Karrierekiller? Frauen studieren Soziales, Männer Wirtschaft

In der Schule hängen Frauen die Männer ab. Im Beruf ist das Gegenteil der Fall. Wie die Wahl des Studienfaches die Karriere beeinflusst.

Fast die Hälfte der Frauen wählt an der Universität ein geistes- oder sozialwissenschaftliches Fach.

Fast die Hälfte der Frauen wählt an der Universität ein geistes- oder sozialwissenschaftliches Fach. Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Am Ende der Schulkarriere ist die Bilanz eindeutig: Frauen sind im Durchschnitt besser als Männer. Rund 10 Prozent beträgt der Vorsprung bei der Maturitätsquote pro Jahrgang. 44 Prozent der Frauen haben 2016 eine Matur gemacht, aber nur 33 Prozent der Männer. Doch entscheidend für den Erfolg im Berufsleben ist, was passiert, nachdem sie Gymnasien, Berufs- oder Fachschulen verlassen haben.

«Dass jemand mit einer Matur später im Leben automatisch Erfolg hat, gilt heute nicht mehr», sagt Stefan Wolter, Leiter der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung. Das Gymnasium habe in den letzten Jahrzehnten seine Exklusivität verloren. Auch weil heute viel mehr Maturitätsabschlüsse gemacht würden. Die Studien- und Berufswahl nach dem Schulabschluss sei darum für den persönlichen Erfolg wichtiger als früher. Und hier seien die jungen Männer besser als die jungen Frauen, sagt der Wissenschaftler: «Sie entscheiden sich bewusster für Wege mit höheren Erfolgschancen.» Und wählen daher Studiengänge mit mehr Prestige und der Aussicht auf bessere Verdienstmöglichkeiten.

Karrieretechnisch suboptimal

Die Statistik stützt die Aussage von Wolter. Die Aufholjagd der Männer fängt sofort nach Ende der Schulzeit an. Bei den Gymnasiasten beginnen zwar bei beiden Geschlechtern 9 von 10 Absolventen ein Studium. Die Gymnasiastinnen zieht es aber deutlich häufiger an die akademisch tiefer gestellten Fachhochschulen (20 Prozent). Von den Berufsmaturanden beginnen rund zwei Drittel ein Studium, bei den Berufsmaturandinnen ist es weniger als die Hälfte.

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Karrierekiller: Wählen Frauen die falschen Studienfächer?




Die Studienwahl der durchschnittlichen Frau ist sowohl an der Universität als auch an der Fachhochschule karrieretechnisch suboptimal: Fast die Hälfte der Frauen wählt an der Universität ein geistes- oder sozialwissenschaftliches Fach. An den Fachhochschulen wählen sogar rund zwei Drittel der Frauen einen Bereich wie Soziale Arbeit, Gesundheit oder die Ausbildung zur Lehrerin.

Bei den Männern ist dagegen Wirtschaft Studiengebiet Nummer1 – knapp ein Viertel der Bachelorabschlüsse von Unistudenten betraf 2016 dieses Fach. Nur ein Fünftel der Abschlüsse entfielen auf Geistes- und Sozialwissenschaften. An der Fachhochschule studieren fast drei Viertel der Männer etwas Technisches oder Wirtschaftliches. Beim Master bleiben die Verhältnisse an beiden Hochschultypen gleich. Danach wechselt ein grosser Teil der Studenten ins Berufsleben. Schon im ersten Jahr nach Abschluss der Ausbildung zeigt sich: Männer verdienen mehr als Frauen. Laut Bundesamt für Statistik erklärt sich die Differenz «grösstenteils durch die unterschiedliche berufliche Stellung». Frauen belegten weniger häufig als Männer leitende Funktionen.

Eher hinderlich für den Aufstieg ist weiter, dass mehr Frauen (59 Prozent) Teilzeit arbeiten als Männer (17 Prozent) oder sich vorübergehend aus dem Berufsleben zurückziehen – beides hat oft mit der Geburt von Kindern zu tun. Was die akademische Karriere betrifft, ist auffällig, dass mehr Männer als Frauen einen Doktortitel erlangen. Obwohl bei den Masterabschlüssen Frauen insgesamt knapp in der Überzahl sind. So betrug bei den Rechtswissenschaften 2010 der Frauenanteil beim Masterabschluss 58 Prozent. Fünf Jahre später gingen nur 44 Prozent der Doktortitel an Frauen.

Zuoberst sitzen Männer

Ein Vierteljahrhundert ist vergangen, seit die Frauen die Männer bei der Maturitätsquote eingeholt und danach überholt haben. An der Spitze in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft dominieren aber weiter die Männer: 2015 wurden 71 Frauen und 175 Männer in das Bundesparlament gewählt. Der Anteil weiblicher Professoren beträgt etwa 20Prozent. Das sind zwar 15 Prozent mehr als zu Beginn der 90er-Jahre, die jährliche Zunahme hat sich zuletzt aber verlangsamt. In den Geschäftsleitungen der 100 grössten Schweizer Unternehmen beträgt der Frauenanteil 8 Prozent.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.10.2017, 23:05 Uhr

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