«In der Schweiz herrscht eine Denkbarriere»

Vier Wochen Vaterschaftsurlaub: Travailsuisse will mit einem flexiblen Modell Männer entlasten. Geschlechterforscherin Christa Binswanger sagt, welche Chancen das Vorhaben hat – und warum die Firmen jetzt handeln müssten.

Männer wollen heute mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen: Ein Vater liest seinen beiden Töchtern vor.

Männer wollen heute mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen: Ein Vater liest seinen beiden Töchtern vor. Bild: Keystone

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Frau Binswanger, in der Schweiz gibt es keinen gesetzlich verankerten Vaterschaftsurlaub. Warum sind die zahlreichen politischen Vorstösse immer gescheitert?
Das Hauptproblem ist, dass Elternschaft in der öffentlichen Wahrnehmung noch immer stark Mutterschaft ist – der Vater fehlt in diesem Bild. Oder anders gesagt: Das Einernährermodell hält sich hartnäckig in den Köpfen. Und dies, obwohl nur noch 30 Prozent der Mütter ihre Kleinkinder Vollzeit betreuen. In dieser Hinsicht herrscht eine Denkbarriere. Zwar sind Frau und Mann gesetzlich gleichgestellt, doch die Aufgaben werden nach wie vor getrennt. Die Hauptverantwortung für das Einkommen liegt bei den Vätern. Nur in vier Prozent der Haushalte mit Kleinkindern arbeiten beide Elternteile Teilzeit. Studien belegen aber einen Einstellungswandel bei jungen Männern: Sie wollen aktive Väter sein und sich um ihre Kinder kümmern. Zwischen diesem Denken und der Realität besteht in der Schweiz ein Spannungsfeld.

Travailsuisse fordert 20 Tage bezahlten Vaterschaftsurlaub. Aber sogar Modelle mit zehn Tagen hatten bislang keinen Erfolg. Will der Verband nun zu viel auf einmal?
Nein, überhaupt nicht. Aus der Gleichstellungsperspektive ist dies sogar eine Minimalforderung. Der Vaterschaftsurlaub oder die Elternzeit, die sich Mutter und Vater aufteilen, ist notwendig und zeitgemäss. So hat etwa eine Studie im Kanton St. Gallen aufgezeigt, dass 90 Prozent der Väter ihre Arbeitszeit gerne reduzieren würden. Eine Familiengründung ist für jeden Mann ein wichtiger Moment in seiner Biografie – aber auch eine belastende Zeit für beide Elternteile: Mütter arbeiten pro Woche durchschnittlich 67,4 und Väter 69,5 Stunden im Haushalt und am Arbeitsplatz. Deshalb brauchen Väter eine Unterstützung, um Beruf und Familie besser vereinbaren zu können. Es ist aber wichtig, dass sie den Urlaub flexibel einziehen können.

Flexibilität ist auch im Vorschlag von Travailsuisse vorgesehen: Väter könnten beispielsweise während 20 Wochen auf ein 80-Prozent-Pensum reduzieren. Würde das die Akzeptanz des Urlaubs erhöhen?
Das ist gut möglich. Dieses Modell ist etwa in Deutschland erfolgreich. Ein Rätsel bleibt aber, warum nur wenige Männer heute nach der Geburt eines Kindes Teilzeit arbeiten. Viele möchten dies zwar, fürchten aber, damit ihre Aufstiegschancen zu gefährden. Nur 10 Prozent der Väter mit Kindern unter sechs Jahren arbeiten mit reduziertem Pensum. In dieser Hinsicht müssten auch die Arbeitgeber umdenken.

Inwiefern lohnt sich eine familienfreundliche Personalpolitik für die Unternehmen?
Studien verdeutlichen, dass die Mitarbeiterzufriedenheit und die Loyalität gegenüber der Firma steigt, wenn ein Vaterschaftsurlaub möglich ist. Zudem sind jene Männer, die davon profitieren, weniger krank. Zwar ist eine solche Auszeit mit mehr Koordination und allenfalls auch Kosten für das Unternehmen verbunden, aber weil die Männer dadurch zu besseren Mitarbeitern werden, lohnt sich der Aufwand allemal.

Schweizer Unternehmen handhaben den Vaterschaftsurlaub sehr unterschiedlich – nur wenige geben nach der Geburt mehr als zwei Tage frei. Welchen Anreiz bräuchten sie für eine Verlängerung?
Der demografische Wandel sollte eigentlich Anreiz genug sein: Weil sich deswegen ein Fachkräftemangel abzeichnet, müssten sich die Firmen etwas einfallen lassen, um für Väter – und natürlich auch für Mütter – attraktiver zu werden. Teilzeitmodelle für beide Geschlechter sowie Homeoffice würden die Kinderbetreuungsfrage erleichtern. Und unternehmensinterne Vätergruppen, in denen auch Personalverantwortliche involviert wären, könnten den Männern Karrieresorgen ersparen.

Firmen richten sich nach den politischen Vorgaben. Doch der Bundesrat betont, ein Vaterschaftsurlaub habe gegenüber anderen familienpolitischen Massnahmen keine Priorität.
Damit setzt er ein falsches Zeichen. In dieser Haltung widerspiegelt sich die Diskrepanz zwischen dem nach wie vor in den Köpfen verankerten Rollendenken und den realen Erwerbssituationen der Eltern in diesem Land. Echte Gleichstellung erreichen wir nur, wenn die unterstützenden Massnahmen ausgebaut werden.

Kritiker befürchten hohe Kosten – Befürworter präsentieren Finanzierungsmodelle über die Erwerbsersatzordnung. Wie sind die Kosten eines flächendeckenden Urlaubs einzuordnen?
Es wäre wichtig, dass der Vaterschaftsurlaub vom Bund finanziert würde – und nicht von den einzelnen Unternehmen. Bei einer Abrechnung über die Erwerbsersatzordnung würden sich die Beiträge für die Arbeitgeber und -nehmer nur leicht erhöhen: Wir sprechen hier von der Grössenordnung eines Kaffees pro Monat. Die symbolische Wirkung wäre dafür umso grösser.

Gegner des Vaterschaftsurlaubs sagen, Väter könnten dafür Ferien einziehen oder ihn selber finanzieren.
Damit wird eine soziale Ungerechtigkeit geschaffen: Nicht alle Eltern können sich das leisten. Sogar vier Wochen Ferien im Jahr sind ja zu wenig, um die Kinderbetreuung etwa während der Schulferien sicherzustellen. Zum Vergleich: Schweden schreibt den Männern vor, 60 Tage Vaterschaftsurlaub zu beziehen – ob am Stück oder durch eine Pensumsreduktion ist ihnen freigestellt. Tun sie das nicht, wird dieses Guthaben der gemeinsamen Elternzeit von insgesamt 480 Tagen abgezogen. 42 Prozent der schwedischen Väter lassen sich diese Tage denn auch nicht entgehen.

Sie nennen Schweden als positives Beispiel. Die Schweiz bildet im OECD-Vergleich das familienpolitische Schlusslicht. An welchen weiteren Modellen könnte sie sich orientieren?
In Bezug auf die institutionalisierten Strukturen ist Schweden sicherlich Vorreiter. Das fortschrittliche, kostengünstige Kinderbetreuungssystem bewirkt auch eine gerechtere Aufteilung der Haus- und Erwerbsarbeit zwischen den Geschlechtern. Daneben spielt aber auch die gesellschaftliche Akzeptanz eine wichtige Rolle: Neben Schweden ist in dieser Hinsicht zum Beispiel auch Frankreich ein Vorbild. Dort ist es kein Stigma, seine Kinder in die Krippe zu schicken. Und eine Frau gilt auch als fürsorgliche Mutter, wenn sie 100 Prozent arbeitet. Unterschiedliche Denkmodelle hierzu finden sich aber auch innerhalb der Schweiz: Bei Untersuchungen zur Umsetzung der Gleichstellung schneiden die welschen Kantone besser ab als ländliche Regionen in der Deutschschweiz. Bei der politischen Umsetzbarkeit des Vaterschaftsurlaubs könnte sich also ein Rösti- sowie ein Stadt-Land-Graben abzeichnen.

Erstellt: 14.05.2014, 16:56 Uhr

Vaterschaftsurlaub hat einen schweren Stand

Im Unterschied zu den meisten OECD-Staaten ist der Vaterschaftsurlaub in der Schweiz nicht gesetzlich geregelt. Kantone und grössere Städte gewähren ihren männlichen Angestellten zwar teilweise einen Urlaub nach der Geburt eines Kindes. Doch private Arbeitgeber kennen zumeist keine entsprechende Regelung. Travailsuisse, der Dachverband der Arbeitnehmenden, will das ändern: Er fordert die Einführung eines flächendeckenden Vaterschaftsurlaubs von vier Wochen. Die 20 Tage sollen die Männer flexibel beziehen können – entweder am Stück oder an eine temporäre Pensumsreduktion gekoppelt. Finanziert würde die Absenz gemäss dem Modell von Travailsuisse über die Erwerbsersatzordnung (EO).

Die Forderung von Travailsuisse reiht sich in eine grosse Anzahl politischer Vorstösse zum Thema ein. Die letzten liegen wenige Wochen zurück. Doch sowohl der Vaterschaftsurlaub als auch eine gemeinsame Elternzeit haben politisch einen schweren Stand: Der Bundesrat will die Anliegen «nicht prioritär» behandeln, wie er in entsprechenden Stellungnahmen mehrfach betonte. Dennoch liess er letzten Herbst als Diskussionsgrundlage acht mögliche Modelle ausarbeiten, wie ein solcher Urlaub geregelt werden könnte. (rbi)

Christa Binswanger ist Leiterin des Fachbereichs Gender und Diversity an der Universität St. Gallen (HSG).

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