Jeder vierte Patient ist nicht freiwillig in der Psychiatrie

Die Schweiz zählt bei Zwangseinweisungen zu den europäischen Spitzenreitern. Experten sagen, die Entwicklung sei auch eine Folge des Spardrucks.

Gegen das Recht auf Freiheit: Die am häufigsten angewandte Zwangsmassnahme in psychiatrischen Kliniken ist die Isolation. Foto: Steffen Schmidt / Keystone

Gegen das Recht auf Freiheit: Die am häufigsten angewandte Zwangsmassnahme in psychiatrischen Kliniken ist die Isolation. Foto: Steffen Schmidt / Keystone

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Seit knapp zwei Jahren gelten in der Schweiz einheitliche Regeln, inwiefern psychisch kranke Menschen gegen ihren Willen in Kliniken mit Medikamenten behandelt, eingesperrt oder an Betten ­fixiert werden dürfen. Eine Studie des Vereins für Qualitätsentwicklung in Spitälern und Kliniken (ANQ) präsentiert nun erstmals Zahlen zu diesem Thema und zeigt, dass es grosse Unterschiede zwischen den psychiatrischen Kliniken gibt: In rund der Hälfte der 63 befragten Einrichtungen werden kaum Zwangsmassnahmen angewendet – bei 10 Kliniken gibt es hingegen signifikant mehr Behandlungen gegen den Willen der ­betroffenen Personen. Im Jahr 2013 war die am häufigsten angewandte Zwangsmassnahme die Isolation (2554 Fälle), gefolgt von Zwangsmedikation (1232 Fälle) und Sicherheitsmassnahmen wie Bettgitter (506 Fälle).

Die Unterschiede kommen einerseits durch die verschiedenen Klinikprofile zustande: In einer Burn-out-Klinik werden andere Fälle behandelt als in einer Uniklinik. Doch laut der Medizinethikerin Ruth Baumann-Hölzle gibt es zwischen den Spitälern auch grosse Mentalitätsunterschiede, die sich in mehr oder weniger Zwang niederschlagen würden. Sie kritisiert zudem, dass die Gesellschaft der Psychiatrie zu wenig Mittel zur Verfügung stelle, um Zwangsmassnahmen auf ein Minimum zu reduzieren. «Geld spielt eine grosse Rolle: Je mehr Personal zur Verfügung steht, ­desto mehr Zeit kann man sich für Patienten nehmen und dadurch Zwangsmassnahmen verhindern.»

Auffällige Menschen werden medizinisch behandelt

Dem pflichtet die Stiftung Pro Mente Sana bei: «Es gäbe verschiedene Massnahmen, um Zwang zu reduzieren, doch es ist schwierig, diese zu finanzieren», sagt Christoph Lüthy. Bei der sogenannten aufsuchenden Hilfe zum Beispiel machen Klinikärzte Hausbesuche, bevor eine Situation eskaliert. Dies verringere die Anzahl an Zwangseinweisungen. «Im Schweizer Finanzierungssystem fällt dieser ambulante Dienst aber zwischen Stuhl und Bank», sagt Christoph Lüthy.

In der Schweiz wird im Durchschnitt jeder vierte Patient gegen seinen Willen in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, womit das Land in Europa zu den Spitzenreitern zählt. Nur Österreich und Finnland weisen höhere Quoten auf. «Das allein muss nicht heissen, dass hier etwas schiefläuft», sagt Baumann-Hölzle. Fürsorgerische Unterbringungen bedeuteten auch, dass der Staat seine Pflichten wahrnehme und für Menschen sorge, die das selber nicht mehr tun könnten. «Es findet aber auch vielfältige Medizinalisierung von sozialen Problemen statt: Wo Menschen auffällig sind und sich nicht konform verhalten, werden sie medizinisch behandelt. Das ist einfacher und günstiger, als sich Zeit für sie zu nehmen und den gesellschaftlichen Ursachen auf den Grund zu gehen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.11.2014, 00:04 Uhr

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