Wie eine Krankenkasse ihre teuren Patienten vergrault

Die CSS-Tochter Intras zwingt Patienten, Medikamente in der Apotheke zu bezahlen. Für chronisch Kranke wird die Kasse damit unattraktiv.

Der Kunde schiesst vor: Die Rechnung der Apotheke muss der Kasse mit em Artzrezept eingereicht werden. Sof verlangt es die Intras.

Der Kunde schiesst vor: Die Rechnung der Apotheke muss der Kasse mit em Artzrezept eingereicht werden. Sof verlangt es die Intras. Bild: Miquel Gonzalez (Laif)

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W.?B. aus Zürich traute seinen Augen nicht, als ihm seine Krankenkasse Intras gleichzeitig mit dem Prämienaufschlag mitteilte: «Ab 1.?Januar 2011 sind kassenpflichtige Medikamente in Apotheken ausschliesslich gegen Barzahlung oder mittels EC-/Kreditkarte erhältlich.» Für den HIV-Patienten bedeutet das, dass er künftig in der Apotheke fast 7500 Franken hinzublättern hat, wenn er seine Medikamentenration für drei Monate bezieht. Die Quittung muss er dann mit dem Arztrezept der Kasse einschicken und drei Wochen auf die Rückerstattung warten. Die Bezahlung mit Karte ist ihm nicht möglich, da der Betrag die Bezugs- oder Kreditlimite überschreitet. Auch mit dem Bezug der beiden Präparate in Monatsrationen würde die Rechnung für ihn immer noch zu hoch ausfallen.

Bisher rechnete Intras wie die meisten Kassen direkt mit der Apotheke ab. «Ich fühle mich um 30 Jahre zurückversetzt, als man noch zur Agentur gehen musste, um eine Rückerstattung zu erhalten», ärgert sich W.?B. Tatsächlich verhält sich die zur CSS-Gruppe gehörende Intras gegen den Trend. Viele Versicherer setzen heute auf die direkte elektronische Abrechnung mit Apothekern, Ärzten und Spitälern. «Wir sehen darin nur Vorteile, und laut einer Umfrage wünschen 80 Prozent unserer Versicherten die direkte Abrechnung», sagt Helsana-Sprecherin Claudia Wyss. Mit der direkten Abrechnung ­— im Fachjargon Tiers payant genannt — lasse sich der Verwaltungsaufwand erheblich reduzieren.

«Mehr Eigenverantwortung»

Die Umstellung des Vergütungsmodus begründet Intras damit, dass sie die «Eigenverantwortung der Patienten fördern» wolle. «Wir haben festgestellt, dass Intras hohe Medikamentenkosten hat», sagt Stephan Michel, Sprecher der CSS-Gruppe. «Wenn die Patienten in der Apotheke selbst bezahlen müssen, haben sie einen Anreiz, auf ein Generikum zu pochen oder eine kleinere Packung zu beziehen.» Branchenkenner haben eine andere Vermutung: Intras setzt darauf, dass die Kunden künftig darauf verzichten, wegen 20 oder 30 Franken die Quittung mit dem Rezept an die Kasse zu schicken.

«Das ist die Methode Assura», sagt Christian Beusch, Sprecher der Visana-Gruppe. Die Westschweizer Assura gilt als Vorbild für Kostenminimierung auf allen Ebenen und wendet konsequent das System des Tiers garant an, also die Vorauszahlung durch den Patienten. Assura begründet dies bei Medikamenten damit, dass die Rechnungen in den meisten Fällen den Betrag der Franchise nicht überschritten. «Es ist daher überflüssig, die Rechnung an den Versicherer zu senden», schreibt Assura auf der Homepage.

Nach einem Jahr folgt Auswertung

Laut Gesetz ist das Vorgehen zulässig. «Aus unserer Sicht ist das aber kundenunfreundlich und dient vor allem dazu, teure Patienten zu vergraulen», sagt Beusch. Damit werde der Verdruss vieler Versicherter über das heutige Kassensystem gefördert und die Einheitskasse populärer. Das Argument, dass Patienten in der Apotheke Kleinpackungen oder Generika verlangten, sei nicht nachvollziehbar. «Die Patienten wissen doch oft gar nicht, ob es ein anderes Produkt oder kleinere Packungen gibt.» Zudem verschreiben Ärzte heute wenn möglich Generika, weil der Patient sonst den doppelten Selbstbehalt zahlt.

Im Fall von chronisch Kranken wäre der Bezug kleinerer Packungen für die Kasse sogar kontraproduktiv, da es auf Grosspackungen meist Rabatt gibt. Bei chronisch Kranken dürfte Intras folglich eine andere Rechnung machen. Patienten, die teure Medikamente benötigen, werden die Kasse früher oder später wechseln. Bei W.?B. hat die Methode sofort gewirkt. Er hat die Grundversicherung bei Intras gleich nach Erhalt des Schreibens gekündigt.

Für Intras geht die Rechnung also auf. Die CSS-Gruppe will den Effekt der neuen Vergütungsmethode auf die Medikamentenkosten nach einem Jahr auswerten. Die 300'000 Intras-Versicherten dienen als Versuchsgruppe für die grössere CSS. Falls die Medikamentenkosten zurückgehen, werden auch die 900'000 CSS-Versicherten in der Apotheke wieder Geld oder eine Bankkarte in die Hand nehmen müssen.

Erstellt: 20.10.2010, 12:04 Uhr

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