Interview

Jeder Politiker ist ein Narziss

Macht und Selbstinszenierung gehören zusammen. Und das ist nicht von vornherein falsch. Grundsätzliche Überlegungen von einem, der es wissen muss: Alt-Bundesrat Moritz Leuenberger.

Moritz Leuenberger sagt, es gehe in der Politik auch darum, sich selber zu gefallen.

Moritz Leuenberger sagt, es gehe in der Politik auch darum, sich selber zu gefallen. Bild: Keystone

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Hier im Basler Kinderspital habe ich, viele Monate unbeweglich in einen Beckengips gezwängt, einen wichtigen Teil meines Lebens verbracht. Das tönt Mitleid erheischend, will es aber nicht sein, denn ich habe eine schöne, beinahe nostalgische Erinnerung an jene Zeit, die auch ihr Gutes hatte: Es gab damals zum Beispiel kein Fernsehen, wenigstens nicht im Kinderspital. Mein Fernseher war das Fenster auf den Rhein. Dort unterhielten mich während der langen Zeit Lastkähne und Schlepper, die den Fluss hinauf- und später wieder hinunterglitten.In den Bildausschnitt, den mir mein Fenster gewährte, schob sich zunächst ein Bug mit dem Namen des Schiffes, dann das lange Deck, danach das Steuerhäuschen, der private Bereich der Schiffsleute, ein Velo, ein Moped oder ein kleines Auto, Wäsche im Wind, und schliesslich das Heck, dem die kräftigen Wellen hinter der Schraube folgten. Nur für wenige Minuten war das ganze Schiff zu sehen, bevor es, so langsam, wie es vorher in meinen Bildschirm trat, wieder aus diesem verschwand.

Wäre die Parabel seit September nicht für den Rücktritt von Bundesräten reserviert, würde ich sagen: Die Schiffe traten auf, sie spielten, sie traten ab.

«Mich wundert, dass ich so fröhlich bin»

Die Parallelen sind auch nach dem Abtritt offensichtlich: Zuerst tritt der Bug ab, eine Weile später das Hinterteil, und schliesslich sorgen die Wellen hinter der Schraube noch längere Zeit für Unruhe und Aufregung (vor allem wenn das Schiff mit Material einer Baufirma beladen ist), bevor auch sie sich allmählich mit dem übrigen Strom versöhnen und beruhigen.

Mit der Zeit kannte ich die Schiffe. Es waren stets dieselben, die einmal stromabwärts, das andere Mal stromaufwärts krochen, einmal geschoben, einmal gezogen, das andere Mal aus eigener Kraft, gaben sie wieder, was ein unbekannter Dichter vor Jahrhunderten so umschrieb: «Ich komme, ich weiss nicht, von wo? Ich bin, ich weiss nicht, was? Ich fahre, ich weiss nicht, wohin? Mich wundert, dass ich so fröhlich bin!»

Ordnung und Freiheit

Woher? Wohin? Warum? Schon sind wir bei der Seele der Politik angelangt: Warum mache ich das?

Wohin wollen wir denn uns und die anderen steuern? Hängt das nicht in erster Linie davon ab, woher wir kommen, aus welcher sozialen oder religiösen Umgebung? Warum werfen wir uns ins Getümmel der Arena? Warum verbringen wir halbe und ganze Nächte in Parlamentssitzungen und an Parteitagen? «Warum machen Sie das?» Ich wurde das oft gefragt, und ich habe auch eine Antwort, eine ehrliche, wie ich glaube: Ich will Macht ausüben, Einfluss nehmen, die Gesellschaft mitgestalten.

Aber, und das sollte sich jeder Politiker eingestehen, es geht auch darum, sich zu inszenieren, zu gefallen, sich selber zu gefallen: Nicht nur Politiker, die sich für Zeitschriften auf dem Sofa räkeln, auch Ärzten wie Beat Richner oder Bertrand Piccard wird immer wieder Selbstinszenierung vorgeworfen.Doch jeder Antrieb unseres Tuns, seien wir Psychiater oder Politiker, ist in den Tiefen der Seele begründet. Motivforschung über die inneren Beweggründe sozialen oder politischen Engagements droht in Gesinnungsinquisition zu enden. Wichtig ist das altruistische Resultat und nicht das egoistische Motiv. Die Feststellung, dass Narzissmus und Macht zueinander gehören, ist eine Binsenwahrheit und kann allein noch kein Vorwurf sein. Dieser liegt anderswo, nämlich dort, wo Macht um der Macht willen ausgeübt wird, wo sie für persönliche Vorteile oder für Manipulation missbraucht wird.

Schutzlosigkeit der Strasse

Das äussert sich etwa in Demagogie oder in Populismus, der darin besteht, dass sich Volkstribun und Publikum gegenseitig hochschaukeln: Die Anhänger sind verzückt darüber, dass ihre Bauchgefühle nicht mit kritischen Wahrheiten konfrontiert, sondern im Gegenteil angeheizt werden. Der Tribun seinerseits geniesst die zurückbrandende Zustimmung und badet sich lustvoll in den Ovationen, eine Win-win-Situation, meist zulasten anderer, ein doppelter narzisstischer Gewinn für den Populisten und seine Anhänger, die er gleich zum «Volk» erklärt.

Das war auch 1968 so. Die psychiatrische Klinik in Triest wurde von Professor Basalia geschlossen, und die Insassen wurden entlassen, was von den anwesenden europäischen Politaktivisten als emanzipative Befreiungsaktion gefeiert wurde. Dem Jubel wich bald nüchterne Einsicht, als die «Befreiten» später schutzlos auf der Strasse landeten, zum Teil ausgenutzt wurden und in Polizeigefängnissen Zuflucht finden mussten. Das Pendel begann zurückzuschwingen.

Entschuldigung für Platzspitz?

Die Gegenbewegungen setzen meist erst in der nächsten politischen Generation ein. Erst kürzlich entschuldigte sich Bundesrätin Widmer-Schlumpf für die Aktionen gegenüber den Kindern der Landstrasse. Ob sich eine künftige politische Generation für die offene Szene am Platzspitz entschuldigen wird?

Das Pendel zwischen Ordnung und Freiheit hält den Diskurs zwischen Politik und Psychiatrie seit je in Schwung, und die beiden schwingen meist in dieselbe Richtung.

Pendeln mit der Mode

Die Psychiatrie hat ihre Laufbahn in Internierungshäusern begonnen, weil sie ein Kind der Aufklärung ist, denn diese war einer vernünftigen Ordnung verpflichtet. Auch wenn die Methoden von damals heute überholt sind, kaum mehr verstanden, sondern verurteilt werden, so ist doch anzuerkennen, dass Politiker und Psychiater für die Menschen meistens, nicht immer, das Beste anstrebten. Sie wollten ihnen Glück ermöglichen, begingen jedoch immer dann den unverzeihlichen Fehler, wenn sie zum Glück zwingen wollten, immer dann, wenn ihnen eine übergeordnete Ordnung oder Ideologie wichtiger war als der Mensch.

Politik und Psychiatrie pendeln mit der Mode des Zeitgeistes: Einmal wird die soziale Komponente stärker gewichtet als die individuelle, einmal wird auf Vererbung gesetzt, das andere Mal auf Sozialisation, einmal Freiheit, einmal Ordnung.Zwei Bereiche prägen unsere beiden Berufe besonders: das Bedürfnis nach absoluter Sicherheit und die Verabsolutierung ökonomischer Werte.

Risiko und Sicherheit

Die Bürger verlangen vom Staat grösst-mögliche Sicherheit. Aber ein Staat, der zugleich die Freiheit der Bürger garantieren will, kann keine absolute Sicherheit organisieren. Wollte er wirklich jeden Raser, jedes Gewaltverbrechen verhindern, müsste er zu polizeistaatlichen Mitteln wie vorsorglichen Überwachungen und Internierungen greifen. Das Böse ausrotten hiesse, unsere Freiheit zerstören oder: Wer die Fehler nicht will, will die Menschen nicht.

Der ultimative Anspruch auf Sicherheit drängt die politisch verantwortlichen Behörden und Gerichte in einen eigentlichen Notstand, und so versuchen sie, sich mit psychiatrischen Gutachten rückzuversichern und geben ihre Verantwortung wie eine heisse Kartoffel weiter. Das Abwägen zwischen Risiko und Sicherheit ist aber ein politisches. Gesetzgeber und Regierungen müssen benennen, welches Risiko sie eingehen wollen und welches ihnen zu teuer ist. Indem sie versuchen, diese Wertung abzuschieben, nehmen sie ihre eigene Verantwortung nicht wahr und verführen die Wissenschaft, sich selber politisch zu äussern.

Gibt es unwertes Leben?

Nach dem Wegfall des Eisernen Vorhanges und mit der Globalisierung als direkter Folge errangen wirtschaftliche Werte absolute Oberhand.Um Umweltanliegen wie Biodiversität oder Klimaschutz zum Durchbruch zu verhelfen, wird ökonomisch argumentiert. Wir errechnen also, was eine Blaumeise ökonomisch «wert» ist, was das Bestäuben aller Blumen durch Menschen kosten würde, wenn die Bienen aussterben. Die Medizin wird in Tausende von erfassbaren Leistungen atomisiert. Eine Arztrechnung gleicht zunehmend einem Serviceheft der Autogarage. Die Bemühungen, die Kosten in den Griff zu bekommen in Ehren, aber seien wir wachsam: Einen Menschen in Franken und Rappen zu beziffern führt zwangsläufig zur Frage, ob es denn auch unwertes Leben gebe.

Die Psychiatrie hat während Hitler psychisch Kranken zuerst die Fortpflanzung untersagt und sie dann als unwerte Esser physisch eliminiert. Das wurde «wissenschaftlich» erklärt. Gewiss, die Psychiatrie hat diese Phase überwunden. Aber historisch gesehen haben wir allen Anlass, aufmerksam zu bleiben!

Kinder des Zeitgeistes

Die Menschen sollen in Zukunft genetisch erklärt werden können. Zusammen mit der Verabsolutierung alles Ökonomischen kann das zu einem schrecklichen Sprengsatz werden. Wir wissen nicht, wie weit das Pendel des Zeitgeistes ausschlägt. Die wissenschaftlich untermauerte und praktisch umgesetzte Ideologie im Dritten Reich folgte auch einer zuvor aufgeklärten zivilisierten Gesellschaft.

Wir sind alle Kinder des Zeitgeistes, selbst wenn wir uns ihm entgegenstemmen. Wir können vom schwingenden Pendel gar nicht abspringen. Wir sind eingebunden und mitgefangen, sei dies als Mitglied einer Regierung, wenn wir für Entscheide einstehen müssen, die wir vorher aktiv bekämpft haben. Angehörige einer ganzen Branche müssen für wenige schwarze Schafe hinhalten. Bürger eines Staates werden mit ihren Führern oder Präsidenten gleichgesetzt, obwohl sie sich aktiv für eine andere Politik einsetzen. Ja, als Bewohner der Erde sind wir in Abhängigkeiten verstrickt, gegen die wir persönlich und politisch alles unternehmen. Auch wer noch so umwelt- und energiebewusst lebt, ist abhängig von Öl. Selbst er ist indirekt ein Mitverursacher der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko. Wo ist die Grenze zur Mitschuld?

In Abhängigkeiten verstrickt

In solch gesellschaftlicher Verstrickung, im engen Gewebe von Ursache und Schuld, leben wir alle. Das kann zu einer unerträglichen Belastung werden, derer sich Politik und Psychiatrie seit der Aufklärung gemeinsam zu entledigen versuchen.Beide wollen sie aufklären, Licht und Vernunft einbringen. Die Psychiatrie wollte die Menschen von der Vorstellung befreien, es seien Teufelsaustreibungen und Hexenverbrennungen notwendig. Sie hat das auch geschafft. Aber sie hat mit Psychopharmaka auch wieder verschleiert (nicht nur, Medikamente haben natürlich auch befreit).

Die Politik wollte aufklären. Befreite Menschen sollen als Bürger den Staat gemeinsam gestalten. Sie hat das auch geschafft. Aber sie hat auch wieder Populisten hervorgebracht, hüben wie drüben, die Lösungen für Probleme vorgaukeln, die es nicht gibt.Auch nach der Aufklärung pendeln wir hin und her wie die Schiffe auf dem Rhein, immer von den Wellen abhängig, auf denen sie schaukeln, selbst wenn sie mutig gegen sie halten.

Irrtum der Zeit

Der Vergleich mit dem Pendel mag in Zeiten, in denen der Schwung nur gerade in die eine Richtung festzustellen ist, bloss eine Hoffnung sein. Arbeiten wir für diese Hoffnung, dass das Pendel zurückschwinge! Achten wir die Menschen und ihre Würde, ohne sie auf ihren ökonomischen Wert zu reduzieren, ohne den vermessenen Anspruch, sie ultimativ erklären und definieren zu wollen, denn eine solche Erklärung ist immer nur Stand des momentanen Irrtums der Zeit, in der wir leben und welche uns und die Seele der Politik prägt.

Dazu gehört freilich Wachsamkeit darüber, wohin und wie weit das Pendel schwingt. Dazu gehört der Mut, seinen Schwung zu bremsen und ihm eine andere Richtung zu geben.

Wir wollen und sollen uns deshalb der tendenziellen Entpolitisierung in allen gesellschaftlichen Bereichen widersetzen, wir müssen uns gegen alle Ansätze von Fremdenhass, Antisemitismus und Diskriminierung zur Wehr setzen. Dazu wollen wir an der lichten Idee der Aufklärung festhalten, so wie es uns unsere beruflichen Fähigkeiten gestatten, wo immer wir stehen. Sei es am Rednerpult, sei es hinter der Couch, sei es in der Klinik, sei es vor oder sei es nach dem Abschied.

Erstellt: 29.12.2010, 19:46 Uhr

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Moritz Leuenberger

Moritz Leuenberger Bilder aus der Laufbahn des Zürcher Politikers.

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Leuenberger zum Lachen

Leuenberger zum Lachen Zum Rückritt von Bundesrat Moritz Leuenberger zeigte Tagesanzeiger.ch/Newsnet 10 Karikaturen aus der spitzen Feder von Karikaturist Felix Schaad.

Rede in Basel

Der ehemalige Bundesrat Moritz Leuenberger hielt am 17. Dezember vor Psychiatern im Basler Kinderspital eine Rede mit dem Titel «Hat die Politik eine Seele? Muss sie geheilt werden?» Wir drucken sie in stark gekürzter Fassung ab. Die vollständige Rede ist zu finden auf www.moritzleuenberger.ch

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