«Jetzt sind Sie an der Reihe, Herr Hildebrand!»

Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Kommentator Anton Schaller über die Geschäfte des Nationalbankpräsidenten, die vielleicht zwar rechtens, möglicherweise nicht richtig, aber in jedem Fall sehr unklug waren.

Muss jetzt Klarheit schaffen: Philipp Hildebrand.

Muss jetzt Klarheit schaffen: Philipp Hildebrand.

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Es ist beinahe zum Verzweifeln. Philipp Hildebrand, der oberste Schweizer Banker, wurde nicht müde, seinen während der Finanzkrise in Verruf geratenen Berufskollegen die Leviten zu lesen, rügte ihre Gier nach Boni und Riesengehältern, wollte schärfere Regeln für Bankgeschäfte. Er galt als der lebendige Beweis, dass es auch andere Banker gibt, nämlich ehrbare, aufrechte. Als solcher verwaltete er unsere Währung, unseren so soliden Schweizer Franken. Er trug Sorge zu ihm, schützte ihn gegen Anfechtungen von aussen, errichtete einen Damm gegen den Zustrom gewaltiger Summen aus Euroland.

Und jetzt, jetzt steht er da als ein Mann, der nicht besser ist als alle anderen, als einer, der sich selber am Devisenmarkt bereicherte, selber aus dem Handel solide Profite schlug. Auch wenn es möglicherweise gar rechtens war, wie kann er sein Handeln moralisch verantworten?

Am Anfang der Affäre stand ein dürres Communiqué des Bankrates der SNB. Es liess mehr Fragen offen, als dass es zur Klärung beitrug. Proaktiv wollte der Bankrat der Nationalbank einer verdutzten Öffentlichkeit weismachen, dass bei den Devisentransaktionen der Familie Hildebrand alles mit rechten Dingen zugegangen sei. Der oberste Währungshüter soll selbst mit Devisen gehandelt haben? «Wie bitte, darf der das überhaupt?», fragte man sich landauf, landab beim Weihnachtsessen.

So kamen trotz Weihnachtszeit nach und nach die Fakten auf den Tisch, Akteure traten an die Öffentlichkeit. Die Sonntagszeitungen berichteten breit darüber, machten öffentlich, dass Christoph Blocher als Briefträger die Hände im Spiel hatte. Dann gab es weitere Unbedenklichkeitserklärungen. Alles o.k., sagte der Bankratspräsident, sagten die Überprüfer. Und gestern äusserte sich Frau Hildebrand erstmals in der Sendung «10vor10»: Sie habe ein «gutes Gefühl» gehabt, als sie 400'000 CHF in Dollar wechselte und auch, als sie nach dem Rückwechsel in CHF einen Gewinn von rund 60'000 CHF machte.

Jetzt doppelt die SVP-nahe «Weltwoche», wie zu erwarten war, nach. Die Vorwürfe des Magazins sind massiv. Sie präzisiert, enthüllt, dass es Philipp Hildebrand selber war, der die Transaktionen in Auftrag gab, dass er schon im Frühjahr ein ähnliches Geschäft in Millionenhöhe tätigte und folgert, dass es wohl nicht allein Transaktionen im Interesse der Galerie seiner Frau waren. Sie bezichtigt Hildebrand der Lüge, dem Bundesrat wirft sie Vertuschung der Affäre vor. Und der Mann, der es öffentlich machte, der das Bankgeheimnis willentlich brach und seine fristlose Entlassung aus der Bank Sarasin in Kauf nahm, reichte laut «Weltwoche» Strafanzeige gegen Hildebrand ein: Der Nationalbankpräsident habe gegen das Börsengesetz verstossen.

Jetzt ist Philipp Hildebrand an der Reihe. Er will an die Öffentlichkeit, will erklären, was Sache ist, will Klarheit schaffen. Aber wird es ihm gelingen, die Bevölkerung zu überzeugen, dass alles nicht nur rechtens war, sondern auch moralisch nicht zu beanstanden? Wenn er es nicht kann, gibt es nur eine Konsequenz: den Rücktritt.

Erstellt: 04.01.2012, 15:24 Uhr

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