht bekäme viel Geld, würde die Initiative angenommen. 10'000 Franken pro Jahr – 500 Franken für jede seiner 20 Kühe. Dennoch steht er der Initiative kritisch gegenüber. «Man muss Freude an den Hörnern haben», sagt er. Gäbe es Geld dafür, könnten die Falschen motiviert werden. Solche, die nicht bereit sind, sich Zeit zu nehmen, um Ruhe in die Herde zu bringen. Und die die Hörner nicht pflegen.

«Ein schöner Goscht gibt Arbeit», sagt der Bauer über Hörner. Ist ein Kalb einjährig, zieht er ihm Hornführer über, damit das Horn nicht zur Seite oder vors Gesicht wächst. Er muss sie immer wieder anpassen, die Hörner feilen, wenn sie zu spitz geraten. Ohnehin wäre ihm lieber, er könnte genug mit seiner Milch verdienen statt auf Geld aus Bern angewiesen zu sein. Während er sprach, begann eine Kuh mit rauer Zunge die andere abzulecken. Nach Nüstern und Haarschopf leckt sie ihr nun das Ohr aus, dann arbeitet sie sich den Kuhkörper hinunter. Die Beleckte windet sich aufs Angenehmste berührt, die Augen geschlossen. Horn bekommt sie keines zu spüren.

Der Markt will sie ohne

Ausserhalb von Urnäsch ist der Anteil der Behornten simultan mit dem Milchpreis gesunken: Kleinere Betriebe gaben auf, andere vergrösserten sich dafür. Sie investierten in grosse Laufställe mit vollautomatischen Melkrobotern. Die Kühe können sich darin frei bewegen. Damit sie sich nicht verletzen, haben sie meist keine Hörner.

Die Zukunft ist – fast – hornlos. «Der Markt verlangt nach Kühen ohne Horn», sagt Sepp Neff, Präsident der Appenzeller Bauern. Züchter bekommen für Unbehornte mehr Geld. Am einfachsten ist es für die Bauern, wenn den Tieren erst gar keine Hörner wachsen, wie den Angusrindern. Unter jeder behornten Rasse finden sich auch einzelne Tiere ohne Horn, die weitergezüchtet werden. Bei Swissgenetics etwa können Bauern aus Dutzenden von Stieren wählen, mit deren Sperma sie ihre Kühe besamen lassen wollen. Über 200 Besamungstech­niker fahren mit ihrem Ejakulat zu den ­Höfen. Laut Direktor Stefan Felder ist das Angebot an hornlosen Stieren noch klein, die Nachfrage aber steigend.

In Urnäsch aber werden bald nur noch Kühe mit Hörnern leben. Der Grund ist der Käse – der Hornkuhkäse. Die Bauernfamilien, die zusammen eine Käserei ­gegründet haben, haben alle eine Vereinbarung unterschrieben: Sie wollen keine Kühe ohne Hörner mehr kaufen. Sie behalten nur noch die älteren Tiere ohne. Mit dem Hornkuhkäse möchten sie sich von der Konkurrenz abheben. «Auf der emotionalen Ebene können wir die Kunden damit durchaus berühren», meint Käsermeister Johann Schefer.

Dass der Käse besser ist, nur weil die Milch von behornten Kühen stammt, glaubt Schefer nicht. Und doch: An der Weltmeisterschaft in Wisconsin, USA, holte der Käse aus dem kleinen Urnäsch im März die Silbermedaille.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.07.2016, 17:45 Uhr

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Hornkuhinitiative

500 Franken pro Kuh mit Horn

Jeder Bauer und jede Bäuerin, die behornte Tiere halten, sollen 500 Franken pro Kuh und Jahr erhalten, für Ziegen 100 Franken. Das fordert der Initiant der Hornkuhinitiative, der Bergbauer Armin Capaul aus dem Berner Jura. Er will damit einen Anreiz schaffen, dass Bauern ihren Kühen die Hörner lassen. Diese werden den Jungtieren meist ausgebrannt – ein schmerzhafter Eingriff, für den die Tiere unempfindlich gemacht werden müssen.

Heute sind mindestens 70 Prozent der Kühe enthornt; Hörner brauchen mehr Pflege und Tiere mit Horn mehr Platz in Laufställen; in den herkömmlichen Anbindeställen sind Hörner weniger heikel. Die Landwirtschaftssubventionen will Capaul aber nicht erhöht, sondern anders verteilt sehen.

Die knapp 120'000 gültigen Unterschriften, die Capaul, unterstützt vom Verein Alpenparlament, Ende März vorlegen konnte, sind locker zusammengekommen. Der Bundesrat indessen lehnt die Initiative ab, wie er kürzlich bekannt gab. Es bestehe keine Gewähr, dass es durch die Beiträge den Tieren besser gehe. Hätten wieder mehr Tiere Hörner, könnte dies auch dazu führen, dass sie in den Ställen wieder vermehrt angebunden würden.

Der Bundesrat ist zudem der Meinung, dass nicht der Bund, sondern die Konsumenten den Zusatzaufwand abgelten sollen. Die Bauern müssten Produkte von behornten Tieren «speziell ausloben», damit sie diese teurer verkaufen könnten. Der Schweizer Bauernverband hat noch nicht offiziell Stellung bezogen, vertritt aber wie der Bundesrat – oder der Bundesrat wie der Bauernverband – die Meinung, dass die Konsumenten und nicht der Bund bezahlen sollen.

Als Erstrat wird wahrscheinlich der Ständerat über die Initiative debattieren. Die Botschaft des Bundesrats ist noch nicht an die Parlamentarier verschickt worden. So wird die Initiative frühestens in der Wintersession dieses Jahres beraten. (jho)


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