«Kinder retten ist Friedensarbeit»

Beat Richner ist tot. Der Gründer von fünf Kinderspitälern in Kambodscha ist nach schwerer Krankheit 71-jährig gestorben. Sein Lebenswerk steht auf sicheren Beinen.

Beat Richner ist einer schweren Krankheit erlegen. (Video: Keystone/SRF/Tamedia)

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Mit der «Träumerei eines Nachtwächters» wagte sich der junge Beat Richner Anfang 1967 ein erstes Mal an eine kulturell interessierte Öffentlichkeit. Und musste sich von der NZZ sagen lassen: Er «ist ein vielleicht nicht ganz unbegabter Dilettant, der nun, wenn möglich unter Anleitung eines erfahrenen Regisseurs, an sich arbeiten müsste, um es auf diesem Gebiet wirklich zu etwas zu bringen». Für den Moment habe er «erst eine allerunterste Stufe erklommen».

Die Anekdote steht symptomatisch für das Leben von Beat Richner: Schwierigkeiten, kritische Stimmen sind kein Grund, eine Idee, ein Projekt aufzugeben, zu resignieren. Denn: Die allerunterste Stufe ist lediglich jene Stufe, die zur nächsthöheren und damit aufwärts führt.

Die Herzen der Menschen erreicht

Kein Wunder, musste die NZZ ­bereits vier Jahre nach dem ersten Verriss anerkennen, die Art Richners, sein Cello zu handhaben, und die Fähigkeit, mit Musik kleine, köstliche Geschichten zu erzählen, seien «schlechthin virtuos».

«Auf diesem Gebiet», wozu die Fähigkeit gehörte, Menschen in seinen Bann ziehen zu können – hatte es Richner nicht nur «zu etwas», sondern zur Meisterschaft gebracht. Während vieler Jahre gelang es ihm, die Herzen (und Portemonnaies) seiner Zuhörer zu öffnen und allein in der Schweiz jährlich Spenden in zweistelliger Millionenhöhe zu sammeln.

Am Sonntagmorgen ist der am 13. März 1947 geborene Kinderarzt gestorben. Dass in den von ihm in den vergangenen 27 Jahren gegründeten Kinderspitälern in Kambodscha in den ersten fünf Monaten dieses Jahres 369'491 kranke Kinder in den Polikliniken kostenlos behandelt, 60'770 schwer kranke Kinder in der gleichen Zeit hospitalisiert und 10'502 chirurgische Operationen durchgeführt wurden – von all dem hatte Beat Richner keine Ahnung.

«Für mich war Beat eine der prägendsten Begegnungen in meinem Leben.»Alfred Löhrer, Praxispartner und Freund

Er wusste nicht einmal mehr, dass es diese Spitäler überhaupt gab. Eine seltene und unheilbare Gehirnerkrankung mit zunehmendem Funktions- und Gedächtnisverlust hatte ihn nicht nur bereits im März letzten Jahres gezwungen, sein Lebenswerk in andere Hände zu legen. Sie liess nach und nach auch jede Erinnerung an Kambodscha erlöschen.

Bis vor etwa sechs Wochen habe er seine engsten Freunde und Familienangehörigen noch erkannt, sagt Alfred Löhrer. Der Kinderarzt ist einer der ältesten Freunde Richners. Er hatte ihn im Jahre 1958 an einem Skitag der Pfadi in Einsiedeln kennen gelernt, mit ihm von 1972 bis 1979 am Zürcher Kinderspital als Assistent und Oberarzt zusammengearbeitet und schliesslich von 1979 bis 1992 am Römerhof gemeinsam eine Kinderarztpraxis geführt.

«Für mich war Beat eine meiner prägendsten Lebensbegegnungen», sagt der 75-Jährige am Sonntagnachmittag. Es sei für ihn «sehr schwer», mit dem Wissen um seinen Tod umzugehen, auch wenn man damit jederzeit habe rechnen müssen.

«Ich komme dann wieder» war ein frommer Wunsch

Löhrer war es auch, der unmittelbar mitbekam, wie Richner 1974 als junger Arzt nach Kambodscha ging und im Rahmen einer Mission des Roten Kreuzes ein erstes Mal im Kinderspital Kantha Bopha arbeitete. Wie er ein Jahr später das Land wegen der Roten Khmer fluchtartig verlassen musste – auch unter Zurücklassung seiner auf einer Hermes-Baby-Schreibmaschine entstehenden Doktorarbeit über Schwerhörigkeit bei Haemophilus B Meningitis.

Wie er 1992 auf Bitte des kambodschanischen Königs zurückkehrte, um das Spital wieder aufzubauen und seine Arbeit aufzunehmen. «Ich komme dann wieder», habe Richner gesagt und seine Möbel eingestellt, erzählt Löhrer. Beat Richner hatte wohl selber daran geglaubt. Denn sein Plan war eine auf fünf Jahre befristete Partnerschaft mit Kambodscha, bei der die Schweiz als Trägerin dieser Partnerschaft die Finanzierung übernimmt.

Man weiss ja, dass es anders kam. Aus Beat musste Musikclown Beatocello werden, der unermüdlich durchs Land zieht und Geld sammelt. Heute unterstützt die beim Aussendepartement angesiedelte Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) Kantha Bopha mit jährlich vier Millionen Franken.

Korruptionsfreies Spitalwesen aufgebaut

Der nächste Dreijahresvertrag wird im nächsten Jahr fällig. Die offizielle Schweiz anerkannte am Sonntag ausdrücklich, dass das «unermüdliche ­Engagement» Beat Richners «auch der Schweiz und ihren Werten zu hohem ­Ansehen» verholfen hat, wie der Aussenminister Ignazio ­Cassis zum Tod von Beatocello twitterte.

Die Lebensleistung von Beat Richner besteht in erster ­Linie darin, dass heute 85 Prozent aller kranken Kinder in Kambodscha in einem der Kantha-Bopha-Spitäler, die den Status von Universitätskliniken haben, von 2500 Mitarbeitenden gratis behandelt werden – in all den Jahren über 15 Millionen Kinder ambulant und 1,7 Millionen stationär.

Auch darin, dass es ihm gelungen ist, in einem Entwicklungsland ein korruptionsfreies Spitalwesen aufzubauen, das sich der Maxime «arme Medizin für arme Leute» widersetzt und heute «international von Experten als bestes Beispiel für effiziente Hilfe im Gesundheitsbereich gehalten wird», wie die Stiftung Kantha Bopha heute mitteilt. Richners Leitspruch: Jedes Kind dieser Welt hat Anspruch auf korrekte Medizin.

Schon als junger Student hatte sich Richner für ein Projekt öffentlich engagiert, das sein Kernanliegen zum Ausdruck brachte: Hilfe, vor allem medizinische Hilfe, für Notleidende. Dabei dachte er nicht nur an Kinder oder Menschen allgemein, die von Krieg oder Katastrophen betroffen sind, sondern auch an jene, die unter einem allgemeinen Mangel an medizinischer Betreuung leiden.

Kein Unterschied zwischen Reichen und Armen

Nicht nur mit Blick auf Kambodscha liess sich Beat Richner von Prinzipien leiten, die zum Erfolg seines Lebenswerks beitrugen: Es darf in der medizinischen Versorgung keinen Unterschied geben zwischen Reichen und Armen. Es darf keine Korruption geben. Das beste Kosten-Nutzen-Verhältnis soll erreicht werden. Und vor allem: Kinder retten ist Friedenswerk.

Zur Lebensleistung Richners gehört aber auch ein weiteres seiner Prinzipien: Die Nachhaltigkeit muss gesichert werden. Konkret: Seine Nachfolge muss rechtzeitig organisiert sein. Heute arbeiten die Spitäler unter der Leitung von Peter Studer – medizinisch und technisch selbstständig.

«Die Nachricht des Todes hat uns ausgesprochen betroffen gemacht.»Martin Vollenwyder, Präsident der Kinderspitalstiftung

Und die Mitarbeitenden profitieren vom Fachaustausch mit dem Zürcher Kinderspital. «Die Nachricht von Beat Richners Tod hat uns ausgesprochen betroffen gemacht», sagt Martin Vollenwyder, Präsident der Eleonorenstiftung, der Trägerin des Kinderspitals. Über Jahrzehnte habe es mit Beat Richner, den Ärzten in Kambodscha und dem Kinderspital auf personeller und institutioneller Ebene eine enge Zusammenarbeit gegeben. Das ist auch heute noch so. Im November wird Michael Grotzer, der neue Direktor des Zürcher Kinderspitals, die Spitäler in Kambodscha besuchen. Dieser Austausch, so Vollenwyder, soll weitergeführt werden.

Wie die Stiftung Kantha Bopha mitteilte, sollen Leben und Werk von Beat Richner in einer öffentlichen Gedenkfeier im Zürcher Grossmünster gewürdigt werden. Ein Datum dafür steht aber noch nicht fest.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.09.2018, 21:36 Uhr

Ein Fonds für Kantha Bopha 

In der langfristigen ­Finanzierung der Kantha-Bopha-Spitäler ist die Stiftung im April dieses Jahres einen grossen Schritt vorwärtsgekommen. Der kambodschanische Premierminister Hun Sen hat den Trust-Fonds «Kantha Bopha Kampuchea» gegründet und mit einem Startkapital von 10 Millionen US-Dollar dotiert.

Der Fonds verfolgt drei Ziele: Zum einen sollen Kambodschaner dadurch animiert werden, den Fonds durch weitere Spenden zu äufnen. Zum andern soll der Fonds eine Sicherheit darstellen, falls bei der Stiftung die Spenden so zurückgehen, dass die Spitäler in einen finanziellen Engpass geraten. Zum Dritten, und dies dürfte längerfristig von besonderer Bedeutung sein, soll der Fonds den Zugang zu internationalen Hilfsgeldern ermöglichen und als Türöffner bei Organisationen wie der Weltbank oder den Asean-Staaten dienen.

René Schwarzenbach, Präsident der Stiftung Kantha Bopha, weist aber mit Nachdruck darauf hin, dass das 42-Millionen-Budget der Stiftung weiterhin entscheidend von Spenden abhängig sei. 2017 stammte ein Drittel aus Kambodscha, über die Hälfte des Budgets aus der Schweiz.

Thomas Hasler

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