Jetzt wollen alle sauberen Strom

In der Schweiz bricht die Nachfrage nach Atomstrom ein, dafür steigt das Bedürfnis nach erneuerbarer Energie. Glücklich sind die Befürworter der Energiewende gleichwohl nicht.

Die Schweizer Bevölkerung bevorzugt erneuerbare Energie, wie die Windkraft. Foto: Patrick Kelley (AP, Keystone)

Die Schweizer Bevölkerung bevorzugt erneuerbare Energie, wie die Windkraft. Foto: Patrick Kelley (AP, Keystone)

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«Mehr erneuerbare Energie aus Schweizer Steckdosen»: Für die Befürworter der Energiewende scheint es eine gute Nachricht zu sein, was das Bundesamt für Energie (BFE) jüngst vermeldet hat. Das Amt im Departement von Energieministerin Doris Leuthard (CVP) untersucht seit 2005, aus welchen Quellen die Schweizer Bevölkerung ihren Strom bezieht. Für die Ermittlung der Zahlen hat das BFE den Strommix von 543 Stromversorgern analysiert. Die ausgewertete Strommenge umfasst 89 Prozent des total in der Schweiz gelieferten Stroms.

Der Hauptbefund: Die Nachfrage nach erneuerbarer Energie wächst. Laut den neuen Zahlen stammte 2013 der Strom, den die Schweizer Bevölkerung konsumierte, zu 50,7 Prozent aus Wasserkraft – das sind knapp 10 Prozentpunkte mehr als bei der letzten Erhebung im Jahr 2011. Gewachsen ist auch der Anteil der erneuerbaren Energieträger Sonne, Wind, Biomasse und Kleinwasserkraft – und zwar von 2,2 auf 3,8 Prozent. Demgegenüber kamen nur noch 30,9 Prozent des gelieferten Stroms aus nicht erneuerbarer Quelle (–13 Prozentpunkte). Hauptverantwortlich für diesen Rückgang ist die Atomenergie, deren Anteil von 41 auf 30 Prozent schrumpfte. Noch frappanter sind die Unterschiede im Vergleich zu früheren Jahren: Zwischen 2005 und 2013 ist der Anteil der erneuerbaren Energien von 34,4 auf 54,5 Prozent gestiegen.

AKW-Produktion bleibt gleich

In Jubel bricht das ökologische Lager gleichwohl nicht aus. «Diese Zahlen vermitteln ein verzerrtes Bild der Realität», sagt Felix Nipkow von der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES). Massgebend für den Atomausstieg sei nicht die Frage, welchen Strom die Schweizer Bevölkerung konsumiere. Entscheidend sei der Produktionsmix im Inland. «Und daran», so stellt er klar, «hat sich nichts geändert, weil noch immer alle fünf Atomkraftwerke in Betrieb sind.» Auch die Promotoren der Atomenergie unterstreichen dies. Nach wie vor produziere die Schweiz knapp 60 Prozent Wasserkraft und knapp 40 Prozent Kernenergie, sagt FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen. «Ohne diese zwei wichtigsten Produktionsformen würde die Versorgungssicherheit für die Schweiz nie erreicht.» Dies sei eine physikalische Tatsache, alles andere Planspiel des BFE.

Der Anteil der Atomenergie am Produktionsmix schwankt in der Tat seit Jahren um die 40 Prozent. 2013 waren es deren 37, die Produktion in jenem Jahr war also grösser als die Nachfrage (30 Prozent). Ein Teil des Schweizer AKW-Stroms wurde somit nicht an die Schweizer Kunden weitergegeben – eine politisch motivierte Entwicklung: Nach der Atomkatastrophe von Fukushima 2011 haben viele Stromversorger ihren Mix zunehmend mit Erneuerbaren angereichert, weil es die Kunden so gewünscht oder ihre Eigentümer, die Städte und Kantone, so angeordnet haben. In der Folge kauften sie vermehrt Strom aus ausländischer Wasserkraft ein, dies in Form von Zertifikaten, welche die Produktion von Strom aus erneuerbaren Energieträgern bestätigen. Auf diese Weise können sie sich zwar Strom aus einer erneuerbaren Quelle anrechnen lassen; doch physikalisch kommt der Strom in den Schweizer Steckdosen immer noch zu einem guten Teil aus AKW. Dies weckt Kritik: «Sich mit einem hohen Anteil an grünen Zertifikaten zu brüsten, ist so irrational wie der Ablasshandel im Mittelalter», sagt SP-Nationalrat Roger Nordmann.

Sogar mehr «Dreckstrom»

Spekulativ bleibt, wie sich der Absatz des sogenannt grauen Stroms entwickeln wird, jenes Stroms also, dessen Herkunft nicht nachweisbar ist, weil im internationalen Stromhandel keine vollständige Transparenz herrscht. Laut Experten dürfte es sich aber mehrheitlich um Strom aus fossilen und nuklearen Quellen handeln. Lag der Anteil des Graustroms 2005 noch bei 21 Prozent, sank er bis 2011 auf 11,8 Prozent, ehe er nun wieder angestiegen ist, auf 13,4 Prozent. Das BFE vermutet, dass Grossverbraucher vermehrt Strom auf dem freien Markt ohne Zukauf entsprechender Herkunftsnachweise kaufen. Als schlechtes Omen für die vollständige Strommarktöffnung, die ab 2018 mehr als 3,5 Millionen Privathaushalten die freie Wahl des Stromanbieters ermöglichen soll, will das BFE diesen Anstieg nicht gewertet haben: Es gebe keinen Grund, anzunehmen, dass Stromkonsumenten, die heute schon auf erneuerbare Energien setzten, dies im freien Markt nicht mehr täten.

Die Umweltverbände bezweifeln dies. Der WWF Schweiz etwa mahnt, es brauche für eine vollständige Marktliberalisierung flankierende Massnahmen, weil ansonsten die Schweiz mit billigem «Dreckstrom» aus Kohle, Gas oder Atomkraft überflutet werde. Doch seine Forderung nach einer Abgabe auf diese Strom­arten ist bis heute unerfüllt geblieben. Bedenken hegt auch Ruedi Zurbruegg, der für das BFE die neuen Zahlen erhoben hat und sich seit 2005 mit der Thematik beschäftigt. «Die grossen Marktkunden wollen keinen Ökostrom, sondern den billigsten Strom.» Deshalb erhöhe jeder Kunde, der in den freien Markt eintrete, den Anteil des Grau-stroms. Für die Kleinkunden, also die Haushalte, gelte das zwar in weniger hohem Masse. «Doch die Strommarktöffnung», so hält Zurbruegg fest, «bremst die Energiewende eindeutig.»

Erstellt: 08.07.2015, 18:37 Uhr

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