«Ist Kritik an Israel nicht erlaubt, Herr Botschafter?»

Yigal Caspi ist der neue Botschafter von Israel in Bern. Im ersten Zeitungsinterview sagt er, wie er die Diskussion um das Beschneidungsverbot erlebt und was er von den Kritikern Israels hält.

Yigal Caspi: «Als Botschafter will man immer die Beziehungen 
zum Gastland verbessern.»

Yigal Caspi: «Als Botschafter will man immer die Beziehungen zum Gastland verbessern.» Bild: Andreas Blatter

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Herr Botschafter, um Sie zu interviewen, muss man strenge Sicherheitsvorkehrungen über sich ergehen lassen. Ist das in der Schweiz wirklich nötig?
Yigal Caspi: Wir haben keine Angst vor Ihnen oder vor den Schweizern. Wir machen uns vielmehr Sorgen darüber, dass Terroristen die Friedfertigkeit und Gastfreundschaft der Schweizer ausnützen, um israelische Ziele anzugreifen. Für die Sicherheitsvorkehrungen sind die Schweizer Behörden zuständig. Die Sicherheitsvorschriften gelten für israelische Botschaften übrigens nicht nur in der Schweiz, sondern überall. Seit der Gründung des Staates Israel haben Terroristen immer wieder versucht, israelische Diplomaten zu töten. Manchmal ist ihnen das leider auch gelungen.

Sind Juden und Israelis in der Schweiz gefährdet?
Nach meinem Wissensstand ist das nicht der Fall. Wir müssen trotzdem vorsichtig sein. Wie der Anschlag auf israelische Touristen in Bulgarien zeigt, haben es die Terroristen auch auf Zivilisten abgesehen. Wo immer sie Schwachstellen finden, werden sie diese ausnützen. Wir sind deshalb in permanentem Austausch mit den Schweizer Behörden, um die Bedrohungslage zu erläutern. Die Behörden entscheiden dann, wie sie vorgehen.

Sie sind in Israel geboren, haben Militärdienst geleistet und haben 1977 eine Laufbahn beim Staat eingeschlagen. Wie prägt einen diese ständige Wachsamkeit?
Als Israeli ist man es gewohnt, dass im öffentlichen Leben ständig Kontrollen durchgeführt werden. Wenn wir in Israel ins Kino, ins Kaffeehaus oder ins Kaufhaus gehen wollen, öffnen wir wie selbstverständlich die Taschen und lassen sie durchsuchen. Sie werden auch bewaffnete Patrouillen sehen. Es sind die Lehren, die wir aus den vielen Selbstmordattentaten gezogen haben. Wir haben gelernt, damit zu leben. Aber für den Staat ist es eine Last und sehr teuer.

Vor 40 Jahren wurden in München israelische Athleten während der Olympischen Spiele von palästinensischen Terroristen getötet. Am Freitag beginnen die Spiele in London. Wie sollte die olympische Gemeinde reagieren?
Israel fordert, dass der getöteten Athleten während der Eröffnungszeremonie in London mit einer Gedenkminute gedacht wird. Leider will das Internationale Olympische Komitee dieser Bitte nicht nachkommen. Ich bin darüber nicht glücklich und enttäuscht. Ich hätte mir gewünscht, dass die Namen der getöteten Athleten verlesen werden und anerkannt wird, dass der Geist der Olympischen Spiele 1972 missbraucht wurde. Am 6. August soll nun in London ausserhalb des offiziellen Rahmens eine Gedenkfeier mit vielen Würdenträgern stattfinden.

Sie haben am 16. Juli in Bern Ihre Arbeit als Botschafter aufgenommen. Was ist Ihr erster Eindruck von der Schweiz?
Ich bin noch nicht lange da und habe die meiste Zeit im Büro verbracht. Ich habe ein schönes und ruhiges Land vorgefunden, in dem ich mich wohlfühle. Ich bin sehr glücklich, hier in Bern Israel dienen zu dürfen.

Wo möchten Sie bei Ihrer Tätigkeit die Schwerpunkte setzen?
Ich bin in einer schwierigen Lage. Als Botschafter will man immer die Beziehungen zum Gastland verbessern. Nun sind die Beziehungen zwischen Israel und der Schweiz bereits sehr gut. Ich werde deshalb versuchen, den Austausch zwischen beiden Ländern in den Mittelpunkt zu stellen – etwa beim Tourismus oder den Geschäftsbeziehungen. Auch werde ich mich bemühen, neue Felder zu finden, wo dieser Austausch noch gar nicht stattfindet.

Was sind die Punkte, bei denen Israel und die Schweiz nicht übereinstimmen?
Das ist beim Friedensprozess der Fall. Da Israel ein direkter Nachbar der Palästinenser ist, haben wir manchmal andere Vorstellungen davon, worauf wir uns einlassen wollen und worauf nicht. Israel misst die Freundschaft mit der Schweiz aber nicht an der Zahl der Meinungsverschiedenheiten.

Schweizer Spitäler überlegen sich als Reaktion auf das Gerichtsurteil in Deutschland ernsthaft, keine Beschneidungen mehr durchzuführen. Seit 1896 besteht in der Schweiz zudem ein Schächtverbot. Fühlen sich Juden in der Schweiz bei der Ausübung ihrer Religion eingeschränkt?
Das sind schwierige Themen. Ich bin beschnitten. Mein Sohn ist beschnitten. Beschneidung ist eine jahrtausendalte Tradition, welche das Judentum ausmacht. Für mich war das Urteil des Kölner Landgerichts zu schnell und zu unüberlegt. Es scheint mir vergleichbar, wie wenn man die Chirurgie verbieten würde, nur weil hie und da ein Fehler passiert. Soweit ich weiss, ist noch nichts definitiv entschieden. Der Deutsche Bundestag will nun Rechtssicherheit schaffen. Das Urteil hat aber einen direkten Einfluss auf das jüdische Leben nicht nur in Deutschland, sondern offenbar nun auch in der Schweiz.

Ist die Beschneidung nicht ein Thema, bei dem Juden und Muslime gemeinsam vorgehen können?
Das könnte durchaus ein gemeinsames Anliegen sein. Und es könnte eine Möglichkeit sein, bei der Juden und Muslime gemeinsam einen Lösungsvorschlag unterbreiten könnten.

Was ist mit dem Schächtverbot?
Auch hier geht es um eine jahrtausendalte Tradition. Unser Glaube schreibt uns vor, die Tiere auf diese bestimmte Weise zu töten. Wir sind der Ansicht, dass die Tiere dabei nicht leiden müssen.

Nervt es Sie eigentlich, dass Israel ständig gut gemeinte Ratschläge von anderen erhält?
Wissen Sie, über den Nahostkonflikt wurde in den vergangenen 40 Jahren immer wieder debattiert. Es gab so viele Treffen, Konferenzen, Gespräche und Delegationen. Herausgekommen sind Hunderte von Vorschlägen, wie der Konflikt gelöst werden könnte. Die Grundzüge eines künftigen Abkommens sind allen klar, es wird kaum mehr neue Ideen geben. Das reicht offensichtlich aber nicht. Es braucht den Willen, etwas zu verändern. Dazu braucht es keine gut gemeinten Ratschläge und auch keine Schuldzuweisungen. Was Israel braucht, ist Ermutigung und Unterstützung.

Israel wird vielfach als Besatzungsmacht wahrgenommen, welche illegal besetzte Gebiete besiedelt. Zu Recht?
Israel ist ein sehr kleines Land; halb so gross wie die Schweiz. Bis zur Grenze von 1967 ist Israel an gewissen Stellen nur 15 Kilometer breit. Diese Tatsache hat jeder Israeli stets im Hinterkopf. Wenn es um unsere Sicherheit geht, können wir keine voreiligen Entscheidungen treffen. Vor allem akzeptieren wir keinen Druck von aussen. Israel hat stets seine Hand zum Frieden gereicht und dafür auch Konzessionen gemacht. Für den Friedensvertrag mit Ägypten hat Israel die Sinaihalbinsel zurückgegeben. Für den Friedensvertrag mit Jordanien hat Israel territoriale Anpassungen in Kauf genommen.

2005 hat sich Israel aus dem Gazastreifen zurückgezogen. Und was ist passiert?
Was denn? Der Gazastreifen ist ein Hort für Terrorismus geworden. Seit Jahren werden fast täglich Raketen auf Israel abgefeuert. Viele Israelis haben das Gefühl, dass die Gegenseite immer mehr verlangt, je mehr wir ihr geben. Israel macht erst dann Zugeständnisse, wenn die Gegenseite bereit für eine echte Partnerschaft ist. Bei der Sicherheit machen wir keine Abstriche. Das Problem sind nicht die Siedlungen. Wir wollen ohne Bedingungen verhandeln mit den Palästinensern, aber sie stellen Vorbedingungen, ohne die sie sich nicht mit uns an einen Tisch setzen wollen. Das vergessen die Kritiker gerne.

Viele Leute begreifen nicht, warum Israel als einzige Demokratie im Nahen Osten nicht den ersten Schritt tut und sich zurückzieht.
Diese Art Denken geht für mich in Richtung Antisemitismus. Denn sie behandelt mich anders als die Gegenseite. Warum verlangen diese Leute nicht das Gleiche von den Diktaturen? Den ersten Schritt zu tun und ein Zeichen des guten Willens zu zeigen? Das ist doch nicht seriös. Das sind die gleichen Kritiker, die von uns fordern, mit der Hamas im Gazastreifen zu verhandeln. Die Hamas ist eine terroristische Organisation, welche Israel jegliches Existenzrecht abspricht.

Kritik an Israel ist demnach nicht erlaubt?
Israel pflegt gute Beziehungen zu den europäischen Ländern und den Menschen dort. Jeder hat ein Anrecht auf eine eigene Meinung. Auch Freunde können verschiedene Auffassungen haben, ohne dass dies ihre Beziehung belastet. Der Ton macht die Musik. Wenn die Kritik nur darauf abzielt, Israel zu schwächen und blosszustellen, dann habe ich Mühe. Wenn die Kritik aber hilft, die Palästinenser zurück an den Verhandlungstisch zu bringen, nehmen wir sie an.

Die Migros will neuerdings Waren deklarieren, welche in den besetzten Gebieten erzeugt werden.
Jüdische Siedlungen zu boykottieren, ist der falsche Weg und auch nicht förderlich für den Friedensprozess. Mit dem Finger auf die eine Seite zu zeigen, schafft viel Unbehagen. Um Frieden zu erlangen, braucht es ein Umfeld, in dem sich beide Seiten wohlfühlen. Boykottaufrufe erreichen da eher das Gegenteil. Zudem bestraft die Migros mit ihrem Vorgehen auch Palästinenser, die in den Siedlungen Arbeit finden. Der Status der Siedlungen wird erst in einem Friedensabkommen geregelt.

Ägypten hat in der ersten freien Wahl den Muslimbruder Mohammed Mursi zum Präsidenten gewählt. Was bedeutet dies für den Friedensvertrag mit Israel?
Israel hat immer betont, dass es den Ausgang der Wahlen akzeptiert und Hand bietet für eine Zusammenarbeit. Israel nimmt zur Kenntnis, dass der neue Präsident den Friedensvertrag einhalten will. Wir werden ihn jetzt beim Wort nehmen. Ich erwarte nicht allzu viele Veränderungen, da Frieden im Interesse beider liegt und Ägypten sehr viele innere Schwierigkeiten zu bewältigen hat. Der einzige Streitpunkt ist aus Sicht von Israel der Sinai. Über die Jahre hat sich dort ein Vakuum entwickelt. Das nützen Terroristen aus, um vom Sinai aus Anschläge auf Israel zu verüben. Wir erwarten, dass Ägypten dort wieder die Kontrolle übernimmt.

Aus Syrien erreichen uns Berichte von Folter, Massakern an Kindern und vom möglichen Einsatz von chemischen Waffen.
Eine schreckliche Lage. Die internationale Gemeinschaft, die so schnell Resolutionen gegen Israel verabschiedet, handelt hier zögerlich. Es ist bekannt, welche Länder Resolutionen gegen Syrien verhindern. Der israelische Stimmbürger nimmt solche Ungereimtheiten zur Kenntnis.

Die Furcht vor einem Angriff Israels auf den Iran und den Folgen ist gross. Sind diese Bedenken für Sie nachvollziehbar?
Der Iran ist nicht ein israelisches Problem, sondern ein Problem für die ganze Welt. Wir sind die Ersten, die Alarm schlagen, weil der Iran Israel namentlich erwähnt und seine Absicht nicht verhehlt, es dem Erdboden gleichzumachen. Ein Iran mit Atomwaffen, der sich im Nahen Osten als Regionalmacht aufspielt, ist aber auch nicht im Interesse des Westens. Ein nukleares Regime, das den Golf kontrolliert, könnte dem Markt die Ölpreise diktieren. Zudem können iranische Mittelstreckenraketen Europa treffen. Israel hat immer klargemacht, dass die erste Priorität ist, zusammen mit der internationalen Gemeinschaft eine diplomatische Lösung zu finden. Aber Israel hält sich alle Optionen offen.

Also doch ein Präventivschlag?
Diese Frage stellt sich nicht. Die Diplomatie ist noch nicht ausgeschöpft.

Hat Israel die Atombombe?
Israel wird nicht das erste Land sein, das Atomwaffen in den Nahen Osten einführt.

Wird Israel in zehn Jahren friedlich mit seinen Nachbarn leben?
Ich gehe davon aus, dass der demokratische Prozess in der Region weitergehen wird. Wer hätte noch vor zwei Jahren gedacht, dass die Völker in Tunesien, Libyen und Ägypten Diktaturen stürzen und freie Wahlen verlangen? Das ist ein Segen für die Region. Vieles wird auch davon abhängen, wie es in Syrien weitergeht. Es gibt in der jüdischen Religionslehre ein Sprichwort: «Die Voraussehung ist nur dem Propheten und dem Narren gegeben.» Da ich keines von beiden bin, ist es für mich schwierig, eine Einschätzung zu geben.

Erstellt: 27.07.2012, 11:29 Uhr

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