Kaum ist Leuthard weg, bringen sich die CVP-Männer in Stellung

Dank Keller-Sutters Favoritenrolle sehen viele Männer in der CVP ihren Moment nun gekommen. Wie stehen ihre Chancen?

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Als der höchste Schweizer mit der Glocke klingelt, wird es ganz still im Saal. «Mir liegt eine Mitteilung von Bundesrätin Doris Leuthard vor», beginnt Nationalratspräsident Dominique de Buman. Lange ist dieser Moment herbeispekuliert worden. Trotzdem ist es jetzt, da er eintritt, ein kleiner Schock. Sie auch noch! Der zweite Bundesratsrücktritt innerhalb von drei Tagen.

In der hinteren Mitte des Saals, wo die CVP-Leute sitzen, senken sich viele Blicke auf die Pulte. Möglichst nichts anmerken lassen. Doch nur wenige Minuten später zeigt sich draussen in der Wandelhalle: Jetzt sehen viele ihren Moment gekommen. Ist das die einmalige Chance, selber Bundesrat zu werden?

Bildstrecke: Wer kommt nach Doris Leuthard

Die Ausgangslage in der CVP ist ganz anders als bei der FDP. Das Kandidatenfeld ist wesentlich breiter, aber auch diffuser als im Freisinn. Keine Person drängt sich so zwingend auf wie Karin Keller-Sutter bei der FDP. Dass sie die freisinnige Kronfavoritin ist, stellt jedoch auch für die CVP wichtige Weichen.

Die Frauenfrage

Tritt Keller-Sutter tatsächlich an, befreit dies die CVP vom Zwang, für die Leuthard-Nachfolge eine Frau in den Bundesrat zu bringen. Mit dem Doppelrücktritt habe sich «der Druck auf die Geschlechterfrage entspannt», sagt der Obwaldner CVP-Ständerat Erich Ettlin – und vertritt damit eine im bürgerlichen Lager verbreitete Ansicht. In der «Bringschuld» sieht Ettlin primär die FDP. Tatsächlich stellte die CVP in 16 der letzten 19 Jahre eine Frau im Bundesrat, zuerst Ruth Metzler, dann Doris Leuthard. «Die Doppelvakanz nimmt Druck von der CVP, unbedingt eine Frau zu bringen», glaubt auch Nationalrat Karl Vogler, der im linken Flügel der CVP-Fraktion politisiert.

Trotzdem ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass es auch eine Frau auf das Ticket schaffen wird. «Meine persönliche Meinung ist, dass es sich die CVP nicht leisten kann, keine Frau auf das Wahlticket zu nehmen», sagt Parteichef Gerhard Pfister. Dabei ist die Walliserin Viola Amherd in der Favoritenrolle. Die gut vernetzte Nationalrätin verfügt als einzige CVP-Parlamentarierin über bedeutsame Exekutiverfahrung. Sie war zwölf Jahre Stadtpräsidentin von Brig. Amherd will sich nun eine Kandidatur «gründlich überlegen».

«Wechsel sind immer mit Emotionen verbunden»: Doris Leuthard kämpft mit den Tränen während ihrer Rücktrittserklärung.

Ausser Amherd machen sich auch Ständerätin Brigitte Häberli-Koller (TG) sowie die Nationalrätinnen Ruth Humbel (AG) und Elisabeth Schneider-Schneiter (BL) Gedanken über eine Kandidatur. Bereits abgesagt hat hingegen die häufig genannte Zürcher Bildungsdirektorin Silvia Steiner.

Die Zentralschweizer Frage

Mit der Favoritenrolle der St. Galler FDP-Frau Keller-Sutter rückt für die CVP die Zentralschweiz in den Fokus. Diese Region – notabene ein CVP-Stammland – hat seit dem Rücktritt des Luzerners Kaspar Villiger im Jahr 2003 keinen Bundesrat mehr. Doch diesmal gibt es aus der Zentralschweiz nur wenige valable Kandidaten. Für viele Parlamentarier wäre der Luzerner Ständerat Konrad Graber erste Wahl gewesen. Doch Graber hat per Legislaturende seinen Rücktritt aus der Politik erklärt.

Die Zentralschweiz fehlt seit Villigers Rücktritt im Bundesrat.

An seiner Stelle fällt in der CVP nun oft Erich Ettlins Name. Der Obwaldner politisiert zwar erst seit drei Jahren in Bern, hat sich in dieser Zeit aber bereits als kreativer Steuer- und Gesundheitspolitiker etabliert. Ettlin sagt, er wolle sich über eine mögliche Kandidatur «Gedanken machen». Das komplettere politische Profil als Ettlin hätte Peter Hegglin, der als ehemaliger Zuger Finanzdirektor und Präsident der kantonalen Finanzdirektorenkonferenz auch Exekutiverfahrung mitbringt. In Bundesbern ist Hegglin bisher aber überraschend blass geblieben.

Ausserhalb der CVP wird noch ein dritter Zentralschweizer genannt. «Nach Grabers Rückzug wäre Gerhard Pfister der beste Kandidat aus der Zentralschweiz», sagt FDP-Ständerat Joachim Eder (ZG). Pfister werde es sich aber «nicht leisten können, seine Partei im Wahljahr im Stich zu lassen», glaubt Eder. Tatsächlich hat sich der Parteichef nur Minuten nach Leuthards Rücktrittserklärung aus dem Rennen genommen. «Ich habe eine Kandidatur bereits ausgeschlossen. Das ist ja schon öffentlich und bekannt», erklärte er gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet.


Bildstrecke: Chauffeurin, Fuss-Schild und ein löchriges Kleid


Angesichts der eingeschränkten Zentralschweizer Auswahl rücken auch Vertreter anderer Landesteile ins Blickfeld. Die Arbeit als Bundesrat sei «faszinierend», sagt Ständerat Pirmin Bischof (SO); er will sich eine Kandidatur überlegen. Auch zwei Ostschweizer signalisieren Interesse: «Ich bin mit Herzblut Exekutivpolitiker», sagt Benedikt Würth, Regierungsrat aus St. Gallen und Präsident der Konferenz der Kantonsregierungen. Für Personen, die nicht dem eidgenössischen Parlament angehörten, sei die Ausgangslage bei Bundesratswahlen aber schwieriger, räumt Würth ein. Dieses Manko hat wiederum Daniel Fässler nicht. Der Innerrhoder Nationalrat und Landammann sagt: «Ich überlege mir eine Kandidatur.»

Ein dritter Ostschweizer hingegen, der oft als Papabile gehandelt wurde, sagt ab. «Ich bin kein Kosmopolit und würde mich in den Kreisen, in denen ein Bundesrat verkehren muss, nicht wohlfühlen», sagt der Bündner Ständerat Stefan Engler.

Die Präsidentenfrage

Sind diese Kandidaturen überzeugend? Darüber haben manche Parlamentarier gestern hinter vorgehaltener Hand Zweifel geäussert – sowohl inner- wie ausserhalb der CVP. Und deshalb kursieren zwei weitere Namen, die sich eigentlich bereits aus dem Spiel genommen hatten: Bundeskanzler Walter Thurnherr und Parteipräsident Pfister.

Sogar einzelne Mitglieder der CVP-Fraktion finden, Thurnherr wäre sowieso der beste Kandidat von allen. Doch bisher wollte der Kanzler von einer Kandidatur nichts wissen. Und darum könnte – allen Dementis zum Trotz – am Ende auch Gerhard Pfister noch einmal mit der Frage konfrontiert werden, wie er seiner Partei mehr bringt: indem er sie in die Wahlen führt? Oder indem er sie im Bundesrat vertritt? (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 28.09.2018, 08:24 Uhr

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