In der Schweizer Meth-Hauptstadt

Crystal Meth ist in der Schweiz angekommen. Auf die Ausbreitung dieser sehr harten Droge reagiert hat bislang aber einzig Neuenburg.

Eine Droge, die sehr schnell süchtig macht: Im Kanton Neuenburg sichergestelltes Crystal Meth. Foto: Polizei Neuenburg

Eine Droge, die sehr schnell süchtig macht: Im Kanton Neuenburg sichergestelltes Crystal Meth. Foto: Polizei Neuenburg

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Wenige Tage nach Abschluss der Arbeit an dieser Reportage hat sich Olivier Guéniat, der langjährige Chef der Neuenburger Kriminalpolizei, das Leben genommen. Der 50-Jährige wurde zu Beginn der letzten Woche an seinem Wohnort tot aufgefunden. In Absprache mit der Neuenburger Polizei hat Tagesanzeiger.ch/Newsnet entschieden, die Reportage zu veröffentlichen – und damit die Arbeit von Olivier Guéniat zu würdigen. Er hatte seinen Beruf mit grossem Engagement ausgeübt und war bei der Bekämpfung von Drogenkriminalität sowohl national als auch international ein anerkannter Experte. (TA)

«Jahrgang 1999, Jahrgang 2000. Dieses Mädchen war erst 13, als es den Stoff das erste Mal genommen hat.» Jean-Marie Coste von der Drogenberatungsstelle in Neuenburg geht einen Stapel Papiere durch, den er vor sich auf dem Tisch liegen hat. Es sind die Akten von mehrheitlich jungen Menschen. Von Neuenburgern, die süchtig nach Methamphetamin sind. Einer Droge, die euphorisierend wirkt, aufputscht – und sehr schnell abhängig macht. Keine Region der Schweiz ist stärker betroffen. Von rund 1000 Konsumenten geht die Polizei aus. Das wäre etwa eine von 100 Personen zwischen 15 und 49 im Kanton.

Via Sexgewerbe gelangte der Stoff in die Schweiz

Wie das Methamphetamin ursprünglich nach Neuenburg kam, wissen die Behörden genau: «1998 haben wir zum ersten Mal eine Thaipille sichergestellt», sagt Olivier Guéniat, Chef der Kriminalpolizei. Die Thaipille ist eine von mehreren Varianten, in denen die Droge verbreitet wird. Erst Jahre später tauchte in der Schweiz das sogenannte Crystal auf, Methamphetamin in Form von kleinen Kristallen.

In den 90er-Jahren hatte Methamphetamin in Südostasien Opiate als meistverbreitete Droge abgelöst. Via Sexgewerbe gelangte der Stoff auch in die Schweiz. Im Fall von Neuenburg spielte eine Thailänderin die entscheidende Rolle. Ursprünglich mit einem Schweizer verheiratet, eröffnete sie mehrere Massagesalons, in deren Umfeld Methamphetamin verkauft wurde. Als Drogenkuriere fungierten thailändische Prostituierte, die jeweils für drei Monate einreisen durften. «Die Pillen haben alle diesen süssen Vanillin-Geschmack», sagt Polizist Guéniat. Trotzdem seien sie fast nicht zu entdecken.

Die Frau und ihr Netzwerk sind vor Jahren aufgeflogen, doch einen ersten Kreis von Süchtigen liessen sie zurück. Damals waren es in Neuenburg zwischen 40 und 50 Personen. «Heute haben wir ein Problem mit Methamphetamin», sagt Guéniat. «Und es wird grösser.»

Sichtbar ist die Droge in Neuenburg nicht

In diesem schönen Städtchen am See, an diesem sonnigen Tag im Mai, wirkt das, was der Kripochef erzählt, irgendwie unwirklich. Sichtbar ist die Droge in Neuenburg nicht. Es gebe keine offene Szene, sagt Guéniat. Der Konsum und Handel finde zum grössten Teil im privaten Rahmen statt. Die Bevölkerung habe komplett überrascht reagiert, als die ­Behörden begonnen hätten, sie über Methamphetamin zu informieren.

Doch der Stoff existiert – an vielen Orten der Schweiz. Und in grösseren Mengen, als es die Kriminalstatistiken vermuten lassen. Entdeckt wird, wonach die Polizei schwerpunktmässig sucht. Wie Gespräche mit Vertretern mehrerer Korps zeigen, gehört Methamphetamin ausserhalb von Neuenburg derzeit nicht dazu. Gesucht haben dafür die Forensiker der Universität Lausanne. Seit einigen Jahren führen sie in Schweizer Städten Abwassertests durch. Drogen hinterlassen Spuren in den menschlichen ­Ausscheidungen. «Und Methamphetamin ist im Abwasser gut feststellbar», sagt die Lausanner Wissenschaftlerin Lisa Benaglia.

«Lange Zeit sind wir nicht an die Süchtigen herangekommen.»Jean-Marie Coste, Drogenberatungsstelle

Neuenburg ist die Meth-Hauptstadt der Schweiz, das ist das Resultat von mehreren Untersuchungen ab 2014. Gemessen werden die Rückstände im Abwasser im Verhältnis zur Einwohnerzahl einer Stadt. Die Werte aus Neuenburg sind um ein Vielfaches höher als in europäischen Metropolen wie London oder Paris, in denen nur selten Crystal eingenommen wird. Doch auch Zürich, Basel und Bern bewegen sich in ähnlichen Sphären wie Neuenburg. Kaum betroffen sind dagegen die Westschweizer Grossstädte Genf und Lausanne.

Nicht möglich seien Aussagen zu Zahl und Art der Konsumenten, sagt Benaglia. Die Spuren im Wasser könnten von wenigen Schwerstsüchtigen oder von vielen Gelegenheitsnutzern stammen. Hier sind die Polizeien weiterhin auf ihre eigenen Schätzungen angewiesen. Klar ist nur, dass es sich bei Meth nicht um eine reine Partydroge handelt. Der Konsum ist unter der Woche und an den Wochenende fast gleich hoch.

Der grossen Masse ist die Wirkung zu extrem

Abwassertests seien eine gute Methode, um Drogentrends zu erkennen, sagt Frank Zobel, Vizedirektor der Organisation Sucht Schweiz. «Die Tests sind objektiver als Umfragen oder Polizeistatistiken.» Zobel warnt jedoch vor Panikmache. Die Probleme in der Schweiz seien nicht mit jenen in den europäischen Meth-Hotspots vergleichbar. Es sind dies vor allem Orte im tschechisch-deutschen Grenzgebiet.

Methamphetamin braucht lange, um sich in einer Gesellschaft als Droge zu etablieren. Das zeigt nicht nur das Beispiel Neuenburg. In Tschechien begann die Verbreitung schon in den 70er-Jahren. Am Anfang standen hier nicht thailändische Prostituierte, sondern Chemiewerke, über die sich die Zutaten für die Herstellung beziehen liessen. «Es handelt sich um eine sehr starke Droge», sagt Zobel. Der grossen Masse sei die Wirkung zu extrem. Doch einmal etabliert, ist sie kaum mehr wegzubringen.

«Über die Jahre haben nur wenige aufgehört.»Olivier Guéniat, Kriminalpolizei

In Neuenburg zeigt Polizist Guéniat zwei Diagramme. Ein Vergleich der innert zwölf Monaten angezeigten Meth-Konsumenten – heute und vor zehn Jahren. Es sind nicht nur mehr geworden, auch die Altersstruktur hat sich verändert. Damals waren es meist Personen um 20, heute sind auch viele 30- oder 40-Jährige dabei. «Das zeigt, dass die Droge in den letzten zwei Jahrzehnten bei uns angekommen ist», sagt Guéniat. «Hier die 40-Jährigen, mit denen habe ich schon lange zu tun. Es haben über die Jahre nur wenige aufgehört.» Und es kommen laufend neue Konsumenten nach. Viele Schwerstabhängige – in Neuenburg geht die Polizei von etwa 100 Personen aus – finanzieren ihre Sucht als Dealer. «Sie müssen ständig neue Kunden anwerben», sagt Guéniat.

Auch die Kantonspolizei Bern und die Zürcher Stadtpolizei haben inzwischen häufiger mit Methamphetamin zu tun. Gemäss dem Zürcher Polizeisprecher Marco Cortesi wurde in den letzten Monaten eine deutliche Zunahme festgestellt. Zahlen dazu habe er keine. Anders als etwa bei Kokain sei das «sicher kein Massenphänomen, aber nicht nichts», so Cortesi. Spezielle Massnahmen seien allerdings noch nicht nötig.

Meth wird heute in die Schweiz importiert

Guéniat hält das Zuwarten seiner Kollegen für falsch. Es sei möglich, dass der Konsum in den nächsten Jahren stark ansteige. Das hat geografische Gründe. Meth wird heute in die Schweiz importiert. Zwar entdeckte unter anderem die Polizei im Kanton Bern ein paar Kleinstlabors, doch noch befinden sich die Hersteller fast ausschliesslich im Ausland – für die Pillen in Asien, für das Crystal in Osteuropa. Das macht die Droge teuer. In Neuenburg kostet ein Gramm laut der Polizei 400 bis 500 Franken – viel mehr als zum Beispiel Kokain. Ein «Standardkonsument» rauche 0,1 bis 0,3 Gramm am Tag. Dafür braucht er heute einige Tausend Franken pro Monat. Doch die Crystal-Labors ziehen dahin, wo die Kunden sind. Bereits seien grössere Labors in Süddeutschland entdeckt worden. «Ist es in der Schweiz so weit, dann sinken auch die Preise», sagt Guéniat.

«Warning Meth» heisst ein Pilotprojekt, das in Neuenburg vor rund drei Monaten gestartet wurde. Der Schock nach der Veröffentlichung der ersten Abwasserdaten habe im Kanton etwas ausgelöst, sagt Guéniat. 25 Jahre nachdem die Schweiz mit der Abgabe von Heroin an Schwerstsüchtige begonnen hat, setzen nun die Neuenburger bei einer anderen Droge auf einen neuen Ansatz: Verhaftet die Polizei einen Meth-Süchtigen, wird ihm die Strafe erlassen, wenn er dafür professionelle Hilfe in Anspruch nimmt. «Bislang hatten sich kaum Süchtige bei uns gemeldet», sagt Jean-Marie Coste von der Drogenberatungsstelle. «Wir sind nicht an sie herangekommen. Vor allem nicht an jene, die gerade mit Meth angefangen haben.»

«Schon nach einem Tag habe ich ein Verlangen gehabt.» B. (25), Süchtiger

Nach drei Monaten sind zwölf Personen im Programm. Das sind mehr, als sich sonst in einem Jahr melden. Unter ihnen ist der 25-jährige B. In der Wohnung einer Freundin habe er zum ersten Mal Crystal genommen. Aus Neugier. Er habe wach werden wollen. Süchtig wurde er sofort. «Schon nach einem Tag habe ich ein Verlangen gehabt.» Die Sucht ist eine starke körperliche Belastung. Die Zähne von B. sind beschädigt, er hat Gewicht verloren: «Wenn ich an einem Wochenende konsumiere, wiege ich am Samstagmorgen 64 Kilogramm und am Sonntagabend noch 60.»

B. arbeitet. Fast alle Teilnehmer des Pilotprojekts sind in Ausbildung oder haben eine Stelle. Das Bild von Crystal als Unterschichtsdroge stimme nicht, sagt Therapeut Coste. Es gebe durchaus Menschen, die es schafften, die Droge in Massen zu nehmen. Neben der hohen Suchtgefahr sei Methamphetamin aber auch wegen der psychischen Probleme, die es verursache, sehr gefährlich.

B. sagt, dass er nur unter Meth-Einfluss normal arbeiten könne. Ohne falle ihm dies schwer. Er wolle nicht mehr an Meth denken müssen. Vier Sitzungen innert sechs Wochen in der Beratungsstelle sollen ein erster Schritt dazu sein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.05.2017, 23:35 Uhr

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