Kann Sommaruga überhaupt regieren?

Ihre Exekutiverfahrung sammelte Simonetta Sommaruga in der Berner Vorortsgemeinde Köniz. Eine Spurensuche bei Weggefährten und Widersachern.

Ihre Könizer uWeggefährten, aber auch Widersacher, sähen sie gerne als Bundesrätin: Simonetta Sommaruga.

Ihre Könizer uWeggefährten, aber auch Widersacher, sähen sie gerne als Bundesrätin: Simonetta Sommaruga. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Auf der Suche nach einem grösseren Makel finden die Kritiker dies: Der schier zur Lichtgestalt überhöhten Berner Bundesratskandidatin Simonetta Sommaruga fehle die nötige Regierungserfahrung. Sie habe als Exekutivpolitikerin in der Berner Vorortsgemeinde Köniz einzig die unbedeutende Direktion Bevölkerungsschutz – also die Feuerwehr und den Zivilschutz – geleitet.

Was ist diese Erfahrung wert? Und wie hat sich Sommaruga als oberste Feuerwehr- und Zivilschutzfrau geschlagen? Als sie vor den Medien ihre Kandidatur begründete, sagte sie dazu: Man könne sich ja am Ort ihres Wirkens erkundigen. Tun wir es also.

«Kleinkanton Köniz»

Die Bemerkung, Sommaruga habe in Köniz von 1997 bis 2005 nur ein unbedeutendes Exekutivamt in einer Vorortsgemeinde ausgeübt, erheitert den ehemaligen EVP-Gemeinderatskollegen Herbert Zaugg. Und er stellt sogleich die Relationen klar: Köniz ist mit seinen fast 40 000 Einwohnern die zwölftgrösste Gemeinde der Schweiz.

Sie beherbergt mehr Menschen und Arbeitsplätze als die Kantone Appenzell Innerrhoden (15'500), Obwalden (34'000) und Glarus (38'000). Zaugg spricht vom «Kleinkanton Köniz», einem vielschichtigen und über 50 Quadratkilometer grossen Gebilde aus industriell-urbanen Quartieren und bäuerlich-ländlichem Hinterland. «Wir haben ebenso komplexe Aufgaben zu bewältigen wie etliche Kantone oder Kantonshauptstädte», sagt Zaugg.

Eine gute Zuhörerin

Doch wie regierte Sommaruga? War sie eine gute Gemeinderätin? «Sie war eine sehr gute Zuhörerin und konnte blitzschnell auf die dargelegten Meinungen reagieren», erinnert sich Zaugg. «Sie ging – weit über ihre Direktion hinaus – engagiert auf Themen ein.»

Also hat sie ihren Kollegen ständig dreingeredet? Zaugg: «Nein, sie hat grosses Interesse an der Sache gezeigt und war deshalb bei sehr vielen Themen präsent. Aber sie hat nie auf die Person gezielt. Sie hat durchaus den Ton gefunden.» Mit ihrer «ganz intrigefreien und stets authentischen Art» habe Gemeinderätin Sommaruga viel zum Gelingen in der Kollegialbehörde beigetragen. «Sie wäre in der Lage», ergänzt der ehemalige EVP-Gemeinderatskollege, «sogar eine Bundesrätin Calmy-Rey so zu beraten, dass diese den Weg zurück in die Kollegialität fände.»

Sommaruga ist Sozialdemokratin. Und Zauggs EVP politisiert durchaus in Sichtweite der SP. Massgebender sind deshalb die Einschätzungen der politischen Antipoden. Sommarugas heftigster politischer Gegenspieler im Gemeinderat war der Freisinnige Walo Hänni. Er hält den Kopf schräg und denkt nach.

«Nicht ideologiefrei»

Durchaus willens, am Lack der politischen Widersacherin zu kratzen, fallen auch ihm zunächst ein paar Komplimente ein: «Sie war von Beginn weg ehrgeizig, beharrlich und brachte einen sehr ausgeprägten Gerechtigkeitssinn ein. Manchmal stritten wir leidenschaftlich. Aber sie zeigte keine Spur von nachtragendem Verhalten. Gefällte Entscheide trug sie loyal mit.» Und wo, Herr Hänni, liegt ihr Versagen? «Sie ist nicht ideologiefrei», sagt der Freisinnige. «Sie ist halt eine Linke – allerdings eine, die allemal Brückenbauerqualitäten hat.»

Illustriert werden die Brückenbauerqualitäten durch die Art und Weise, wie Sommaruga die Politik des SVP-Gemeinderats Daniel Pauli (heute BDP) mittrug: Der profilierte bürgerliche Sozialpolitiker konnte oft auf den Support der sozialdemokratischen Ratskollegin zählen. Pauli betont, er sage gegenwärtig allen das Gleiche: «Dass Simonetta Sommaruga aufgrund von dem, was ich mit ihr erlebt habe, eine gute Bundesrätin würde.»

«Eine ganz feine Vorgesetzte»

Aussagekräftig ist auch das Wahlverhalten der Bürgerinnen und Bürger. Das Könizer Volk liess nie einen Zweifel offen und kürte Sommaruga zur unangefochtenen Panaschierstimmenkönigin. Will heissen: Bürgerinnen und Bürger jeglicher politischer Couleur setzten die Konsumentenschützerin auf ihren Wahlzettel.

Letzter Versuch, einen nennenswerten Einwand zu finden: Spurensuche bei der örtlichen Feuerwehr. Die fachlich unvorbereitete Gemeinderätin und Nichtfeuerwehrfrau Sommaruga hatte in ihrer Amtszeit die Wehrdienste von 340 auf 220 Mannen – und Frauen – verkleinert. Wie gelang ihr dies? Im Rückblick klingt das Urteil damaliger Verwaltungsangestellter fast schwärmerisch: Sie habe die Aufgabe hervorragend gemeistert.

«Wir hatten schon den Gnägi»

Werner Zahnd, damals Abteilungsleiter Bevölkerungsschutz, sagt, sie habe beeindruckend souverän agiert: «Sie konzentrierte sich auf die strategischen Fragen, verlor sich nie in Details und liess der Verwaltung bei der Umsetzung der Beschlüsse genügend Freiraum.» Gleichzeitig sei sie eine fordernde politische Vorgesetzte gewesen, die fachlich ausführlich begründete Anträge verlangt, das so Erarbeitete dann aber auch «mit fantastischem Engagement» politisch verteidigt habe. Auf Kritik habe sie rasch reagiert. «Sie zeigt sehr oft menschliche Grösse und ist eine ganz feine Vorgesetzte», sagt Zahnd.

Die Könizerinnen und Könizer reagieren unaufgeregt auf die Aussicht, dass eine der Ihren in den Bundesrat gehievt werden könnte: «Es wäre», heisst es am Stammtisch im Könizer Sternen gelassen, «nicht unser erster Bundesrat. Wir hatten ja schon den Gnägi.» EMD-Vorsteher Rudolf Gnägi, der die Kavallerie auflöste, den Tiger beschaffte und den Brigadier Jeanmaire beschäftigte, wohnte im stadtnahen Quartier Spiegel. Dort wohnt auch Sommaruga.

Erstellt: 28.08.2010, 06:12 Uhr

Artikel zum Thema

«Zweierticket Sommaruga-Fässler wäre für SP Win-Win-Situation»

Die St. Galler SP-Nationalrätin will in den Bundesrat. Das hat sie in Grabs (SG) bekannt gegeben. Auf den Sport würde sie trotzdem nicht verzichten wollen. Mehr...

«Erst war ich sehr skeptisch»

Am Dienstag erscheint Lukas Hartmanns neues Buch, am Donnerstag erhält er den Grossen Literaturpreis, und im September kandidiert seine Frau Simonetta Sommaruga als Bundesrätin. Ein paar ruhige Gedanken über eine bewegte Zeit. Mehr...

SP-Rivalinnen: «Sie müssen sich nun bekämpfen»

Sommaruga, Fässler, Fehr und Herzog: Die SP schickt vier Politikerinnen ins Rennen um einen Bundesratssitz. Verheizt die Linke ihre besten Frauen? Die frühere SP-Präsidentin Christiane Brunner spricht mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet über die delikate Ausgangslage. Mehr...

Blogs

Geldblog Negativzinsen: Was soll das?

Mamablog Ach, diese Instagram-Muttis!

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Harter Einsatz: Ein Demonstrant wird in Santiago de Chile vom Strahl eines Wasserwerfers getroffen. Die Protestbewegung fordert unter anderem höhere Untergrenzen für Löhne und Renten, günstigere Medikamente und eine neue Verfassung, die das Grundgesetz aus den Zeiten des Diktators Augusto Pinochet ersetzen soll. (9. Dezember 2019)
(Bild: Fernando Llano) Mehr...