«Ja, am Ende profitieren wir»

Gegen die Greenpeace-Leute, die vor zwei Wochen eine russische Ölplattform bestiegen, wurde gestern Anklage erhoben. Campaignerin Nadine Berthel von Greenpeace sagt, was sie hoffnungsvoll stimmt.

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Frau Berthel, seit gestern wissen wir: 28 Greenpeace-Aktivisten und 2 Journalisten sind nach ihrer Aktion auf der Gazprom-Ölplattform in der Arktis wegen Piraterie angeklagt. Was haben sie genau getan? Am Mittwoch vor zwei Wochen haben die Arktisschützer friedlich gegen die Ölbohrpläne des staatlichen russischen Ölkonzerns Gazprom protestiert. Sie haben ihr Schiff Arctic Sunrise verlassen und sind mit Schlauchbooten zur Ölplattform von Gazprom gelangt. Dort wollten sie ein Transparent befestigen. Die beiden freischaffenden Journalisten aus Russland und Grossbritannien waren an Bord, weil sie die Aktion dokumentieren wollten.

Die Aktion war legal? Ja, aus unserer Sicht verlief der Protest absolut friedlich. Der Vorwurf der Piraterie ist absurd.

Waren sich die Aktivisten bewusst, welche Risiken sie mit der Aktion eingingen? Natürlich. Wir informieren unsere Aktivisten umfassend über die Lage vor Ort und die Gefahren. Sie wussten, dass eine solche Aktion schwere juristische Konsequenzen nach sich ziehen könnte.

Andere Nichtregierungsorganisationen zeigen sich überrascht: Man hätte nicht gedacht, dass die russischen Behörden bei europäischen Aktivisten so weit gehen würden. Die Greenpeace-Aktivisten wussten also, dass sie eine Anklage wegen Piraterie und somit schlimmstenfalls 15 Jahre Haft erwarten könnten. Nein. Damit haben wir nicht gerechnet. So eine Anklage hat es auch noch nie gegeben.

Was waren die schlimmsten Konsequenzen, die Greenpeace-Aktivisten jemals tragen mussten? 1985 versenkte der französische Geheimdienst das Greenpeace-Flaggschiff Rainbow Warrior im Hafen von Auckland. Ein 35-jähriger Greenpeace-Fotograf konnte das Schiff nicht mehr rechtzeitig verlassen. Er starb.

Können Sie es als eine dem Guten verpflichtete Nichtregierungsorganisation verantworten, dass sich junge Menschen derart aufopfern und ihr Leben riskieren? Wir sind keine zentralistisch organisierte Organisation. Unsere Aktivisten entscheiden selber, welche Aktionen sie durchführen. Sie tragen deshalb auch die Verantwortung für ihr Tun. Zum Beispiel Marco Weber, der in der Arktis beteiligte Schweizer Aktivist, verfügte über grosse Erfahrung. Er ist seit rund vier Jahren Kletteraktivist für Greenpeace.

Wie muss man sich das vorstellen? Wie organisieren sich die Greenpeace-Leute? Wir sprechen nicht über die Planung unserer Aktionen. Das ist das Geheimnis der Aktivisten.

Was tut Greenpeace nun für die Inhaftierten? Wir versuchen alles, um die Aktivisten so schnell wie möglich aus dem Gefängnis zu holen.

Wie schätzen Sie die Erfolgschancen ein? Das kann man nicht genau wissen. Aber weil Aktivisten aus 18 Nationen betroffen sind, besteht ein internationales Interesse an der Sache. Das stimmt mich optimistisch.

Die 28 Arktisschützer riskieren lange Gefängnisstrafen in Russland. Die Organisation Greenpeace profitiert gleichzeitig von einem riesigen Medieninteresse. Haben Sie kein schlechtes Gewissen? Damit wir uns richtig verstehen: Die Ereignisse sind auch für Greenpeace absolut dramatisch.

Aber Sie profitieren. Ja, am Ende profitieren wir.

Verzeichnen Sie einen Anstieg bei den Spendengeldern und Mitgliedschaften? Das können wir noch nicht sagen. Aber wir erhalten unzählige Mails von Leuten, die fragen, was sie tun können.

Planen Sie schon die nächste gefährliche Aktion in der Arktis? Wir lassen uns bestimmt nicht mundtot machen. Mit der Anklage sollen mutige Menschen wie Marco diskreditiert und zum Schweigen gebracht werden. Dagegen wehren wir uns. Die Arktiskampagne werden wir weiterverfolgen. Es planen ja auch andere Unternehmen wie Shell oder Statoil Ölbohrungen in der Arktis. Mehr kann ich dazu noch nicht sagen.

Erstellt: 04.10.2013, 14:37 Uhr

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