Hintergrund

In der Statistikfalle

Die Bevölkerungsentwicklung wurde in den vergangenen Jahren massiv unterschätzt. Das führte auch zu Fehlplanungen bei Strasse und Schiene.

Die unterschätzte Komponente: Pendler im Zürcher Hauptbahnhof. (9. Dezember 2008)<br />
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Die unterschätzte Komponente: Pendler im Zürcher Hauptbahnhof. (9. Dezember 2008)
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Das Parlament berät zurzeit die Finanzierung und den Ausbau der künftigen Bahninfrastruktur (Fabi). Mit diesem Programm will der Bundesrat den Ausbau und die Zukunft des Zugsverkehrs bis zum Jahre 2025 sicherstellen. Das Bahnnetz soll dabei mit Investitionen in der Höhe von 3,5 Milliarden Franken weiter ausgebaut werden. Aber die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass die Kapazitätsengpässe auf der Schiene auch danach noch weiterbestehen – weil die Planung auf zu konservativen demografischen Annahmen des Bundesamtes für Statistik (BFS) beruht.

Das BFS erstellt alle fünf Jahre Modellrechnungen zu Bevölkerungsszenarien bis 2050. Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen jedoch, dass das Amt dabei die tatsächliche Bevölkerungsentwicklung häufig unterschätzt. Aktuell gehen die Statistiker in Neuenburg zum Beispiel davon aus, dass im Jahre 2030 8,7 bis 9,5 Millionen Leute in der Schweiz wohnen werden. Das entspricht einem Bevölkerungswachstum von durchschnittlich 0,9 Prozent und gilt als konservative, also vorsichtige Schätzung. Im letzten Jahr wuchs die Bevölkerung der Schweiz um 1 Prozent, 2008 waren es sogar 1,4 Prozent. Und die Schweiz wird die Acht-Millionen-Grenze wahrscheinlich schon in diesem Jahr knacken.

Neue Berechnungen für die AHV

Das sind einige Jahre früher, als dies das BFS in früheren Prognosen errechnet hat. In Neuenburg streitet man auch gar nicht ab, dass es sich bei den Bevölkerungsszenarien um konservative Berechnungen handle, dies vor allem darum, weil man die Entwicklung über einen längeren Zeitraum verfolge. Man könne nicht davon ausgehen, dass die Schweiz wie bisher weiterwachse. Bei anderen Bundesstellen fragt man sich dagegen, ob das BFS seine Prognosen nicht trotzdem nach oben korrigieren müsste, weil man sonst beim Ausbau der Infrastruktur ständig der Realität hinterherhinke.

Eine solche Korrektur hat das BFS beispielsweise für das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) vorgenommen, wie SP-Präsident Christian Levrat sagt. Dies nachdem das BSV in Neuenburg auf den Tisch haute. Denn die zu tiefen Bevölkerungsszenarien – eine Nettozuwanderung von 15'000 Personen pro Jahr – führte dazu, dass der Bund die finanzielle Situation der AHV zu schlecht einschätzte. So hätte die Altersversicherung ab 2009 rote Zahlen schreiben müssen. Das tat sie aber nicht, weil die Zahl der in der Schweiz lebenden und arbeitenden Personen viel stärker anstieg als vom BFS vorausgesagt.

Verkehrsnachfrage grösser als Bevölkerungsentwicklung

Beim Verkehr oder bei der Energiestrategie läuft man dagegen Gefahr, dass zu wenig Mittel bereitgestellt werden, weil die demografische Entwicklung unterschätzt wird. So rechnete Doris Leuthards Vorgänger Moritz Leuenberger im Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) 2009 damit, dass der Personentransport per Bahn bis 2030 um 45 Prozent steigen wird. In Leuthards Fabi-Botschaft von 2011 ist dagegen schon von 60 Prozent die Rede. Dazwischen hatte das BFS seine Bevölkerungsszenarien aus dem Jahre 2005 markant nach oben korrigiert.

Wahrscheinlich ist, dass die Entwicklung der Personentransporte auf der Schiene noch höher ausfallen könnte als in der Fabi-Botschaft. Weil die Verkehrsnachfrage in der Vergangenheit (2000 bis 2009) viel grösser war als die tatsächliche demografische Entwicklung und das Wirtschaftswachstum. Mit anderen Worten: Wir werden uns auch 2030 im Stau herumplagen oder über ungenügende Bahnkapazitäten beklagen – weil der Ausbau der Verkehrsnetze nicht auf die künftigen reellen Bedürfnisse ausgerichtet ist. Das wird inzwischen auch mehr und mehr Politikern im Parlament bewusst.

Parlamentarier machen gute Miene zum bösen Spiel

Verkehrspolitikerin und VCS-Präsidentin Franziska Teuscher will darum in der kommenden Sommersession konkret nachfragen, wie verlässlich die vom Uvek vorgelegten Wachstumszahlen zu den Personentransporten auf der Schiene sind. Noch wichtiger ist aus ihrer Sicht, dass der Bundesrat die Planung des öffentlichen Verkehrs auf die künftige Kundschaft ausrichtet. Die letzte Mobiliätsstudie habe unter anderem gezeigt, dass die Menschen im Alter vermehrt den ÖV benutzen. Der Bundesrat müsse dies in seiner Planung mitberücksichtigen.

Der Glarner SVP-Ständerat This Jenny befürchtet, dass von einer Korrektur der demografischen Prognosen letzten Endes nur die Verkehrsachse Zürich–Bern profitieren würde. Er habe schon heute das Gefühl, dass die Planer in Bern ihre Bemühungen vor allem auf diesen Verkehrsabschnitt konzentrierten. Die Randregionen hätten so beim Ausbau der Verkehrsnetze das Nachsehen. Ständerat Peter Bieri (CVP, ZG) sagt, dass es nur in Stosszeiten Kapazitätsengpässe gebe. Zwischendurch seien die Züge durchschnittlich gegen 30 Prozent ausgelastet.

BFS will Zahlen jährlich aktualisieren

Beim Thema Verkehr machen zurzeit noch alle gute Miene zum bösen Spiel – auch weil sich Leuthard keinen grosszügigeren Ausbau der Verkehrsnetze leisten kann. «Schon heute würden die Wünsche der Kantone das tatsächliche Budget für Verkehrsinvestitionen um ein Mehrfaches übersteigen», weiss Bieri. Politisch heikler ist es, wenn wegen einer zu konservativen demografischen Prognose der Bund bei seinen Energieperspektiven an der Realität vorbei plant. Das könnte ab 2020 zu einem bösen Erwachen führen und den Atomausstieg wieder infrage stellen.

Beim BFS zeigt man Verständnis für solche Probleme. Darum will man nun neben der im Fünfjahresrhythmus erscheinenden Modellrechnung jährliche Aktualisierungen vornehmen. Ende Mai soll dies ein erstes Mal geschehen. Auf das Programm Fabi werden die angepassten Zahlen aber keinen Einfluss mehr haben.

Erstellt: 16.05.2012, 13:34 Uhr

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