Hintergrund

Internationales Muslim-TV aus Bern

Von Bern aus soll der muslimische Fernsehsender Unity-TV zur Einigung der Muslime im deutschsprachigen Raum beitragen. Damit wolle man auch politisch Einfluss nehmen.

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Es war ein Volksfest mit bewegter Vorgeschichte. Rund 1600 vornehmlich muslimische Männer und Frauen versammelten sich am Samstag in Granges-Paccot bei Freiburg zur Jahreskonferenz des Islamischen Zentralrats Schweiz (IZRS). Sie strömten ins Forum Fribourg, obwohl eine der Hauptattraktionen kurzfristig abgesagt werden musste.

Am Donnerstag letzter Woche war bekannt geworden, dass das Bundesamt für Migration eine Einreisesperre über den saudischen TV-Prediger Muhammad al-Arifi verhängt hatte. Im Vorfeld war dem Redner von verschiedenen Seiten vorgeworfen worden, er rechtfertige Gewalt gegen Frauen und lehne Homosexualität strikt ab.

Der Feststimmung im Forum Fribourg tat diese Absenz keinen Abbruch. Im Marktbereich buhlten islamische Kreditinstitute, Kleiderläden oder Informationsstände um die Aufmerksamkeit der Besucherinnen und Besucher. Im grossen Saal wechselten sich Redner, Prediger und Musiker ab. «Wir wollen allen Altersgruppen etwas bieten», sagte IZRS-Vorstandsmitglied Qaasim Illi. Tatsächlich befanden sich auffallend viele junge Muslime im Publikum.

Kritik an Behörden

Zum Konferenzthema «Gerechtigkeit» bekamen die Besucher mehr politische denn religiöse Reden zu hören. Der jüdisch-amerikanische Anwalt Stanley Cohen etwa ging mit der Schweiz hart ins Gericht: «Shame on you, Switzerland», rief er ins Publikum und geisselte damit den Entscheid zur Einreisesperre Muhammad al-Arifis. Man könne sich nicht vor Meinungen verstecken, so der Mann, der unter anderem als juristischer Vertreter von Hamas-Aktivisten Bekanntheit erlangt hatte. «Wenn wir über Gerechtigkeit reden, dann gibt es nichts Wichtigeres als die Meinungsfreiheit. Ein Redeverbot hat nur Ignoranz und Hass zur Folge.» Erst wenn die Vertreter der Kulturen und Religionen zusammensitzen und miteinander reden würden, könne die heutige Blockade gelöst werden. Cohen bezog sich damit auf die Ereignisse im Nahen Osten, aber auch auf die Verständigungsprobleme zwischen den Religionen in der Schweiz.

IZRS-Präsident Nicolas Blancho wiederum übte vor allem Kritik an der muslimischen Gesellschaft. Er beklagte zwar den «Generalverdacht», unter dem Muslime im Westen leiden würden, wandte sich dann aber mit einem Appell an seine Glaubensgeschwister: «Wenn wir etwas ändern wollen, müssen wir zusammenstehen», so Blancho. Politische Einflussnahme und damit das Einbringen islamischer Werte in die Gesellschaft seien nur möglich, wenn sich Muslime aller Kulturen und Glaubensrichtungen vereinen würden.

Finanzierung durch Sponsoren

Ein Werkzeug zur Förderung dieser Einheit soll ein hauseigener Fernsehsender sein. Unity-TV wird laut Qaasim Illi den ganzen deutschsprachigen Raum abdecken – man arbeite dazu mit Organisationen in Deutschland zusammen. Finanziert wird das Projekt durch Sponsoren aus beiden Ländern.

«Wir wollen nicht nur Predigten senden», erklärte Illi am Rande der Veranstaltung. «Auch Gesellschaftsdebatten, Nachrichten und Kultur sollen vertreten sein.» Anders als bisher kolportiert könne man den Sender aber weder über Kabel noch über Satellit empfangen: «Wir konzentrieren uns auf die Verbreitung im Internet», so Illi.

Online-TV ist startklar

Die Finanzierung des Projekts sei zu zwei Dritteln gesichert, das technische Konzept stehe. «So wie es aussieht, können wir Ende 2013 starten.» Dann sollen die Studios in Bern, Berlin und allenfalls Wien ihren Betrieb aufnehmen. Der Standort in Bern liegt noch nicht fest: «Es gibt zwei, drei angepeilte Orte in Industriegebieten am Rande der Stadt.» Sicher sei, dass man nicht aus dem Stadtzentrum senden werde.

Andere Projekte des Zentralrats kommen weniger gut voran. Für die geplante Moschee in Bern fehle momentan noch viel Geld, so Illi. Das «finanzielle Riesenprojekt» habe daher kaum Priorität. Und auch andere Pläne habe man zurückgestellt, heisst es vonseiten der IZRS-Vertreter. Die von Nicolas Blancho angedachten islamischen Schulen etwa seien sogar ganz gestrichen. Es fehlte schlicht und einfach die Nachfrage.

Erstellt: 17.12.2012, 10:10 Uhr

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