Kälber starben, Kühe konnten nicht mehr richtig laufen

Die Zwangsimpfung gegen die Blauzungenkrankheit habe ihn hart getroffen, sagt Thomas Jucker. Der Bauer musste 30 Kühe schlachten lassen. Und verlor viel Geld.

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Den Impfgegnern sagt man einen Hang zur Esoterik nach. Von solchen Kreisen distanziert sich Thomas Jucker mit Nachdruck. Der 38-jährige Landwirt aus Dettenried bei Weisslingen im Zürcher Oberland versichert: «Ich bin nicht aus Prinzip gegen das Impfen.» Was er erlebt habe, habe ihn aber überaus kritisch werden lassen. «Ich habe das Vertrauen in die Behörden verloren.»

Es begann vor vier Jahren: 2008 ordnete das Bundesamt für Veterinärwesen eine flächendeckende Impfung von Rindern, Schafen und Ziegen an. «Die Folgen waren verheerend», sagt Jucker und schildert seine Beobachtungen: Seine 60 Milchkühe waren fortan «extrem geschwächt», ihre Euter färbten sich rosa, sie litten unter Durchfall, es kam zu Sohlenablösungen und bei trächtigen Tieren zu Aborten. Mehrere Kälber starben wenige Stunden nach der Geburt. Die Kühe gaben weniger Milch, wie die Zuchtverbandsdaten und der Melkroboter auswiesen, und zudem war diese gemäss Laboranalysen qualitativ schlechter. Auch litten die Tiere unter Appetitlosigkeit, sodass sie stark abmagerten. «Einige konnten nicht mehr richtig laufen, so geschwächt waren sie», sagt Jucker. 30 Milchkühe musste er in der Folge schlachten lassen – doppelt so viele wie sonst in einem ganzen Jahr.

Der Landwirt führte die erwähnten Phänomene direkt auf die Impfung zurück. Und verlangte mithilfe eines Anwalts vom Bund Geld für den finanziellen Schaden. Dabei berief er sich auf das Tierseuchengesetz, das Entschädigungen vorsieht für «erkrankte Tiere, die wegen einer behördlich angeordneten Behandlung (. . .) abgetan werden müssen». Doch weder der Bund noch später der Kanton Zürich wollten Geld sprechen, weil ein Expertenbericht keine Kausalität zwischen der Impfung und den Schäden feststellen konnte.

Verlust von 120'000 Franken

Für Jucker geriet die Zwangsimpfung zur immensen Belastung: Auf 120'000 Franken schätzt er den Verlust. Dies entspreche zwei Jahreslöhnen. Eingeschenkt haben nicht nur die Ausgaben für den Anwalt, den Tierarzt und die Medikamente, wie Jucker vorrechnet. Auch seien ihm Einnahmen entgangen, weil er nach der Impfung jeden Monat 10'000 Liter unbrauchbare Milch «ins Güllenloch leeren» musste. Nicht eingerechnet hat Jucker den Mehraufwand an Arbeit, den er leisten musste. Weil in seiner Kasse fortan ein Loch klaffte, konnte er wichtige Investitionen wie Renovationsarbeiten am Haus nicht tätigen. Auch seine Frau und beiden Kinder hätten schwere Zeiten durchleben müssen, nicht nur des verlorenen Geldes wegen, sagt er. «Es geht ans Herz, wenn man ein Tier, das man jahrelang begleitet, auf diese Weise sterben sieht.»

Mehr Fairness gefordert

Jucker kritisiert die Behörden harsch. Dass sich die Blauzungenkrankheit in der Schweiz rasend ausbreite, ist seiner Ansicht nach nicht möglich. Denn die Krankheit werde nicht direkt von Tier zu Tier übertragen – sondern über eine blutsaugende Mücke. Jucker spricht von «Angstmacherei» und einem «Milliardengeschäft» mit Impfstoffen – dasselbe Phänomen sei vor knapp zwei Jahren im Zuge der Schweinegrippe sichtbar geworden.

Dass der Bund 2010 das Impfobligatorium aufgehoben hat, wertet Jucker als Eingeständnis für eine «Überreaktion» der Behörden – was diese freilich bestreiten. Der Zürcher Landwirt will nun weiterhin selber entscheiden können, ob er seine Tiere impfen lässt. Nur bei einer «wirklich gravierenden Seuche» wäre dies der Fall, wie er sagt. Vom Bundesamt für Veterinärwesen erwartet Jucker «mehr Professionalität und Fairness»: «Wenn die Behörden Impfungen schon anordnen, sollen sie zu den Konsequenzen stehen, auch den finanziellen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.11.2012, 10:28 Uhr

Kritisch: Der Zürcher Landwirt Thomas Jucker will selber entscheiden, ob seine Tiere eine Impfung brauchen. (Bild: Dominique Meienberg)

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