Katzenvideos statt Informationsmedien

Junge lesen kaum noch Zeitung und haben wenig Interesse an harten News. Zu diesem Ergebnis kommt das neuste «Jahrbuch zur Qualität der Schweizer Medien».

Unterhaltung to go statt Zeitunglesen: Jugendliche mit ihren Smartphones. (Archivbild)

Unterhaltung to go statt Zeitunglesen: Jugendliche mit ihren Smartphones. (Archivbild) Bild: Christian Beutler/Keystone

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Die klassischen Informationsmedien können sich dieses Jahr weder über Stoffmangel noch über fehlendes Publikumsinteresse beklagen: Flüchtlingsdebatte, nationale Wahlen, Zukunft von Eveline Widmer-Schlumpf, Abstimmung über das Radio- und TV-Gesetz – all diese Themen stiessen und stossen auf überdurchschnittliches Interesse.

Dennoch kommt das an der Universität Zürich angesiedelte Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft (FÖG) in seinem heute vorgestellten «Jahrbuch zur Qualität der Schweizer Medien» zu einem ernüchternden Befund: Demnach nimmt der Anteil jener jungen Erwachsenen zwischen 16 und 29 Jahren deutlich ab, die regelmässig (an mindestens vier Tagen pro Woche) via Zeitungen, Radio oder TV professionelle Informationsangebote konsumieren.

So gaben 2009 erst 35 Prozent dieser Altersklasse an, nie eine Abonnementszeitung zu lesen. 2015 waren es bereits 56 Prozent. Beim Fernsehen stieg der Anteil im selben Zeitraum von 4 auf 11 Prozent, beim Radio von 8 auf 13 Prozent. Erhoben wurden diese Befunde indes via Online-Befragung, weshalb die Nutzerverluste im Vergleich zur Gesamtbevölkerung laut den Forschern «vermutlich etwas zu hoch» ausfallen.

Vormarsch der Softnews

Trotzdem ist für Mark Eisenegger, den Präsidenten der nach dem verstorbenen Zürcher Soziologieprofessor benannten «Kurt Imhof Stiftung für Medienqualität», klar: «Die Informationsmedien verlieren die jungen Erwachsenen.» Laut Eisenegger können auch online verbreitete Informationsangebote diesen Trend nicht korrigieren. «Junge Leute informieren sich zunehmend nur noch über alternative Kanäle wie Social Media. Und nutzen dabei vorwiegend Softnews.»

Je höher zudem der Anteil der Mobilnutzer an einem Medienangebot sei, desto höher sei auch der Softnewsanteil. «Unterwegs und auf den kleinen Bildschirmen der Mobilgeräte werden weniger anspruchsvolle Inhalte bevorzugt», erklären die Forscher. So findet die Nutzung der 2014 lancierten Newssite watson.ch bereits zu 60 Prozent über mobile Geräte statt. Gleichzeitig gehört watson.ch mit über 60 Prozent Softnews zusammen mit Blick.ch zu den Medientiteln mit den höchsten Softnewsanteilen.

Von den 200 Beiträgen, die 2014 in der Schweiz am meisten verlinkt, getwittert oder auf Newssites und Facebook kommentiert wurden, sind 61 Prozent Softnewsbeiträge. 80 Prozent der Beiträge sind episodisch, das heisst nicht einordnend. Diese zunehmend fehlende Einordnungsleistung, die die Forscher insgesamt festgestellt haben wollen, ist einer der Hauptgründe für die aus ihrer Sicht kontinuierlich sinkende Qualität der Schweizer Medien.

Facebook als Hauptquelle

Die Zürcher Forscher gehen davon aus, dass der Trend zur Digitalisierung der Mediennutzung weiter zunimmt. So zeigt eine aktuelle Befragung aus den USA, dass bereits 61 Prozent der Mediennutzer zwischen 18 und 33 Jahren Nachrichten vorwiegend über Facebook konsumieren. Selbst bei den Nutzern zwischen 34 und 49 Jahren ist die Social-Media-Plattform bereits die Hauptquelle für Nachrichten.

Gemäss den Befunden des Jahrbuchs tragen die Digitalisierung und die Globalisierung zur Strukturschwäche des Schweizer Informationsjournalismus bei. «Die Zahlungsbereitschaft für Online-News ist weiterhin gering, die Online-Werbeeinnahmen bleiben weit hinter den Erwartungen zurück, und die Aversion der Nutzer gegenüber Werbung auf Onlineplattformen ist ausgeprägt», sagte Linards Udris, stellvertretender FÖG-Leiter. Dies zeige sich auch in der zunehmenden Verbreitung sogenannter Adblocker, mit der die Nutzer Onlinewerbung sperren können.

Insgesamt entwickelten sich die Werbemärkte verstärkt zu einer Domäne der globalen Tech-Giganten Google und Facebook, die neuerdings auch ins publizistische Geschäft vorstossen. Udris’ Fazit: «Die Finanzierungsschwierigkeiten des Informationsjournalismus werden sich weiter vergrössern.»

Wie bei der Präsentation früherer Jahrbücher warnten die Forscher davor, die demokratiepolitischen Auswirkungen ihrer Befunde zu unterschätzen. So sei es alarmierend, dass immer mehr junge Erwachsene fast keine Informationsangebote mehr nutzten. Eisenegger forderte in diesem Zusammenhang, dass die Schulen mehr Wert auf Medienkompetenz legen sollten. Ob das politische Wissen der Jugend in früheren Jahren allerdings wirklich ausgeprägter gewesen sei, konnte der Forscher indes nicht beantworten.

Erstellt: 26.10.2015, 21:02 Uhr

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