Junge Frauen meiden Wettbewerb in Schule und Beruf

Neue Befunde zeigen, warum so wenige Frauen in Toppositionen sind, und liefern eine Erklärung für den Lohnunterschied zwischen den Geschlechtern.

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Frauenquote, Fachkräfteinitiative, Lohnanalysen: Die Politik will Frauen vermehrt in hochkompetitive Bereiche der Wirtschaft bringen und ihnen dazu strukturelle Hindernisse aus dem Weg räumen. Befunde des neuen Bildungsberichts legen nun aber nahe, dass dies trotz der Fördermassnahmen schwierig werden dürfte: Noch immer entscheiden sich deutlich weniger Mädchen als Knaben für eine Lehre, einen gymnasialen Fächerschwerpunkt oder ein Studium im Mint-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik). Die weibliche Untervertretung fällt sogar im internationalen Vergleich auf. Damit handeln sich die Mädchen gemäss dem Bericht auch einen finanziellen Nachteil ein, weil die Löhne in Mint-Berufen vergleichsweise hoch sind.

Doch warum gelingt es nicht, mehr Mädchen für diese Fächer und Berufsfelder zu gewinnen? Bildungsökonom Stefan Wolter, der mit seinem Team den Bildungsbericht erstellt hat, weist den Grund in einer Studie nach, die Eingang in den Bildungsbericht gefunden hat: Demnach korrespondiert der Entscheid für ein Mint-Fach mit der Wettbewerbsbereitschaft der Schüler – und die unterscheidet sich zwischen Mädchen und Knaben schon früh sehr stark.

Video: Der Bildungsbericht 2018 liefert Überraschendes

Wie läuft es in der Schule? Der Bund und die Kantone haben sich einen Überblick verschafft.

In der Untersuchung konnten rund 1500 Achtklässler im Kanton Bern in Computertests Geld verdienen, je mehr Risiko und Wettbewerb sie eingingen. Während die Werte der Mädchen unabhängig vom Notendurchschnitt durchgehend tiefer blieben, wurden sie bei den Knaben umso höher, je bessere schulische Leistungen sie erbrachten. Das heisst: Ausgerechnet bei jenen Schülern, die das höchste Potenzial für eine Karriere in Wirtschaft und Forschung haben, zeigten sich die Mädchen signifikant weniger kompetitiv als die Knaben.

Eineinhalb Jahre später, kurz vor dem Übertritt in die nächste Bildungsstufe, glichen die Forscher dieses Verhalten mit der Entscheidung für die Schwerpunktfächer am Gymnasium oder für einen Lehrberuf ab. Und dabei zeigte sich, dass sich wettbewerbsbereitere Schüler häufiger für den naturwissenschaftlich-mathematischen Bereich entschieden hatten, der von den Jugendlichen gemäss der Studie als besonders kompetitiv wahrgenommen wird. Somit spielt der Wille, sich mit anderen zu messen, eine wichtige Rolle bei der Wahl des Berufes – und erklärt, warum Mädchen der Mathematik früh entsagen.

Infografik: Geschlechtervergleich bei der BildungGrafik vergrössern

Mädchen scheuen den Wettbewerb aber nicht generell. «Gegen sich selber oder gegen Mädchen treten sie an», so Wolter. In geschlechtergemischten Gruppen hingegen zögen sie sich zurück. In reinen Mädchenklassen erbringen sie sogar bessere Matheleistungen, wie andere Studien belegen. Am Vorurteil, wonach Frauen in diesem Bereich schwächer seien, ist jedoch wenig dran. Das zeigt die Auswertung der Lehrabschlüsse, die für den Bildungsbericht vorgenommen worden ist: Frauen haben im Schnitt eine höhere Erfolgsquote als Männer – auch in männerdominierten Berufen. Kein Widerspruch dazu ist der Befund des internationalen Bildungsmonitorings Pisa: Dort hinken Mädchen den Knaben in Mathematik zwar noch hinterher. Gemäss Wolter liegt das aber eher an der Aversion gegen das Fach als an den Fähigkeiten.

Die Befunde verdichteten sich zu einem Bild, warum so wenige Frauen in Toppositionen seien, und lieferten eine teilweise Erklärung für den Lohnunterschied zwischen den Geschlechtern, heisst es in der Berner Studie. Sie seien daher von hoher politischer Relevanz.

Vorbilder und Mädchenklassen

Bildungsminister Johann Schneider-Ammann ist es ein Anliegen, mehr Mädchen für die Mint-Fächer zu begeistern, wie er gestern vor den Medien sagte. Doch wie soll das gelingen? Für Lehrerverbandspräsident Beat W. Zemp kann eine separate Förderung ans Ziel führen. Bei Programmierkursen mache dies Sinn, sagt er. Ansonsten ortet er das Problem im soziokulturellen Bereich: «Es fehlen weibliche Vorbilder – etwa auf Plakaten, die für Ingenieurberufe werben.» Zudem müssten naturwissenschaftliche Unterrichtsmodule von gemischten Teams vermittelt werden. Zemp, der selber Mathematik am Gymnasium unterrichtet, geht mit Stefan Wolter einig, dass es Mädchen nicht an den Fähigkeiten mangelt. «Oft sind sie sogar Klassenbeste.» Beruflich ziehe es sie dann aber trotzdem in eine andere Richtung.

Susanne Metzger, Leiterin des Zentrums für Naturwissenschafts- und Technikdidaktik an der Fachhochschule Nordwestschweiz, hat dafür Erklärungen: Es fehlten etwa positive Rollenbilder. Stereotype wie «Chemiker sind männlich, unattraktiv und arbeiten in dunklen Labors» lockten Mädchen nicht gerade an. Es brauche darum geschlechterneutrale Lehrmittel, in denen solche Berufe auch in für Mädchen attraktiven Kontexten präsentiert würden.

Der Fokus auf die mangelnde Wettbewerbsbereitschaft der Mädchen stört Silvia Steiner, Präsidentin der Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK). «Statt eine weibliche Eigenschaft negativ darzustellen, müssen wir die Fähigkeiten der Frauen nutzen. Sie sind häufig kommunikativer und vermittelnder als Männer.» Wenn viele Mädchen keine Lust hätten, Mint-Fächer zu studieren, sei das zu akzeptieren, so die Zürcher Bildungsdirektorin. Um die Frauen besser in die Wirtschaft zu integrieren, müsse nicht bei der Wahl des Studienfachs oder des Berufs angesetzt werden, sondern bei einer Quote zur Besetzung von Führungspositionen. Denn Männer holten tendenziell wieder Männer in ihre Teams. Dagegen brauche es ein regulatorisches Gegengewicht.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.06.2018, 06:21 Uhr

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Analysen zu rund 500 Themen

Der gestern publizierte vierte Bildungsbericht macht eine Tour d’Horizon über das Schweizer Bildungssystem vom Kindergarten bis zur Weiterbildung. Das Autorenteam unter der Leitung des Bildungsökonomen Stefan Wolter fasst darin Analysen zu rund 500 Themen zusammen. Das Spektrum reicht von Bildungsdefiziten von Kindern mit Migrationshintergrund über Maturitätsquoten bis hin zum Fachkräftemangel oder zur Digitalisierung. Die Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung gibt den alle vier Jahre erscheinenden Bericht im Auftrag des Bundes und der Kantone heraus. Er dient als Grundlage für die Bildungspolitik. Pro Jahr geben Bund und Kantone rund 36 Milliarden Franken für die Bildung aus. (cab)

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