Kampf um einen ungeschützten Zeitzeugen

Am alten Stall hat sich ein hartnäckiger Streit entzündet. Die Gemeinde Glarus will einen Stall abreissen, der Heimatschutz will ihn mit einer Einsprache retten.

Ein Fall für den Heimatschutz? Stall im Kanton Glarus. Foto: Patrick Nouhailler

Ein Fall für den Heimatschutz? Stall im Kanton Glarus. Foto: Patrick Nouhailler

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Abbruchreif oder erhaltenswert? Ein Stall in den Ennetbergen ob Netstal wird zum Streitobjekt mit politischer Strahlkraft. Die Besitzerin, die Gemeinde Glarus, will den etwa 200 Jahre alten Gaden abreissen. Die Böden seien instabil, die Tragkonstruktion angefault, die Stützbalken weggebrochen, sagen die Behörden. Den Gaden stehen zu lassen, halten sie für verantwortungslos. Der Stall ist nicht denkmalgeschützt. Das Vorgehen der Behörden ist also rechtens. Doch ist es auch richtig?

Nein, findet eine Bürgergruppe. Sie verlangt vom Gemeinderat Glarus, von der Exekutive, auf den Entscheid zurückzukommen. Solche Ställe «prägen, oft seit Jahrhunderten, das Landschaftsbild, wecken Emotionen und strahlen einen speziellen Charme aus», heisst es im Brief der Bürgergruppe, der dem «Tages-Anzeiger» vorliegt. Wert und Nutzen dieser einzelnen Objekte liessen sich nicht durch Zahlen beziffern, sondern seien kultureller und optischer Natur. Die Gemeinde hingegen argumentiert sehr wohl mit Zahlen: Der Abbruch koste 10 000 Franken, eine ­Sanierung ein Mehrfaches.

Noch mehr Ställe gefährdet

Unterstützung erhalten die Bürger vom Glarner Heimatschutz. Er reicht Einsprache gegen den geplanten Abbruch ein, wie Präsident Thomas Aschmann bestätigt. Verknüpft damit ist die For­derung, eine Strategie für einen nachhaltigen Umgang mit alten Ställen zu entwerfen. Adressat sind der Kanton Glarus und seine drei Gemeinden. Die Behörden könnten Eigentümer zwar nicht daran hindern, einen Stall abzubrechen, so Aschmann. «Aber sie können sie sensibilisieren, was ihr Gebäude möglicherweise für unsere Landschaft darstellen, und sie dann finanziell unterstützen.»

Aschmann macht sich nichts vor: Alle alten Ställe im Kanton lassen sich so nicht retten. «Das konzeptlose Abbrechen dieser Bauten kann das Landschaftsbild aber nachhaltig zerstören.» Bereits sind im Amtsblatt zwei weitere Abbruchgesuche für Ställe publiziert. Zwar fehlen genaue Zahlen, die das Ausmass des Phänomens im Kanton dar­legen. Aschmann befürchtet allerdings, die Einzelfälle markierten den Beginn ­eines Trends.

Für die Forderung des Heimatschutzes zeigt der federführende Glarner Regierungsrat Benjamin Mühlemann (FDP) Verständnis. Einen sorgsamen Umgang mit nicht denkmalgeschützten Ställen hält er aus kulturpolitischer Sicht für «wünschbar». Allerdings, so macht er klar, muss er seine Prioritäten derzeit anders setzen. Er muss einen Angriff der SVP auf das Inventar der besonders ­erhaltenswerten Kultur- und Baudenkmäler parieren – ein Inventar, das der Regierungsrat eben erstellt hat. 23 000 Bauobjekte zählt der Kanton, davon sind heute rund 190 denkmalgeschützt. Weitere 200 will der Regierungsrat in einem kantonalen Inventar als besonders schützenswert bezeichnen.

Die SVP hingegen will diese Zahl reduzieren. Sie befürchtet, der Denkmalschutz werde zum Korsett, das die wirtschaftliche Entwicklung einenge. Pro Gemeinde, fordert die SVP, sei maximal ein charaktergleiches Objekt zu inventarisieren, beispielsweise ein Güterschuppen. Mit Stimmen aus BDP, CVP und GLP hat die SVP letzte Woche eine Motion überwiesen. Ob die Regierung das Inventar nun überhaupt noch erlässt, ist laut Mühlemann offen. «Wir werden das nun diskutieren müssen.»

Auch in der Ruine liegt Poesie

Keine Option ist es für den Heimatschutz, alte Ställe zerfallen zu lassen. Die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz hingegen beurteilt diese Frage differenzierter. Rund 100 000 Ställe, so schätzt Geschäftsführer Raimund Rodewald, gebe es im Alpenraum. Die meisten seien nicht denkmalgeschützt. Zwar hätten viele von ihnen durchaus ihren Reiz und seien landschaftsprägend. «Gleichwohl gehört der Zerfall zur ­Kulturlandschaft der Alpen. Auch in der Ruine liegt Poesie», sagt Rodewald und nennt als Beispiel verfallende Valsersiedlungen. Instandhaltungen von Ställen sollten seiner Ansicht nach mit einer landwirtschaftlichen Nutzung einhergehen und vom Staat finanziell unterstützt werden.

Rodewald hat gegen die Glarner Abbruchpläne nichts einzuwenden. Dies umso mehr, als die Umnutzung – die dritte Option nebst Verfall oder konservatorischer Erhaltung – die schlechteste von allen sei. «Sie birgt die Gefahr, dass der Stall später zu einer Ferienwohnung ausgebaut wird», sagt er. Dies wiederum könne weitere Infrastrukturbauten mit sich bringen, etwa neue Strassen.

Maiensässe für den Tourismus

Auch im Kanton Graubünden wird diese Frage derzeit verhandelt. Eine Mehrheit des Bündner Grossen Rates will die Umnutzung von Maiensässen erleichtern – nicht zuletzt, um dem Tourismus eine neue Einnahmequelle zu bescheren. In grosser Zahl umgesetzt, würde diese Form der Neunutzung laut Rodewald ­allerdings einen zentralen Pfeiler der Raumplanung zum Einsturz bringen: die Trennung zwischen Siedlungsgebiet und Nichtsiedlungsgebiet.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.02.2016, 19:26 Uhr

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