Junge stimmen womöglich öfter ab als vermutet

Seit der Abstimmung zur Einwanderungsinitiative spricht die Schweiz von der unpolitischen Jugend. Nun legen die Macher der Vox-Analyse dar, dass die Beteiligung der Jungen höher sein könnte, als in den Umfragen zum Ausdruck kommt.

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Unsere Vox-Analyse zur Abstimmung über die Masseneinwanderungsinitiative zeigt einen tiefen Graben zwischen den Generationen. Denn am 9.Februar blieben 83 Prozent der 18- bis 29-jährigen Stimmbürgerinnen und -bürger der Urne fern. Im krassen Gegensatz dazu steht die Teilnahme der älteren Semester: 66 Prozent der über 30-Jährigen und 70 Prozent der über 50-Jährigen stimmten ab. Bei den 60- bis 69-Jährigen waren es sogar 82 Prozent. Dieser Befund gilt für alle Landesteile, wobei der Unterschied zwischen Jung und Alt in der deutschen Schweiz und im Tessin besonders ausgeprägt ist.

Die beunruhigend tiefe Stimmbeteiligung der Jungen beschäftigt Medien und Blogs. So schrieb die «Schweiz am Sonntag», der Graben zwischen jungen und alten Wählern sei kein neues Phänomen. Ein ähnliches Bild habe sich bei der Abstimmung über die Weiterführung und Ausdehnung der Personenfreizügigkeit 2009 gezeigt – damals gingen laut Vox-Analyse sogar nur 10 Prozent der Jungen zur Urne. Seit Mitte der 2000er-Jahre, so folgerte die Zeitung, öffne sich die Schere zwischen Jung und Alt immer weiter.

Untaugliche Erklärungen

Aber stimmt dieser Befund? Erklärungsansätze gibt es einige. Etwa jener, dass die Stimmbeteiligung mit zunehmendem Alter steigt. Wer fest im Berufsleben steht, allenfalls Karriere macht und eine Familie gründet, nimmt in der Regel stärker am politischen Leben teil. Tatsächlich nimmt die Partizipation der Stimmberechtigten zwischen 20 und 75 Jahren stetig zu. Im hohen Alter ist sie aufgrund sozialer Isolation und wegen gesundheitlicher Probleme rückläufig.

Ein weiterer Grund für die Stimmabstinenz der Jungen könnten sogenannte Periodeneffekte sein. Diese werden durch ökonomische, soziale oder politische Ereignisse hervorgerufen. So nimmt die Forschung beispielsweise an, dass die durch den Aufstieg der SVP bedingte Polarisierung die allgemeine Teilnahme am politischen Leben gefördert hat. Weil solche Periodeneffekte jeweils die gesamte Stimmbevölkerung betreffen, taugen sie als Erklärung wenig.

Neben den Periodeneffekten gibt es auch Ereignisse, die eine Generation prägen, wie dies bei der 68er-Generation der Fall war. Sie wurde beispielsweise durch den Vietnam-Krieg oder die Studentenunruhen in Frankreich politisiert. Bei den heutigen jungen Generationen dagegen wird angenommen, dass eine Abnahme des Gefühls für die Bürgerpflicht zu einem stetigen Rückgang der politischen Partizipation geführt hat. Davon ausgehend könnten wir die These aufstellen, dass sich Junge vom politischen Leben entfernen weil sie Mühe haben mit der Komplexität der Politik, mit der Art und Weise, wie diese betrieben wird, oder mit den für sie unattraktiven Themen.

Unpräzise Nachbefragung

Allerdings könnte die Ursache des Grabens zwischen Jung und Alt auch banaler sein. Denn vielleicht schätzen die Befragungen, die den Vox-Analysen zugrunde liegen, die Teilnahme an Volksabstimmungen nicht präzise ein. Es ist bekannt, dass die Stimmbeteiligung in solchen Befragungen zu hoch ausfällt. Die Forschung spricht dann von einer Überschätzung der Beteiligten. Dies war auch bei der jener zur Abstimmung vom 9. Februar der Fall. Nach Vox-Analyse betrug die Stimmbeteiligung 76 Prozent. Laut dem Bundesamt für Statistik lag sie aber bei 56 Prozent. Dieser eklatante Unterschied ist damit zu erklären, dass vor allem politisch aktive Bürgerinnen und Bürger an Politbefragungen teilnehmen. Und: Einige der Befragten geben an, abgestimmt zu haben, obwohl sie in Tat und Wahrheit der Urne ferngeblieben sind.

Um diese Verzerrung zu korrigieren, werden Vox-Befragungen statistisch gewichtet. Das heisst: Befragte, die eine Nichtteilnahme angeben werden stärker gewichtet als jene, die angeben, abgestimmt zu haben. Diese Korrektur soll garantieren, dass die Stimmbeteiligung in der Analyse der tatsächlichen Beteiligung entspricht.

Ältere bluffen wohl eher

Dieses weit verbreitete Verfahren ist allerdings wirkungslos, wenn sich das Problem der Überschätzung auf eine Teilgruppe der Befragten beschränkt. Im Falle der kürzlich publizierten Vox-Analyse können wir nicht ausschliessen, dass junge Wähler weniger überrepräsentiert sind als alte Wähler. Ebenfalls ist denkbar, dass Junge eher zugeben, nicht abgestimmt zu haben, als Vertreter der älteren Generation. In beiden Fällen wäre der in der Vox-Analyse festgestellte Graben zwischen den Altersgruppen grösser, als er tatsächlich ist.

Diese Vermutung konnten wir im Kanton Genf anhand von offiziellen Daten zur Stimmbeteiligung sei 1996 überprüfen (siehe Grafik). Das Resultat: Es gibt eine Schere zwischen den Altersgruppen der unter 30- und der über 30-Jährigen. Allerdings ist die Differenz um einiges bescheidener als angenommen. Die Stimmbeteiligung der Jungen liegt etwa bei 30 Prozent, jene der Älteren bei etwa 50 Prozent. Auch bei der Abstimmung zur Masseneinwanderungsinitiative betrug die Differenz rund 20 Prozentpunkte und ist damit halb so gross wie von der Vox-Umfrage ermittelt. Wie der Zeitvergleich zeigt, hat sich die Schere zwischen den Generationen nicht geöffnet. Im Gegenteil: Abgesehen von der zweiten Hälfte der 90er-Jahre können wir eine geradezu bemerkenswerte Stabilität feststellen.

Auch 30 Prozent sind zu wenig

Natürlich bleibt zu überprüfen, ob der Kanton Genf ein Sonderfall ist oder ob sich diese Resultate in der gesamten Schweiz widerspiegeln. Trifft dies zu, dann müssen wir uns mit der Frage beschäftigen, weshalb Umfragen die Stimmbeteiligung der Jungen derart unterschätzen. Zwar läge die Stimmbeteiligung mit 30 Prozent dann höher als in den Vox-Analysen angenommen. Allerdings bedeuten auch 30 Prozent eine beklagenswert geringe politische Partizipation und damit eine Herausforderung für unsere Demokratie.

* Pascal Sciarini ist Professor für Politikwissenschaften an der Uni Genf. Fabio Cappelletti und Simon Lanz sind Assistenten im Departement für Politikwissenschaften und internationale Beziehungen der Uni. (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.04.2014, 12:07 Uhr

Forschungsprojekt

In einem umfangreichen Forschungsprojekt untersucht der Politikwissenschaftler Pascal Sciarini von der Uni Genf, ob und wie sich das Abstimmungsverhalten der Genferinnen und Genfer seit 1995 verändert hat. Dabei verwendet er Zahlen des statistischen Amts des Kantons Genf. Dieses ermittelt nach Abstimmungen anhand der elektronisch eingelesenen Stimmrechtsausweise die Beteiligung unter anderem nach Alter, Geschlecht und Zivilstand.

Anders als bei den Vox-Befragungen ist hier keine Verzerrung etwa durch falsche Angaben oder durch die Überrepräsentation einer Gruppe möglich. Damit lässt sich die tatsächliche Partizipation der jungen Stimmbürger eruieren, nicht aber wie der Einzelne abgestimmt hat.

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