Jedes zehnte Auto soll ab 2020 elektrisch fahren

Um die neuen CO2-Grenzwerte zu erreichen, will Auto-Schweiz den Marktanteil von Elektroautos bei Neuzulassungen ab 2020 auf 10 Prozent erhöhen. Heute beträgt dieser erst 2,7 Prozent.

«Es braucht ein koordiniertes, gemeinsames Vorgehen»: Andreas Burgener, Direktor Auto Schweiz.

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Die Zeit drängt: Ab 2020 gilt ein CO2-Grenzwert von durchschnittlich 95 Gramm pro Kilometer für Neuwagen. Dies hat das Stimmvolk mit der Abstimmung zur Energiestrategie 2050 bestätigt. Heute Mittag hat die Vereinigung Automobil-Importeure Auto-Schweiz aufgezeigt, wie die Autobranche dieses Ziel erreichen will.

Unter dem Titel «10/20» gab der Branchenverband sein «ehrgeiziges» Branchenziel für die Elektrifizierung des motorisierten Individualverkehrs aus. So soll im Jahr 2020 jeder zehnte neu in der Schweiz immatrikulierte Personenwagen ein Elektroauto oder Plug-in-Hybrid sein. «Die Vorgabe ist äusserst ambitioniert, betrug doch der E-Fahrzeug-Anteil 2017 gerade einmal 2,7 Prozent», heisst es in der Pressemitteilung von Auto-Schweiz.

Da die Schweiz aufgrund der stärkeren Kaufkraft und gebirgiger Topografie ein höheres CO2-Niveau im Fahrzeugsektor ausweise als fast alle EU-Staaten, sei die Vorgabe entsprechend anspruchsvoll. Damit die Realisierung von «10/20» trotzdem erreicht werden könne, nennt der Verband mehrere Voraussetzungen.

Erstens brauche es eine grosse Auswahl an Modellen mit alternativen Antrieben wie Gas, Wasserstoff, Elektro und (Plug-in-) Hybride. Zweitens fordert Auto-Schweiz eine «breite Unterstützung sowie steuerliche Anreize» seitens des Bundes, der Kantone und der Gemeinden beim Ausbau der Lade- und Tankinfrastruktur für Strom und alternative Treibstoffe. Und zudem seien private Investitionen für Lade- und Tankinfrastruktur nötig – seien es Energieversorger, Netzbetreiber, Pioniere, Arbeitgeber oder (Mehrfamilien-) Hauseigentümer.

Bürgerliche gegen staatlich finanzierte Ladestationen

Doch gerade was die «breite Unterstützung sowie steuerliche Anreize» beim Ausbau der Ladestationen angeht, werden bürgerliche Parlamentarier hellhörig. «Die Ziele von Auto-Schweiz sind begrüssenswert. Aber die Idee darf nicht sein, dass der Bund, die Kantone und die Gemeinden selbst Ladestationen bauen und betreiben», sagt Martin Candinas, CVP-Nationalrat und Mitglied der nationalrätlichen Verkehrskommission. Richtig sei hingegen, dass die öffentliche Hand gute Bedingungen für Investoren schaffen würde. Dabei verweist er auf das von der Verkehrskommission eingereichte und vom Bundesrat letzten Sommer gutgeheissene Postulat «Voraussetzungen für ein Schnellladenetz für Elektroautos auf Nationalstrassen».

Damit hat sich der Bund verpflichtet, die Schnellladestationen entlang der Nationalstrassen zu fördern. Nach geltendem Recht können entlang der Nationalstrassen Schnellladestationen nur auf Raststätten errichtet werden. Heute sind zwölf solcher Ladestationen in Betrieb, weitere sind in Planung. Mit der Umsetzung des Nationalstrassen- und Agglomerationsverkehrs-Fonds (NAF) ist es seit Anfang Jahr möglich, auch auf Rastplätzen Schnellladestationen zu bauen.

Damit ab 2020 jedes zehnte neu zugelassene Auto elektrisch fährt, braucht es viel mehr Ladestationen. Bild: Keystone/Christian Beutler

Thierry Burkart, FDP-Nationalrat und Vorstandsmitglied von Swiss eMobility, ist gleicher Meinung wie sein Kommissionskollege Martin Candinas: «Grundsätzlich soll die Elektromobilität mit einer Verbesserung der rechtlichen Rahmenbedingungen gefördert werden.» Aber danach sei es die Aufgabe der privaten Investoren, entsprechende Ladestationen zu bauen. «Deshalb braucht es keine finanzielle Förderung durch den Bund.» Da bereits eine Vielzahl von attraktiven Modellen von E-Autos auf dem Markt sei und laufend noch bessere Modelle eingeführt würden, würde eine genügend grosse Nachfrage nach weiteren Ladestationen bestehen.

Doch Andreas Burgener, Direktor von Auto-Schweiz, relativiert die finanziellen Forderungen: «Es geht uns nur darum, dass bei der Motorfahrzeugsteuer finanzielle Anreize gesetzt werden, damit mehr E-Autos gekauft werden.» Eine finanzielle Förderung von Ladestationen sei nicht nötig, wenn der Bund nun «zügig» mit den rechtlichen Erleichterungen bei der Installation von Ladestationen entlang der Nationalstrassen vorwärtsmache.

Grüne warnen vor «Greenwashing »

Auch der grüne Nationalrat und Mitglied der Energiekommission, Bastien Girod, begrüsst grundsätzlich die Initiative der Auto-Importeure: «Es ist besser, die Erkenntnis kommt jetzt, als nie.» Auf grössere Zustimmung als bei seinen beiden bürgerlichen Ratskollegen stösst bei ihm die Forderung nach einer breiten Unterstützung der öffentlichen Hand beim Ausbau der Lade- und Tankinfrastruktur für Strom und alternative Treibstoffe. Da habe der Bundesrat im Rahmen des CO2-Gesetzes bis jetzt zu wenig unternommen. «Ich denke dabei an das Gebäudeprogramm, das die Installation von Ladestationen erleichtern sollte.» Allerdings kritisiert Girod, dass mit dem Vorstoss der Auto-Importeure weiterhin die grossen, ineffizienten Autos mit Verbrennermotoren zugelassen werden können. «Sie sollen einfach mit effizienten E-Autos kompensiert werden.»

Noch kritischer sieht es der VCS-Autoexperte Kurt Egli. Zwar sei das Ziel von Auto-Schweiz erreichbar, sofern die Autohändler Elektroautos offensiv vermarkten würden. «Aber statt schwere Hybrid-Offroader zu fördern, wäre es für die Umwelt viel besser, wenn die Schweizer stattdessen leichte und verbrauchsarme Benzin- oder Dieselautos kaufen würden.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.02.2018, 13:15 Uhr

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