Jetzt kommt die Herausforderin

Rita Famos will an die Spitze der Schweizer Reformierten.

Die Pfarrerin peilt das Spitzenamt an: Rita Famos stellt sich zur Wahl. Foto: PD

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Am 17. Juni kommt es in Schaffhausen doch noch zu einer Kampfwahl um das schweizerische evangelische Spitzenamt: Frau gegen Mann, Zürcherin gegen Berner, Teamplayerin gegen bischöflichen Leader. Pfarrerin Rita Famos (52) fordert Pfarrer Gottfried Locher (51) heraus, der seit 2011 an der Spitze des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds steht.

Sie habe sich ihre Kandidatur gründlich überlegt, wenn auch in kürzester Zeit. Denn ihr Entscheid ist aus dem neuen Unbehagen am lange Zeit unangefochtenen Präsidenten Locher entstanden. In den letzten Wochen wurde er heftig kritisiert – teils mehr, als er es verdient hat. Zu reden gab sein bischöfliches Amtsverständnis und sein Bild der Frau und von dienstfertigen Prostituierten, zuletzt in der «Rundschau» im Schweizer Fernsehen. Die Kritik habe bei ihrem Entscheid eine Rolle gespielt, bejaht Famos. Lochers Haltung sei nicht vereinbar mit dem reformierten Kirchen- und Frauenbild. Bedauerlicherweise habe er sich nie deutlich von seinen strittigen Aussagen distanziert.

Eine interkantonale Gruppe von Gläubigen an der Basis hat Famos zur Kandidatur ermutigt. Für sie bedeutet das: Man will eine Auswahl von Köpfen haben, aber auch eine Debatte um das geistliche Amt. Der Kirchenbund ist dabei, sich eine neue Verfassung zu geben und von einem Dachverband von Kantonalkirchen zur Evangelischen Kirche Schweiz zu werden. Die Abgeordneten wünschen, dass die geistliche Leitung nicht allein im Präsidenten konzentriert ist, sich vielmehr auf die drei Führungsgremien Präsidium, Rat und Synode verteilt. Dazu passt Famos, die sich nicht als Bischöfin versteht, nicht klerikal-machtbewusst, sondern pastoral-seelsorgerisch leiten will.

Auch als (erste) Frau passt die Pfarrerin in das Spitzenamt: «Wir Reformierten sind die Kirche, die vor 100 Jahren als erste die Frauenordination eingeführt hat.» Selber versteht sie sich als moderne emanzipierte Frau, die Familie und Beruf unter einen Hut bringt und mit ihrem Mann das Pfarramt während Jahren im Jobsharing geteilt hat. Feministische Anliegen sind bei ihr nicht bloss Lippenbekenntnisse, sondern sie lebt sie selbstverständlich.

Famos bringt einen geradezu idealen Leistungsausweis mit. Seit fünf Jahren leitet sie die Abteilung Spezialseelsorge bei der reformierten Zürcher Kirche mit 80 Mitarbeitern. Zuvor war sie Pfarrerin in Uster und Zürich-Enge, sass sieben Jahre im Zürcher Kirchenparlament und war in leitender Position bei der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in der Schweiz. Von 2011 bis 2014 gehörte sie bereits als Ratsmitglied zum Evangelischen Kirchenbund, notabene an der Seite des jetzigen Präsidenten.

Dank Famos’ Kandidatur erhält die reformierte Kirche nun das, was Gottfried Locher ihr immer gewünscht hat: Beachtung und Profil.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.05.2018, 23:17 Uhr

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