Junge Politiker drängen nach vorn und ärgern sich

Sie sind jung, ehrgeizig und auf dem Sprung ins Bundeshaus. Viele Nachwuchspolitiker, die im Herbst für den Nationalrat kandidieren, ärgern sich über langjährige Parlamentarier, die ihnen den Weg versperren.

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«Viele ältere Nationalräte sitzen auf ihren Sesseln, statt uns Jungen Platz zu machen. Das ist ein Riesenproblem», sagt Patricia Mattle. Die 26-jährige St. Gallerin sitzt als Vertreterin der Jungen CVP im Präsidium der Mutterpartei und tritt im Oktober bei den Nationalratswahlen an. Ihre Chancen sind nicht riesig, aber am Sonntag gestiegen. Denn CVP-Nationalrat Thomas Müller ist zur SVP übergelaufen. Sichert sich die St. Galler CVP im Herbst wie vor vier Jahren drei Sitze, kann sie ein neues Gesicht nach Bern schicken. «Wir werden Vollgas geben», sagt Mattle.

Als verheissungsvolle CVP-Nachwuchstalente gelten neben ihr der Bündner Martin Candinas und die Baselbieterin Sabrina Mohn. Der 30-jährige Candinas wurde 2006 als jüngstes Mitglied in den Grossrat gewählt, Mohn ist Landrätin und mit 26 Jahren bereits Präsidentin der CVP Basel-Landschaft.

Hoffen auf oberen Listenplatz

Auch bei den Jungfreisinnigen ist man über die «Parlaments-Dinosaurier» (TA vom 10. 1.) nicht erfreut: «Paul Rechsteiner sitzt schon im Nationalrat, seit ich auf der Welt bin. Das ist doch unglaublich», sagt Brenda Mäder, die 24-jährige Präsidentin der Jungfreisinnigen Schweiz. Sie erachte einen Mix von verschiedenen Altersgruppen als wichtig, und viele langjährige Parlamentarier leisteten gute Arbeit. Doch es gebe eben auch diejenigen, die «praktisch nichts» machten und deshalb ihren Platz räumen sollten: «Was einer in den ersten 5 Jahren nicht gemacht hat, wird er auch in den nächsten 15 oder 20 Jahren nicht machen», sagt die Thurgauer FDP-Frau. Sie hofft auf einen vorderen Platz auf der Nationalratsliste. «Je weiter oben man auf der Liste steht, desto besser.»

Neben Mäder schickt die FDP auch Cédric Vollmar, den 25-jährigen Spitzenkandidaten der Jungfreisinnigen Luzern, ins Rennen. «Wenn mehr Junge im Parlament sässen, würden viele Entscheide anders ausfallen», glaubt er. «Sie haben eine andere Problemauffassung als ältere Politiker – etwa bei der Buchpreisbindung.» Auch die Jugendgewalt oder die Öffnung der Schweiz gegen aussen seien Themen, die Junge im Nationalrat entscheidend mitprägen könnten. Zudem schafften es die Nachwuchspolitiker, bei Gleichaltrigen das Interesse für Politik zu wecken.

Viel Vertrauen, viel Verantwortung

Auch bei der SP und der SVP bringen sich die Nachwuchspolitiker unter 30 in Stellung. Allen voran: Cédric Wermuth, der 24-jährige Juso-Chef und Vizepräsident der SP. Die SP Aargau hat ihn bereits im November auf den dritten Listenplatz gesetzt. Dort will Wermuth den Sitz der abtretenden Doris Stump verteidigen. «Mein Listenplatz ist ein grosser Vertrauensbeweis meiner Partei. Aber er bringt auch eine grosse Verantwortung mit sich», sagt er.

Ihre Nachwuchshoffnung noch besser platziert hat die SP St. Gallen: Am Sonntag setzte sie die 21-jährige Monika Simmler auf den ersten Platz – vor die Bisherigen Paul Rechsteiner und Hildegard Fässler. «Ich freue mich riesig», sagt die Co-Präsidentin der Juso St. Gallen. «Das ist ein mutiger Schritt und ein klares Zeichen für die Jugend.»

Hoffnungsträger und Spitzenkandidaten

Im Kanton Bern hat die 26-jährige Nadine Masshardt gute Wahlchancen. Die SP-Grossrätin trat bereits 2007 zu den Nationalratswahlen an – und erreichte den ersten Ersatzplatz. Als sie 2006 in den Grossen Rat gewählt wurde, war sie mit 21 Jahren die Jüngste; von 2004 bis 2010 sass sie zudem im Stadtrat von Langenthal.

Im Kanton Zürich gilt Patrick Angele als hoffnungsvollster SP-Jungkandidat. Seit 2006 sitzt der heute 24-Jährige im Dübendorfer Gemeinderat. Der gelernte medizinische Masseur ist politischer Sekretär bei der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA) und arbeitet bei der SP als Projektleiter. Offiziell steht Angeles Name noch nicht auf der Nationalratsliste, da die SP Zürich ihre Kandidaten erst im Mai nominiert. Inoffiziell aber schon: Er ist der Spitzenkandidat der Juso.

Auch Jon Pult, der 26-jährige Präsident der SP Graubünden, könnte den Einzug ins Bundeshaus schaffen – als Nachfolger von Andrea Hämmerle, der sich nach 20 Jahren im Nationalrat nicht mehr zur Wahl stellt. «Die unter 30-Jährigen sind im Parlament untervertreten. Es braucht sie aber: Sie vertreten die Anliegen der Jungen und machen die Politik wahrnehmbarer für sie», findet er.

Auch die SVP rüstet sich

Wie die SP tritt auch die SVP mit vielen Erfolg versprechenden Jungpolitikern an. Bereits nominiert hat der Kanton Bern: Mit dem 29-jährigen Erich Hess und der 30-jährigen Nadja Pieren stehen zwei ehrgeizige Nachwuchspolitiker auf der Liste der Mutterpartei. Hess ist Grossrat und Präsident der Jungen SVP Schweiz. Die Burgdorfer Stadträtin Pieren sitzt seit letztem Jahr auch im Berner Grossrat. Ausserdem amtet sie als eine von fünf Vizepräsidentinnen der SVP Schweiz – neben Grössen wie Christoph Blocher und Adrian Amstutz.

In Zürich dürften es die 24-jährige Anita Borer, Präsidentin der Jungen SVP Zürich, sowie der 23-jährige Dübendorfer Gemeinderat Patrick Walder auf die Liste der Mutterpartei schaffen. Auch sie hoffen auf einen vorderen Listenplatz. Wie zentral dies für die Wahl ist, weiss SVP-Nationalrätin Natalie Rickli. 2007 schaffte sie – damals noch Gemeinderätin in Winterthur – den Sprung in den Zürcher Kantonsrat. Bei den nationalen Parlamentswahlen ein halbes Jahr später wurde sie in den Nationalrat gewählt – mit dem besten Resultat aller Schweizer Parlamentarierinnen. Die SVP hatte sie direkt hinter Ueli Maurer auf den zweiten Listenplatz gesetzt.

Guter Platz allein reicht nicht

«Ein guter Listenplatz ist ein absolutes Plus», sagt die heute 34-jährige. «Doch dies allein reicht nicht. Ein schlechter Kandidat wird nicht gewählt, nur weil er weit oben auf der Liste steht.» Rickli ist fest davon überzeugt, dass es in Zürich auch dieses Jahr ein paar Junge auf die SVP-Nationalratsliste schaffen. «Ich würde es begrüssen, wenn ein guter junger Kandidat oder eine junge Kandidatin vorne auf unsere Liste gesetzt würde. Anita Borer und Patrick Walder haben durchaus das Potenzial dazu.»

Erstellt: 18.01.2011, 10:19 Uhr

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