Jurassier haben gut lachen

Kantönligeist im Stipendienwesen: Die Aussichten auf eine staatliche Unterstützung sind für Schweizer Studierende sehr unterschiedlich. Der TA zeigt, wer gute Chancen hat und wie man ans Geld gelangt.

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Von Chancengleichheit kann im Schweizer Stipendienwesen keine Rede sein. Da der Anspruch auf Stipendien vom zivilrechtlichen Wohnsitz der Eltern abhängt und die Kantone individuell über die Bedingungen der Stipendienvergabe entscheiden, spielt die Herkunft der Auszubildenden eine ebenso grosse Rolle wie ihre sozialen Verhältnisse.

Die kantonalen Unterschiede sind enorm: Laut einer Studie des Bundesamts für Statistik hat der Kanton Neuenburg 2009 einem von 94 Einwohnern ein Stipendium gewährt, während der Kanton Zürich lediglich einem von 320 Einwohnern die Ausbildung mitfinanziert hat (Grafik rechts). Frappant sind die Divergenzen auch bei den Beiträgen: Im letzten Jahr variierten die Stipendienbeiträge pro Einwohner zwischen 17 Franken (Schaffhausen) und 93 Franken (Jura).

Konkordat für Mindeststandards

Um die Harmonisierung des Stipendienwesens voranzutreiben, hat der Verband der Schweizer Studierendenschaften (VSS) im vergangenen Juni eine Volksinitiative lanciert. Die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) fand an der Initiative jedoch wenig Gefallen, da sie 2009 beschlossen hat, die kantonalen Unterschiede mit einem Konkordat auszugleichen. Die EDK fürchtet, die Stipendieninitiative könnte ihr Stipendien-Konkordat ausbremsen. In Kraft tritt es nach dem Beitritt von zehn Kantonen.

Bislang sind Basel-Stadt, Graubünden und Freiburg beigetreten, die Kantone Neuenburg, Waadt und Genf wollen noch dieses Jahr nachziehen. Die Konkordatsmitglieder verpflichten sich zur Einhaltung von Mindeststandards; so werden die Kriterien der Stipendienvergabe vereinheitlicht und Minimalbeiträge festgelegt.

Zürich besonders restriktiv

«Das Stipendienwesen verrät viel über den Stellenwert der Bildungspolitik in den Kantonen», sagt Charles Stirnimann, Präsident der interkantonalen Stipendienkonferenz. Während in Kantonen mit hohen Stipendienbezügerquoten auch der untere Mittelstand profitiert, wird andernorts nur eine am Existenzminimum lebende Minderheit unterstützt. Der Kanton Zürich ist besonders restriktiv. Ein Viertel der Gesuche lehnt er ab, weil die Eltern der Gesuchsteller zu viel verdienen. «Die starke Selektion hat keine bildungspolitischen, sondern strukturelle Gründe. Wir bewilligen zwar wenige Stipendien, dafür reichen die Beiträge auch zum Leben», sagt André Woodtli, Chef des Amtes für Jugend und Berufsberatung Kanton Zürich.

Tatsächlich sind die Beiträge in Zürich überdurchschnittlich hoch: Im letzten Jahr hat der Kanton pro Semester im Schnitt 4450 Franken an Stipendien ausbezahlt, in Neuenburg waren es nur 2060 Franken. Während mancher Kanton seine Stipendien nach dem Giesskannenprinzip verteilt, werden sie in Zürich nach dem Freibetragsmodell vergeben, das sich nach dem betreibungsrechtlichen Existenzminimum richtet. Wird das kantonale Gesuch abgelehnt, bleibt die Hoffnung auf ein Stipendium einer privaten Stiftung. Die Chancen auf kantonale Unterstützung sind nicht nur in Zürich klein, denn durchschnittlich erhält nur etwa jeder zehnte Schweizer Student ein Stipendium. In Deutschland sind es mehr als doppelt so viele, in Skandinavien gar gegen 80 Prozent.

Es wird immer weniger bezahlt

Bei der Diskussion um das Stipendienwesen geht oft vergessen, dass Stipendien nicht nur an Hochschulstudentinnen und -studenten, sondern auch an Auszubildende in Berufslehren, Maturitäts- und Fachhochschulen ausbezahlt werden. Lediglich die Hälfte der gesamten Stipendienbeiträge geht an die höhere Berufsbildung.

Insgesamt wurden im letzten Jahr 279 Millionen Franken in Form von Stipendien und 25 Millionen Franken in Form von Darlehen ausgeschüttet. Dass der Gesamtbetrag der kantonalen Stipendien seit dem Jahr 1993 um ganze 25 Prozent abgenommen hat, ist eine paradoxe Entwicklung, denn die Studierendenzahlen steigen, und das zeitintensive Studium nach der Bologna-Reform verunmöglicht es den meisten Studenten, einen Nebenjob anzunehmen. So wird die Finanzierung der Ausbildung für manchen Studenten zur grösseren Herausforderung als das Studium an sich. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.10.2010, 20:12 Uhr

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