Jung, hartnäckig, fordernd

Andrea Bleicher ist die erste Frau an der Spitze beim «Blick». Doch wer ist die 39-jährige Mutter von zwei Kindern, die schon mit 23 wusste, dass sie diesen Job will?

Zielstrebig und hartnäckig: Die neue «Blick»-Chefin Andrea Bleicher.

Zielstrebig und hartnäckig: Die neue «Blick»-Chefin Andrea Bleicher. Bild: Shane Wilkinson, Ringier.ch

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Kommt Andrea Bleicher am Morgen ins Büro, trinkt sie als Erstes einen Kaffee, liest Zeitungen und telefoniert mit den Reportern. Ihre grössten Vorbilder im Journalismus sind die Feministin Alice Schwarzer und «Zeit»-Chefredaktor Giovanni di Lorenzo. Und ihren Schreibtisch will sie mit niemandem teilen. All dies hat die bisherige stellvertretende Chefredaktorin des «Blicks» letzten November dem «Schweizer Journalist» verraten.

Seit gestern ist klar: Bleicher muss ihren Schreibtisch künftig mit niemandem mehr teilen. Sie übernimmt ab sofort interimistisch die Leitung des «Blicks» und ist damit die erste Frau an dessen Spitze. Ihr Vorgänger, der Deutsche Ralph Grosse-Bley, verlässt die Zeitung wegen unterschiedlicher Auffassungen bezüglich Weiterentwicklung und Organisation des Newsrooms der «Blick»-Gruppe, wie Ringier gestern an Bleichers Geburtstag mitteilte. 39 Jahre alt wurde sie, entsprechend gut war sie gelaunt: «Ich freue mich auf alles, was kommt. Es wird wahnsinnig spannend.»

«Ich habe es fast geschafft»

Dass sie Chefredaktorin des «Blicks» werden will, weiss Bleicher, seit sie 23 ist. Sie habe diesen Entschluss 1997 in der Ringier-Journalistenschule gefasst und von da an zielstrebig verfolgt. Nach drei Jahren als Reporterin beim «Blick» war sie ab 2000 Reporterin und Blattmacherin für die Gratiszeitungen «20 Minuten» und «Metropol». 2002 wechselte sie als Inlandredaktorin zur «SonntagsZeitung», die sie 2007 für den «Blick» wieder verliess. Nach knapp drei Jahren als Leiterin des Nachrichtenressorts wurde sie 2010 Ressortleiterin News im Newsroom der «Blick»-Gruppe und ab letztem Herbst stellvertretende Chefredaktorin des «Blicks».

Wie fühlt sie sich jetzt, da sie es geschafft hat? «Ich habe es fast geschafft», korrigiert sie. «Fast.» Sie leite den «Blick» ja derzeit nur ad interim. Nicht unbedingt jetzt, aber immerhin eines Tages wolle sie die Leitung der Redaktion endgültig übernehmen. Laut Ringier-Sprecher Edi Estermann ist es bei der «Blick»-Gruppe üblich, Redaktionsleitungen vorerst interimistisch zu vergeben. In Wochen bis Monaten entscheide man definitiv.

«Gute Nase für Geschichten»

Zielstrebig und hartnäckig – das sind die ersten zwei Adjektive, die praktisch alle nennen, mit denen man über Bleicher spricht. Manch einer sagt auch: extrem zielstrebig, extrem hartnäckig. Sie wisse genau, was sie wolle, habe «Pfupf» und «Pepp» und darüber hinaus «eine gute Nase für Geschichten». Sie sei eine «Schafferin mit einer unglaubliche Energie», die so viel Zeit wie nur möglich auf der Redaktion verbringe. Sie sei als Chefin aber auch sehr fordernd, erwarte viel von ihren Leuten – zuweilen zu viel.

Dass Bleicher keine Kompromisse macht, zeigte sich auch 2007, als es um die Neubesetzung der Leitung des Inlandressorts der «SonntagsZeitung» ging. Die damalige Inlandredaktorin hätte den Job, wie sie sagt, gerne übernommen, doch sie wurde nicht angefragt: «Nicht etwa, weil man es mir nicht zutraute, wie man mir später sagte. Sondern weil man meinte, ich wolle mir den Job mit zwei Kindern nicht zumuten. Diese Fremdbestimmung ärgert mich noch heute.» Die Wahl fiel auf einen Mann, Bleicher kündigte – und ging zurück zum «Blick».

Nicht nur träumen, sondern anpacken

Heute sind ihre Kinder 10 und 8 Jahren alt. Sie wohnen beim Vater in Deutschland, einem Journalisten, von dem Bleicher getrennt ist. Sie verbringt jede Woche zwei Tage bei den Kindern, das sei zwar nicht immer einfach, funktioniere aber gut, wie sie sagt. «Es war für sie immer klar, dass der Job vorgeht und sie sich nicht um die Kinder kümmern wird», sagt ein Journalist, der sie seit langem kennt. «Das hat mich überrascht, aber auch beeindruckt.»

Auf ihre Rolle als erste Frau an der «Blick»-Spitze angesprochen, sagt Bleicher, es stimme sie traurig, dass man im Jahr 2013 noch immer darüber diskutiere, wie speziell ihre Beförderung sei. Sie empfehle allen Frauen, nicht nur von ihren Zielen zu träumen, sondern sie gezielt anzupacken und gegenüber Vorgesetzten klar zu äussern. Schliesslich gehöre aber immer auch eine Portion Glück dazu, von den richtigen Leuten gefördert zu werden.

Am Pult der Redaktoren

Auch Bleicher selbst gilt als eine, die ihre Mitarbeiter fördert und fordert. Es sei oft schwierig, ihre Erwartungen zu erfüllen, sagen mehrere Angefragte. Etwa dann, wenn sie sich am Pult von Redaktoren positioniere, bis eine bestimmte Anzahl Telefonate gemacht und das erwünschte Resultat vorweisbar sei. Auch das gibt Bleicher unumwunden zu, als man sie mit dem Vorwurf konfrontiert: Sie erwarte, dass ein Journalist 30 Anrufe mache, wenn 30 Anrufe nötig seien, um zum Ziel zu kommen – und eben nicht nur drei. «Ich muss merken, dass meine Leute alles versucht haben, was in ihrer Macht steht. Dann bin ich zufrieden und kann auch damit leben, wenn eine Geschichte nicht zustande kommt.»

Beim «Blick» will die neue Chefin nicht von heute auf morgen alles verändern, wie sie sagt. Die Zeitung habe ihr unter Grosse-Bley «grundsätzlich gefallen». Das Seite-1-Girl etwa werde es auch künftig geben. Allerdings wünscht sie sich vermehrt gesellschaftspolitische Debatten. Zudem wolle sie die Berichterstattung über Bundesbern wieder intensivieren.

Mehr Sex?

Dürfen die Leser auch mit mehr Sex rechnen? Eben diesen hatte sie im Fragebogen des «Schweizer Journalists» als unterschätztes Thema genannt. Bleicher lacht laut und verneint. Das sei die einzige Frage gewesen, auf die sie keine Antwort gewusst habe. Also habe sie Sex hingeschrieben – «und gewusst, dass mich das irgendwann einholt». Man werde definitiv keine Sexserien im «Blick» schalten. Es sei aber wohl tatsächlich so, dass das Thema trotz gegenteiliger Behauptungen noch längst nicht ausdiskutiert sei. Das zeige die aktuellen Sexismusdebatte um Rainer Brüderle: «Darf ein Mann das zu einer Frau sagen? Darf er nicht? Ich finde eindeutig: Nein, darf er nicht.»

Bleicher redet viel und schnell. Stumm bleibt sie nur bei der Frage nach Lebensgefährte Rolf Cavalli, Chefredaktor von «Blick.ch» sowie Chefredaktor ad interim des «SonntagsBlicks». Sie sagt einzig: «Kein Kommentar.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.02.2013, 09:08 Uhr

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