In der Höhle des Löwen

Umweltschützer und Grüne gelten im Wallis als Feindbilder wie Wolf und Luchs. Ausgerechnet in diesem Kanton halten die Grünen diesen Samstag ihre Delegiertenversammlung ab.

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Wer im Wallis für Umweltschutzanliegen kämpft, braucht Mut: Als 1986 Greenpeace-Aktivisten Hängematten aufspannten und sich an Bäume ketteten, um die Rodung von fünf Hektaren Wald für die Skiweltmeisterschaften 1987 zu verhindern, zirkulierten in der Region Flugblätter mit der Aufschrift: «Hängt die Grünen auf, solange es noch Bäume hat.» 1991 wurde ein WWF-Sekretär in seiner Wohnung sogar von drei Unbekannten spitalreif geprügelt.

Grüne sind für das Walliser Politestablishment und die Tourismuspromotoren bis heute ein rotes Tuch. Auch weil sie als einzige Partei offensiv für die Zweitwohnungsinitiative und das Raumplanungsgesetz eintraten – beide Vorlagen wurden von den Walliser Stimmbürgern abgelehnt, schweizweit dagegen angenommen.

«Überraschend und interessant»

In dieser den Grünen nicht gerade wohlgesonnenen Umgebung hält die Partei am Samstag ihre Delegiertenversammlung ab – genauer genommen im Lonza-Städtchen Visp. Darüber staunt zuerst einmal die politische Konkurrenz: «Überraschend und interessant zugleich», findet der frühere Gemeindepräsident und heutige Ständerat René Imoberdorf (CVP/CSP) den Auftritt der Grünen. Im Oberwallis seien die Grünen politisch unbedeutend – was aber nicht bedeute, dass man hier nicht aufgeschlossen sei für umweltpolitische Anliegen. Bei den Grünen im Oberwallis handle es sich hauptsächlich um Einzelkämpfer, die letztmals beim Abstimmungskampf für die Zweitwohnungsinitiative in Erscheinung traten, so Imoberdorf. Er frage sich, aus was für Überlegungen heraus sich die Grünen in Visp versammeln wollen.

«Das passt sehr gut zusammen»

«Die Grünen Wallis haben gewünscht, dass wir eine Delegiertenversammlung ausserhalb der grossen Zentren durchführen», erklärt die Parteipräsidentin und Nationalrätin Regula Rytz (BE). Und: «Da wir uns inhaltlich sowieso mit dem Strukturwandel und der wirtschaftlichen Entwicklung der Bergregionen beschäftigen, passt das sehr gut zusammen.» Die Annahme der Zweitwohnungsinitiative habe einen Strukturwandel beschleunigt, so Rytz. Klimaveränderung und globale Entwicklungen stellten den Tourismus vor neue Herausforderungen. «Hier können grüne Antworten weiterhelfen.» Man wolle aufzeigen, wie die Vermarktung von regionalen Produkten und die Modernisierung des Tourismussektors neue Perspektiven schaffen können. Zur Kompensation des Arbeitsplatzabbaus im Zweitwohnungsbau wollten die Grünen zudem ein spezifisches Gebäudesanierungsprogramm für die Berggebiete auslösen.

Weber und andere fremde Fötzel

Nur nervt die Walliser nichts mehr, als wenn man ihnen von aussen aufzeigen will, wie man die Bergregionen nachhaltig bewirtschaften soll. Dies musste 1973 schon Umweltschützer Franz Weber erfahren. Weber war damals noch Journalist, engagierte sich jedoch gegen Ausbaupläne im Val d'Anniviers, einem südlichen Seitental bei Siders, gegen den Bau neuer Feriensiedlungen zum Verkauf an Ausländer. Als er in Chandolin vor Ort Fotos schiessen wollte, wurde Weber vom Dorfpräsidenten hart attackiert. In Bern schränkte man später den Verkauf von Ferienwohnungen an Ausländer ein – die bautouristische Erschliessung ging trotzdem weiter.

Seit der Episode mit dem Waadtländer Weber hält sich im Wallis hartnäckig das Vorurteil, Umweltschützer seien Auswärtige, also fremde Fötzel. Obschon gegen Ende der Siebzigerjahre der naturverbundene einheimische Schriftsteller Maurice Chappaz die Ekzesse des Bautourismus anprangerte. In den Achtzigern versuchten die Walliser Vertreter von Schweizer Umweltverbänden die Entwicklung in nachhaltigere Bahnen zu lenken – mit Einsprachen gegen illegale Terrassierungen von Skipisten und den Bau von Beschneiungsanlagen.

Von der SP zu den Walliser Grünen

Politisch fand man bei der SP eine Heimat, welche grüne Themen konsequent bewirtschaftete. Die Oberwalliser Gruppe Umwelt und Verkehr (OGUV) zum Beispiel, welche die Autobahnplanung im Oberwallis massgeblich beeinflusste und noch heute aktiv ist, war ein Ableger der SP Oberwallis – auch wenn die Mitgliederstruktur zu Zeiten der Autobahnkämpfe weit über das Parteispektrum hinausreichte. Die Idee der Alpeninitiative, welche die Schweizer Verkehrspolitik seit 20 Jahren entscheidend beeinflusst, reifte in den Köpfen von Oberwalliser SP-Umweltaktivisten wie Andreas Weissen, seit 2009 Geschäftsführer des Netzwerks Schweizer Pärke in Bern.

Die Umweltverbände sind heute etwas zahmer, halten sich mit Einsprachen zurück. Die Auseinandersetzungen sind nicht mehr ganz so hart. Es gibt inzwischen sogar eine Grüne Partei im Wallis, die auch im Kantonsparlament vertreten ist. Aber entkrampft ist die Beziehung zwischen Grünen und dem Kanton trotzdem nicht – weil Wolf und Luchs, Zweitwohnungsinitiative und Raumplanungsgesetz den Zorn des Bergvolkes auf die Grünen, die man dafür mitverantwortlich macht, stets von neuem füttern.

Die grüne Hoffnung in den Bergen

Trotzdem hat Regula Rytz keine Angst, dass man die Versammlung in Visp als Provokation empfinden könnte: «Die Grünen waren im Wallis die einzige Partei, die ein Ja zum Raumplanungsgesetz gewagt haben. Dies löste heftige Diskussionen und auch böse Worte aus», sagt die Parteichefin. «Der Mut unserer Mitglieder, im kalten Gegenwind für ihre Meinung einzustehen, hat auf der Gegenseite auch Respekt ausgelöst.» Sie sei deshalb überzeugt, dass die Grünen zu einem Kulturwandel und mehr Offenheit beitragen könnten – einer Offenheit, die für die Entwicklung der Bergregionen zentral sei. Die Situation werde sich noch mehr entspannen, wenn die Grünen in den Bergregionen stärker würden.

Erstellt: 23.08.2013, 12:27 Uhr

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