Kantone wollen Primarlehrer besser ausbilden

Eine Arbeitsgruppe soll eine Reihe von Massnahmen vorschlagen. Viel kosten dürfen sie aber nicht.

Gefragt sind Lehrkräfte, die auf vielen Stufen unterrichten können. Foto: Esther Michel

Gefragt sind Lehrkräfte, die auf vielen Stufen unterrichten können. Foto: Esther Michel

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«Projekt Zukunft» ist beschlossen. Bald nimmt eine kleine, hochkarätige Gruppe mit Vertretern von Hochschulen, Lehrern, Schulleitern und der Konferenz der kantonalen Bildungsdirektoren die Arbeit auf. Sie sucht nach Lösungen für eine der grossen Baustellen im Schweizer Schulsystem: die Ausbildung von Lehrkräften für die Primarstufe – also für den Kindergarten und die ersten sechs Schuljahre. Im Zuge von Harmos, der Vereinheitlichung der kantonalen Schulsysteme, wurde auch der Kindergarten Teil der obligatorischen Schule.

Der Lehrerverband vertritt schon länger die Ansicht, dass die heutige Ausbildung zu kurz ist. Gerade erst verabschiedet wurde aber auch ein Positionspapier der Rektoren der Pädagogischen Hochschulen. Sie schreiben darin, dass «strukturelle Anpassungen» in der Qualifikation der Lehrer auf der Primarstufe notwendig sind. «Nur so kann die hohe Qualität der heutigen Ausbildung gehalten werden», sagt Hans-Rudolf Schärer, Rektor der Pädagogischen Hochschule Luzern und Präsident des Gremiums, das das Positionspapier verfasst hat.

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Die Anforderungen auf der Primarstufe sind in den letzten Jahren gestiegen: Gemäss dem Papier werden Lehrer mittlerweile in bis zu zehn Fächern ausgebildet, darunter sind zwei Fremd­sprachen und neu das Fach Medien und Informatik. Auch bei der Erziehung der Schüler und im Umgang mit deren Eltern steigen die Ansprüche gemäss den Hochschulrektoren.

Hinzu kommen die Ansprüche der Schulen: «Lehrpersonen, die nur noch auf der Kindergartenstufe unterrichten, wird es in Zukunft nicht mehr geben», sagt Beat W. Zemp, Präsident des Lehrerverbandes. Das Ziel sei es, Lehrkräfte auszubilden, die mindestens vier Klassenstufen abdecken können. Er spricht von einer besseren «Employability». Lehrerinnen und Lehrer sollten möglichst viele Fächer und vor allem in guter Qualität unterrichten können. «So sind sie flexibler einsetzbar», sagt Zemp.

Kürzer als im Ausland

Die Ausbildungen an den Pädagogischen Hochschulen wurden in den letzten Jahren an diese Vorgabe angepasst: Im Kanton Bern befähigt das Bachelorstudium «Pre-Primary and Primary Education» zum Unterricht vom Kindergarten bis zur sechsten Klasse. Im Kanton Zürich existiert der Bachelor für «Kindergarten- und Unterstufe», der zum Unterricht vom ersten Kindergartenjahr bis zur 3. Klasse berechtigt.

Gleich geblieben ist aber die Länge der Ausbildung: drei Jahre Vollzeitstudium. «Das reicht nicht», sagt Lehrerpräsident Zemp. Das zeige sich etwa an den hohen Durchfallquoten im Bereich Fremdsprachen bei den Bachelor­abschlüssen. In anderen europäischen Ländern daure die Ausbildung überall mindestens vier Jahre. «Wir fordern deshalb ein Masterstudium auch für Kindergärtner und Primarlehrer», sagt Beat W. Zemp – also eine Ausbildung von mindestens viereinhalb Jahren wie heute schon für Lehrer der Sekundarstufe. Auch die Hochschulrektoren halten gemäss ihrem Papier die Einführung eines Masters für «längerfristig prüfenswert».

Die Löhne müssten steigen

Dagegen wehren sich allerdings die Kantone: Im Aargau hat der Regierungsrat im letzten Sommer einen Master für die Primarstufe abgelehnt. «Die Einführung eines Masterstudiums drängt sich nicht auf», teilt auch Silvia Steiner mit, Zürcher Regierungsrätin und Präsidentin der Konferenz der kantonalen Bildungsdirektoren. In der Konferenz gebe es aktuell keine Bestrebungen, den Mindestumfang für die Grundausbildung für Lehrer auf der Primarstufe zu erhöhen.

Dies hat auch finanzielle Gründe: Mit einem Master müssten Lehrer der Primarstufe in die gleiche Lohnklasse wie Sekundarlehrer eingeteilt werden. Das macht nur schon bei den Einstiegslöhnen einen Unterschied von über 10'000 Franken pro Jahr und Lehrer. «Alleine im Kanton Bern würde eine Anpassung Mehrkosten von 100 Millionen Franken pro Jahr bedeuten», sagt Regierungsrat Bernhard Pulver. Pulver sagt ­jedoch auch: «Es gibt Handlungsbedarf. Die Lehrer brauchen mehr Unterstützung bei der Einführung in den Beruf. Ein Master ist aber der falsche Weg.»

Erfahrene Lehrer unterstützen Berufsanfänger

Im Kanton Bern setzt man stattdessen auf Mentoren – erfahrene Lehrer unterstützen Berufsanfänger – oder gezielte Weiterbildungen in den ersten Berufsjahren. Vor allem über solche Massnahmen wird auch im Projekt Zukunft beraten. Es gehe primär darum, den ­Berufseinstieg auf der Primarstufe zu verbessern, bestätigt Lehrerpräsident Zemp. Ziel sei, dass weniger Lehrer innerhalb der ersten Jahre aus dem Beruf aussteigen. «Das Problem der zu kurzen Grundausbildung ist damit aber nicht gelöst», sagt Zemp.

«Wenn sich zeigt, dass die im Projekt Zukunft angestrebten Massnahmen nicht greifen und die Ansprüche an die Lehrer weiter steigen, dann sollte ein Master geprüft werden», sagt Hans- Rudolf Schärer. Im Moment fordern die Rektoren der Pädagogischen Hochschulen aber noch keine Masterausbildung für alle Lehrer der Primarstufe. Ein Zugeständnis an die Kantone? «Das ist der Weg, der derzeit am meisten Erfolg verspricht», sagt Schärer.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.02.2018, 20:57 Uhr

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