Kantone wollen Abhängigkeit von deutschen Ärzten verringern

Weil die Schweiz zu wenig Ärzte ausbildet, ist man schon seit Jahren auf ausländische Fachkräfte angewiesen. Das soll sich nun ändern.

Die Ausbildung eines Mediziners kostet rund 450'000 Franken: Assistenzärzte in der Weiterbildung (Archivaufnahme).

Die Ausbildung eines Mediziners kostet rund 450'000 Franken: Assistenzärzte in der Weiterbildung (Archivaufnahme). Bild: Keystone

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Rund 700 Frauen und Männer schliessen in der Schweiz jährlich ihr Medizinstudium ab. Zu wenig, um die Zahl der 30 000 berufstätigen Ärzte zu halten – was auch daran liegt, dass über 50 Prozent der Medizinstudierenden Frauen sind, die nur Teilzeit arbeiten wollen. Die absehbare Lücke wird noch grösser, wenn man dazurechnet, dass es immer mehr ältere, pflegebedürftige Menschen gibt und somit der Bedarf nach Medizinern weiter steigt.

Der Befund ist klar: Will die Schweiz nicht noch stärker von ausländischen Ärzten abhängig sein, die dann in der Versorgung ihres Heimatlands fehlen, muss sie mehr eigene Ärztinnen und Ärzte ausbilden.

Numerus clausus lockern

Der Bundesrat drängt die Kantone seit längerem dazu, die Zahl der Studienplätze zu erhöhen, und auch die Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren (GDK) macht Druck. Passiert ist bisher zu wenig, weil die Kantone die zusätzlichen Kosten scheuen. Doch nun glaubt GDK-Präsident Carlo Conti, dass ein «wichtiger Schritt» gelungen sei: Die Schlüsselspieler hätten sich in einer Absichtserklärung dazu bekannt, rasch zusätzliche Humanmediziner auszubilden. Unterschrieben haben das Papier, das dem «Tages-Anzeiger» vorliegt, die Präsidenten der kantonalen Erziehungsdirektoren und Gesundheitsdirektoren, der Universitätskonferenz und der Unirektorenkonferenz.

Das Ziel sind zusätzliche 400 ausgebildete Mediziner pro Jahr. Diese Zahl sei gemäss Abklärungen der fünf medizinischen Fakultäten innert nützlicher Frist mit vernünftigem Aufwand realisierbar, erklärt Conti. Konkret müssten die Deutschschweizer Universitäten die gegenwärtige Zulassungsbeschränkung für das Medizinstudium (Numerus clausus) lockern, derweil die Westschweizer Medizinfakultäten, die keine solche Hürde kennen, bei der ersten Prüfung nach zwei Jahren weniger stark selektionieren sollen.

Verteilkämpfe in Kantonen

Die Ausbildung eines Mediziners kostet laut Schätzung des Bundesamts für Gesundheit (BAG) rund 450 000 Franken, inklusive Ausgaben für Praktikumsstellen in Spitälern. Die in der Absichtserklärung angepeilte Offensive bedeutet demnach längerfristig Ausgaben von jährlich rund 180 Millionen Franken, dazu kämen in der Anfangszeit schwer bezifferbare Investitionen in Infrastruktur wie etwa Laborplätze.

«Die Universitäten ziehen nur mit, wenn sie die zusätzlichen Studienplätze für Mediziner nicht zulasten anderer Fakultäten bezahlen müssen», sagt Conti. Deshalb brauche es zusätzliche Mittel. Vorstellbar sei, dass sich Kantone und Bund die Mehrausgaben teilten. In vielen Kantonen haben sich in den letzten Wochen die Finanzprognosen markant verdüstert – ob hier rasch genug zusätzliches Geld für die Universitäten fliessen wird, ist höchst ungewiss.

Treffen mit Berset

Der Präsident der Universitätskonferenz, Christoph Eymann, fordert deshalb den Bund dazu auf, die vollen Kosten für den Ausbau der Humanmedizin zu übernehmen. Schliesslich seien es Bundesrat und Parlament, die danach riefen, den drohenden Ärztemangel abzuwenden: «Der Bund muss das Steuer übernehmen.» Eymann verlangt ein dringliches Bundesgesetz mit einem Rahmenkredit, damit spätestens im Jahr 2014 zusätzliche Studienplätze zu Verfügung stehen.

Gesundheitsminister Alain Berset kann nicht anders, als nächste Woche bei einem geplanten Treffen mit den Kantons- und Universitätsvertretern die Begehren freundlich aufzunehmen. Das Parlament hat den Bund via Motion von CVP-Ständerat Urs Schwaller dazu verpflichtet, zusammen mit den Kantonen eine Mindestzahl von medizinischen Studienplätzen festzulegen – mit dem Ziel, den Bedarf zu decken. Für Schwaller ist klar: «Der Bund muss mitzahlen, aber im Gegenzug bei der Ausbildung der Mediziner künftig auch mitreden können.» Die Kantone sollen auf ihr Kompetenzmonopol in diesem Bereich verzichten.

Laut Schwaller soll Berset die neue Steuerungsmöglichkeit dazu nutzen, die Hausarztmedizin zu fördern, und den Universitätskantonen etwa vorschreiben, wie viele Ausbildungsplätze für Allgemeinmediziner sie anbieten müssen. Die Kantone werden sich dem kaum verschliessen – sofern sie auf diesem Weg mehr Bundesgeld für die Medizinfakultäten bekommen.

Erstellt: 17.08.2012, 07:33 Uhr

In der Schweiz ausgebildete Ärzte

Bild: TA-Grafik str

Ausbildungsplätze in der Schweiz

Bild: TA-Grafik str

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