«In den nächsten zwei, drei Jahren müssen wir aussteigen»

Aymo Brunetti, Ex-Chefökonom des Bundes, skizziert den Weg, die Franken-Untergrenze aufzuheben.

«Der Schweizer Arbeitsmarkt funktioniert extrem gut»: Aymo Brunetti. (Foto: Adrian Moser)

«Der Schweizer Arbeitsmarkt funktioniert extrem gut»: Aymo Brunetti. (Foto: Adrian Moser) Bild: Keystone

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Wo hat man mehr Einfluss – als Chefökonom des Bundes oder als Wirtschaftsprofessor an der Universität Bern?
Beim Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) hatte ich einen gewissen Einfluss auf die Entscheidungsfindung des Volkswirtschaftsdepartements und damit direkt auf die Wirtschaftspolitik des Bundes. An der Uni kann ich hingegen freier reden. Ich muss nicht immer den Filter im Kopf haben, welches die offizielle Bundesratsposition ist, und kann über alle Themen sprechen.

Wie sah dieser «Filter» aus?
Ich musste mich nie verleugnen – sonst hätte ich es nicht so lange beim Bund ausgehalten. Aber zu gewissen Themen konnte ich mich als Chefökonom nicht äussern, etwa zur Geldpolitik der Nationalbank. Wenn, dann machte ich allgemeine Aussagen zu «den Zentralbanken». Da muss ich jetzt nicht mehr so aufpassen.

Sie haben in Basel Ökonomie studiert. Wie viel davon konnten Sie später im Berufsleben brauchen?
Dass man das Gelernte direkt anwenden kann, ist eher selten. Was ich aber gelernt habe, ist eine Art zu denken, eine Methode, an wirtschaftliche Fragen heranzugehen. Das ist jetzt auch mein Ziel als Professor: Nicht an erster Stelle Faktenwissen zu lehren, sondern wie man analytisch an eine Frage herangeht und dass die Studierenden eine objektive Beurteilung und eine Meinung klar unterscheiden können.

Sie kennen aus Ihrer Unizeit unter anderem Beatrice Weder di Mauro, Ex-Mitglied der deutschen «Wirtschaftsweisen» und UBS-Verwaltungsrätin, und den neuen Seco-Chefökonomen Eric Scheidegger.
Ja, mit ihnen diskutiere ich auch heute noch regelmässig wirtschaftliche Fragen. Die Kontakte von der Uni Basel sind bis heute ein wichtiges Netzwerk.

. . . dann ist für Studenten die Kaffeepause manchmal wichtiger als die Vorlesung selbst?
Selbstverständlich.

Seit über einem Jahr besteht die Franken-Untergrenze der Nationalbank. Wie viel verdankt ihr die Schweizer Wirtschaft?
Die Festlegung des Mindestkurses war eine extrem wichtige Massnahme. Ohne diesen Schritt hätte es wohl zahlreiche Aufwertungsschübe des Frankens gegeben. Das hätte einen starken Einbruch im Exportsektor ausgelöst, und dieser hätte auf den Rest der Wirtschaft übergeschlagen. Ohne den Mindestkurs wäre die Schweiz mit grosser Wahrscheinlichkeit in eine markante Rezession geschlittert. Dies wäre im Grunde völlig zu Unrecht geschehen, denn dieser Wechselkurs hätte mit der Realität der Wirtschaftsentwicklung nichts zu tun gehabt – sondern mit der Panik auf den Finanzmärkten. Die Akteure suchen Sicherheit um jeden Preis.

Aber die Untergrenze von 1.20 Franken ist im Grunde zufällig gewählt.
Das Niveau war sehr gut gewählt. Damals hiess es, der reale Wechselkurs liege zwischen 1.30 und 1.40 Franken pro Euro. Die 1.20 sind ein Sicherheitsnetz gegen einen kompletten Absturz. Gleichzeitig war der Franken bei 1.20 zum Zeitpunkt der Festlegung immer noch stark überbewertet. Mit 1.20 bewegen wir uns wegen der höheren Inflation im Euroraum immer mehr auf einen Gleichgewichtskurs zu. Das heisst auch, dass wir in den nächsten zwei bis drei Jahren aus dem Mindestkurs aussteigen müssen.

Wie wird dieser Ausstieg ablaufen?
Der ideale Ausstieg wäre, wenn die Eurokrise gelöst ist und sich das Umfeld beruhigt. Dann wäre ein kompletter Ausstieg mit geringen Risiken verbunden. Das ist jedoch das Schönwetter-Szenario. Realistischer ist wohl ein langsamer Ausstieg – etwa indem die Mindestgrenze schrittweise gesenkt würde.

Und bei irgendeinem Kurs sollte dann der Markt greifen?
Irgendwo käme wohl ein Niveau, bei dem die Nationalbank überhaupt nicht mehr intervenieren müsste, womit der Mindestkurs de facto aufgehoben würde. Eine Alternative könnte sein, dass man den Schweizer Franken gegenüber einem Korb von Währungen fixiert und nicht nur gegenüber dem Euro. Damit könnte man sich vom fixen Eurokurs von 1.20 etwas lösen. In jedem Fall wird der Ausstieg eine grosse Herausforderung und ein Schritt, den man so noch nie getestet hat.

Im Moment scheint sich der Kurs auf 1.21 einzupendeln. Wäre jetzt nicht der richtige Moment auszusteigen?
Dafür ist es noch zu früh. Die Eurozone hat sich zwar etwas beruhigt, nachdem die Europäische Zentralbank ankündigte, uneingeschränkt Staatsanleihen von krisengeschüttelten Ländern zu kaufen. Aber die Beruhigung muss sich erst einmal konsolidieren. Sonst besteht die Gefahr, wenn man den Mindestkurs aufgibt, dass sich bei der nächsten schlechten Nachricht aus der Eurozone wieder ein Aufwertungsschub auf den Franken ergibt. Solange diese Gefahr besteht, ist es meines Erachtens besser, bei 1.20 zu bleiben.

Der Tourismus scheint durch die Frankenstärke am meisten in Mitleidenschaft gezogen worden zu sein. Woran liegt das?
Die Branche ist gleich zwei Faktoren ausgesetzt, die sich schlecht entwickelt haben: der ausländischen Konjunktur und dem Euro-Franken-Wechselkurs. Der Tourismus kann – anders als die Industrie – kaum Vorleistungen im Ausland zum günstigen Eurokurs einkaufen. Dazu kommt, dass der im Tourismusbereich ohnehin laufende Strukturwandel dadurch verstärkt wird. Es gibt tendenziell zu viele Betriebe mit zu geringer Auslastung. Die Anpassungen sind für die Betroffenen zwar oft sehr problematisch, aber für ihre längerfristige Wettbewerbsfähigkeit eine notwendige Entwicklung. Billiger können viele Hoteliers kaum werden, deshalb müssen sie primär etwas im Qualitätsbereich tun.

BAK Basel prognostiziert, dass bei den Schweizer Logiernächten nächsten Sommer die Talsohle erreicht werde. Ist das nicht viel zu optimistisch?
Mein Hauptszenario ist, dass es keine weitere schwere Krise gibt, aber dass es sehr lange dauern wird, bis sich der Euroraum und die USA von der Krise erholt haben und wieder ein normales Wachstum aufweisen. Dass der Tourismus die Talsohle durchschritten hat, ist gut möglich. Es wird aber kaum einen starken Aufschwung geben. Für den Schweizer Tourismus ist die Inflation im Euroraum jedoch positiv: Während der Wechselkurs bei 1.20 bleibt, ist die Teuerung im Euroraum etwa 3 Prozentpunkte stärker als in der Schweiz. Damit wird die Schweiz jedes Jahr 3 Prozent wettbewerbsfähiger.

Jüngst haben zahlreiche Firmen angekündigt, Stellen zu streichen. Sind die Zeiten der Vollbeschäftigung vorbei?
Nein, das ist sicher nicht der Fall. Die Arbeitslosenquote dürfte auch mittelfristig im internationalen Vergleich sehr tief bleiben. In einem Abschwung, wie wir ihn derzeit erleben, hört man immer viel von Stellenabbau, weil es oft viele Personen gleichzeitig an einem Ort betrifft. Der Aufbau von Arbeitsplätzen erfolgt hingegen in einzelnen Firmen in kleinen Schritten und erregt deshalb kaum Aufmerksamkeit. Tatsächlich entstehen mittelfristig in der Schweiz jedoch deutlich mehr Arbeitsplätze als abgebaut werden. Sonst könnten wir die Personenfreizügigkeit in der Schweiz gar nicht bewältigen. Der Schweizer Arbeitsmarkt hat in den letzten zehn Jahren zahlreiche Arbeitsplätze geschaffen. Er funktioniert extrem gut. Wir sollten unbedingt vermeiden, an diesem herumzubasteln. Generelle Mindestlöhne von 4000 Franken zum Beispiel sind ein sicherer Weg zur Verschlechterung der Situation.

Weshalb kam die Schweiz trotz ihrer starken Währung so gut durch die Krise?
Die Schweiz hat sich in den letzten drei, vier Jahren im internationalen Vergleich verblüffend gut entwickelt. Weshalb? Es sind verschiedene Faktoren. Die Schweiz hatte vor der Krise keine Ungleichgewichte wie etwa eine Immobilienblase. Dazu kommt, dass ein Teil unserer Exporte ziemlich krisenresistent ist, besonders die Pharmabranche. Auch die Personenfreizügigkeit ist für den Erfolg mitverantwortlich. Die Zuwanderung hat die Schweiz während der Krise stabilisiert: Selbst während der Rezession sind der inländische Konsum und der Bausektor weiter gewachsen.

Aber wie nachhaltig ist ein Aufschwung, welcher der Einwanderung zu verdanken ist?
Wir haben dank der Personenfreizügigkeit permanent einen viel grösseren Pool an Arbeitskräften. Natürlich gibt es auch die – politische – Frage, wie lange es mit der Einwanderung so weitergehen kann. Ökonomisch gesehen aber kann die Einwanderung noch lange weitergehen.

Erstellt: 22.12.2012, 11:08 Uhr

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Zur Person

Der 49-jährige Aymo Brunetti ist seit Februar ordentlicher Professor für Wirtschaftspolitik und Regionalökonomie an der Universität Bern. Der Basler ist zudem Direktor des im Februar neu gegründeten Zentrums für Regionalentwicklung der Uni Bern. Der Ökonom erhielt 1992 den Doktortitel an der Universität Basel und habilitierte vier Jahre später. Nach mehreren Auslandsjahren, darunter an der Universität Harvard, trat er 1999 ins Volkswirtschaftsdepartement ein. Dort blieb er 13 Jahre lang – zuletzt als Leiter der Direktion für Wirtschaftspolitik im Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco).

Kürzlich ernannte ihn Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf zum Leiter der Expertengruppe für die Weiterentwicklung der Finanzmarktstrategie des Bundes. Die Gruppe, bestehend aus Behördenvertretern und Professoren, muss bis spätestens Mitte des nächsten Jahres Vorschläge und Handlungsoptionen vorlegen. Brunetti hatte sich bereits beim Seco mit der Finanzmarktregulierung auseinandergesetzt. So war er Mitglied der «Too big to fail»-Expertengruppe. (nt)

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