Interview

«Kaufmännische Berufe erfahren eine grössere Wertschätzung»

Am Lehrlingsmangel in technischen Berufen seien die Eltern schuld, kritisieren Berufsverbände. Die Gründe seien differenzierter, entgegnet Berufsberater Sergio Casucci.

Die Nachfrage nach handwerklichen Lehrstellen ist zu gering: Ein Lehrling montiert Solarpanels auf einem Dach. (Archivbild)

Die Nachfrage nach handwerklichen Lehrstellen ist zu gering: Ein Lehrling montiert Solarpanels auf einem Dach. (Archivbild) Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Casucci, mehrere Berufsverbände beklagen sich, dass Eltern ihre Kinder lieber ans Gymnasium schicken als in eine Lehre. Daher mangle es an geeigneten Lehrlingen für anspruchsvolle technische Berufe. Teilen Sie die Sorge?
Nein, als pauschale Aussage unterstütze ich das nicht. Die Berufswahl ist eine individuelle Entscheidung und hängt stark von der Bildungsnähe und dem ökonomischen Hintergrund der Eltern ab. Das sind die aussagekräftigeren Faktoren als die simple Vermutung, Eltern wollten, dass ihre Kinder ins Gymnasium gehen. In der Stadt Zürich, wo ich tätig bin, unterscheidet sich die Situation nach Stadtkreisen: In gewissen Kreisen sind die Eltern viel stärker darauf bedacht als in anderen, dass ihre Kinder eine Mittelschule besuchen.

Das Prestigedenken der Eltern sei vor allem in den Städten und bei Akademikern verbreitet, lautet der Tenor der Verbände. Diese Beobachtung deckt sich mit Ihren Erfahrungen.
Ja. Eltern, die einen akademischen Hintergrund haben, unterstützen es eher, dass ihre Kinder das Gymnasium machen.

Hat seitens der Eltern der Druck auf die Jugendlichen generell spürbar zugenommen?
Das empfinde ich nicht so. Eltern wollen das Beste für ihre Kinder – das wollten sie schon vor 50 Jahren. Heute sind jedoch die Wahlmöglichkeiten für die Jugendlichen grösser. Wir versuchen in unseren Beratungen, Druck von ihnen zu nehmen, indem wir auf die grosse Durchlässigkeit des hiesigen Bildungssystems hinweisen: Wer eine Lehre macht, kann später immer noch eine Fachhochschule besuchen. Ausgangspunkt ist immer das Interesse des Jugendlichen: Was macht er gerne? Was kann er gut? Erst wenn diese Fragen erörtert sind, macht es Sinn, sich für eine akademische oder eine handwerkliche Karriere zu entscheiden. Für die Eltern hat das Prestige in der Ausbildungsfrage sicherlich einen hohen Stellenwert. Das macht sich aber nicht nur beim Wunsch bemerkbar, den Nachwuchs ins Gymnasium zu schicken, sondern auch bei der Präferenz für gewisse Lehren: Sie sehen ihre Kinder lieber im Dienstleistungsbereich als in handwerklichen Berufen. Der warme Büroarbeitsplatz wird dem frühmorgendlichen Einsatz auf Baustellen vorgezogen.

Genau die handwerklichen Branchen beklagen sich auch über den Lehrlingsmangel. Ist die Nachfrage nach solchen Lehren besorgniserregend gering?
Handwerkliche Stellen sind nicht per se schlecht nachgefragt. Die Fleischfachbranche hat beispielsweise grosse Probleme, Lernende zu finden. Mittlerweile werden bis zur Hälfte der Lehrstellen jeweils lange nicht besetzt. Dieser Beruf hat heute ein Prestigeproblem. Auch viele Elektroinstallateurstellen bleiben lange offen. In diesem Bereich ist jedoch fraglich, ob das am mangelnden Prestige oder an der späten Selektion liegt. Die Informatiker wiederum haben ein anders gelagertes Problem: Zwar wollen viele Jugendlichen den Beruf ergreifen, bringen aber die Voraussetzungen nicht mit. Handwerker haben also nicht allgemein Mühe, Lernende zu finden.

Aber grundsätzlich wollen mehr Jugendliche Banker als Metzger werden.
Genau – kaufmännische Lehren sind stark gefragt. Das hat wohl auch mit der Entwicklung in Richtung Dienstleistungsgesellschaft zu tun. Solche Berufe erfahren heute eine grössere Wertschätzung.

Ist denn heute eine gymnasiale Ausbildung karrieretechnisch noch immer erfolgversprechender als etwa eine Informatikerlehre?
Das kommt darauf an: Für einen Jugendlichen, der gerne in die Schule geht und lernt, ist das Gymi eine gute Wahl. Wer lieber mit den Händen arbeitet, hätte eventuell Mühe, die jahrelange Mittelschulzeit hinter sich zu bringen. In Bezug auf die Karriere ist es wichtig, abzuklären, ob man die Voraussetzungen für den eingeschlagenen Weg mitbringt – das gilt für den akademischen wie den handwerklichen Weg. Die Auseinandersetzung mit sich selbst ist zentral bei der Berufswahl. Wer das, was er macht, gut und gerne macht, kommt am schnellsten zum Ziel. Generell lässt sich nicht sagen, ob das Gymi oder eine Lehre mehr Erfolg bringt.

Anders gesagt: Ein Sekundarschüler, der sich für eine Informatiker- oder Mechanikerlehre entscheidet, verbaut sich nichts in Bezug auf eine künftige Karriere.
Ein guter Sek-A-Schüler, der sich für eine Informatiklehre entscheidet, verbaut sich gar nichts. Hat er danach das Bedürfnis, einen akademischen Weg einzuschlagen, dann kann er das jederzeit. Wenn er die Lehre mit Berufsmatura absolviert, hat er bereits Zugang zu allen Fachhochschulen. Oder er holt die BMS nach. Was dabei jedoch häufig vergessen geht: Ein solcher Weg ist leistungsgebunden. Nur wer bereit ist, viel Einsatz zu geben, kann eine solche Ausbildung abschliessen.

In welchen Fällen ist es für Sie klar, dass ein Jugendlicher im Gymi am besten aufgehoben ist?
Die beiden wichtigsten Eigenschaften sind die Lernbereitschaft und die schulische Leistungsbereitschaft.

Seitens der Berufsverbände wird auch kritisiert, die Oberstufenlehrer trügen eine Mitverantwortung für den Lehrlingsmangel: Sie hätten selbst keine Lehre absolviert und könnten daher womöglich die Begeisterung für eine Lehre nicht richtig vermitteln. Doch dass die Lehrer selbst keine Lehre absolviert haben, ist ja keine neue Entwicklung.
Genau deswegen finde ich die Argumentation etwas weit hergeholt. Meiner Erfahrung nach sind Lehrpersonen sehr wachsam und legen nur jenen Schülern das Gymi nahe, bei denen sie auch ein entsprechendes Lern- und Leistungspotenzial sehen.

Mit ihren Argumenten weisen die Berufsverbände die Verantwortung für die Situation ein Stück weit von sich. Müssten sie nicht auch über die Bücher und ihre Lehrstellen besser vermarkten?
Doch, denn auch die Berufsverbände müssen sich mit dem Wandel der Zeit und der Arbeitswelt auseinandersetzen. Ihr Ziel müsste es sein, die Lehre für Jugendliche attraktiv zu machen. Dass sie dazu neuerdings Geschenke wie Motorroller oder Sprachreisen als Anreiz benutzen, halte ich für einen fraglichen Weg. Genauso wie die Jugendlichen heute Dutzende Bewerbungen schreiben, müssten sich auch die Verbände darum kümmern, wie sie ihren Nachwuchs rekrutieren wollen. Grosse Betriebe im Dienstleistungssektor betreiben bereits einen grossen Aufwand mit Informationsveranstaltungen. KMU müssen erst noch Strukturen schaffen, um das im professionellen Rahmen anbieten zu können.

Der Lehrplan 21 will nun den technischen Fähigkeiten bereits in der Primarschule mehr Gewicht geben. Kann auf diese Weise das Interesse für handwerkliche Tätigkeiten nachhaltig geweckt werden?
Kaum. Denn: Anstatt neue technische Fächer zu generieren, wäre es zielführender, dem Berufswahlunterricht mehr Gewicht zu geben. Die Fachwelt kann schwer nachvollziehen, warum dieser wichtige Bereich mit dem Lehrplan 21 nach wie vor keine eigenen Lektionen erhält – zumal die Bildung in der Schweiz eine zentrale Ressource ist. Es ist kaum verständlich, warum im 21. Jahrhundert der Berufswahlunterricht nicht mit separaten Lektionen stattfindet, während gleichzeitig alle Kinder institutionalisiert Kochen lernen müssen. Die Investition in eine souveränere Berufswahl würde dem Staat viele Zwischenlösungen und Brückenangebote ersparen. Damit würden weniger Jugendliche die Lehre abbrechen oder sich für eine Übergangslösung entscheiden. Das wäre für den Staat gut investiertes Kapital. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.08.2013, 19:41 Uhr

Sergio Casucci ist Abteilungsleiter Jugendberatung im Laufbahnzentrum der Stadt Zürich. (Bild: zvg)

Bildstrecke

Die gefährlichsten Arbeitsplätze für Lernende

Die gefährlichsten Arbeitsplätze für Lernende Die meisten tödlichen Unfälle ereigneten sich gemäss der Suva in Reparatur- und Karosseriewerkstätten für Strassenfahrzeuge, Landwirtschafts- und Baumaschinen, in der Baubranche, in Schreinereien, im Maschinen- und Anlagebau und bei Elektroinstallationen.

Artikel zum Thema

Die gefährlichsten Berufe für Lehrlinge

Jedes Jahr erleiden rund 25'000 Lernende in der Schweiz einen Unfall. Bestimmte Berufe sind gemäss der heute veröffentlichten Suva-Statistik besonders gefährdet. Mehr...

Technische Betriebe verlieren Lehrlinge ans Gymi

Informatik- und Mechanikerbetriebe haben Mühe, geeignete Lehrlinge zu finden. Schuld sei das Prestigedenken der Eltern, kritisieren die Berufsverbände. Mehr...

Lehrlinge, nein danke!

Politblog Politblog Um die hohe Zuwanderung zu stabilisieren, braucht es mehr eigene Fachkräfte. Doch einige hier ansässige Konzerne verzichten auf die Ausbildung des Nachwuchses. Zum Blog

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Paid Post

Frühlingserwachen im höchstgelegenen Outlet der Schweiz

Der Frühling ist da und macht Lust auf Bewegung. Im Landquart Fashion Outlet bieten die mehr als 160 Premium-Marken jetzt eine noch grössere Auswahl an hochwertigen Basics für sportliche Höchstleistungen, und dies zu besonders attraktiven Preisen.

Die Welt in Bildern

Zyklon Idai: Ein Mädchen beobachtet sichtlich geschockt, wie Menschen aus der Stadt Buzi in Mosambik nach ihrer Rettung am Hafen in Beira an Land gehen. (22. März 2019)
(Bild: Andrew Renneisen/Getty Images) Mehr...