Klapproth und sein Chef – was wollten sie uns sagen?

Eifrig debattiert SRF jetzt über Service public – obwohl maximal befangen. Geht das gut? Wir haben gestern genau hingeschaut – grotesk wirds am Schluss.

«Wir nehmen die Kritik ernst»: SRF-Direktor Ruedi Matter stellt sich den Fragen von Moderator Stephan Klapproth.

«Wir nehmen die Kritik ernst»: SRF-Direktor Ruedi Matter stellt sich den Fragen von Moderator Stephan Klapproth. Bild: Screenshot SRF

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Nach dem hauchdünnen Ja zur RTVG-Revision ist eine Debatte über den Service public entbrannt. Die Parteien überbieten sich mit Vorschlägen, welchen Auftrag die öffentlich-rechtlichen Radio- und Fernsehsender erfüllen müssten. Die Bandbreite reicht von Programmkahlschlag bis Ausbau des bestehenden Angebots. Für die SRF-Sender ist das eine unangenehme Situation: Sie sind in dieser Thematik hochgradig befangen. Und doch werden sie die Debatte mit ihrer umfassenden Berichterstattung entscheidend mitprägen.

Wie meistert das SRF diese Herausforderung? Bereits Tag 1 nach dem Abstimmungskrimi zeigt das Leutschenbach-Dilemma anschaulich:

«Tagesschau»: Der sachliche Nachrichtenstil des Formats ermöglicht der Redaktion eine nüchterne Herangehensweise an das Thema. SVP-Nationalrat Gregor Rutz präsentiert im Namen der überparteilichen Aktion für Medienfreiheit die Forderungen für eine schlankere SRG. SP-Nationalrätin Edith Graf-Litscher listet das Kontrastprogramm ihrer Partei auf: einen starken Service public und mehr Kompetenzen für die SRG im Onlinebereich. Dazwischen stehen die Grünliberalen, die in der Verfassung Klarheit über die Aufträge der unterschiedlichen Medien schaffen wollen. So weit, so unproblematisch – der Beitrag kommt ohne Stellungnahme der direkt betroffenen SRG-Vertreter aus. Doch zwei Stunden später wird es kniffliger:

«10 vor 10»: Die Informationssendung will mehr in die Tiefe gehen. Sie setzt die Service-public-Debatte gar in den spätabendlichen Fokus. Nach einem Beitrag, in dem alle Parteipräsidenten zu Wort kommen, interviewt Moderator Stephan Klapproth SRF-Direktor Ruedi Matter – seinen Vorgesetzten. Klapproth deklariert die Hierarchieverhältnisse und schiebt nach: «Das hindert uns nicht daran, ungehemmt über die Lage nach der Abstimmung zu reden.» Doch noch ehe er den Satz fertig gesprochen hat, fällt ihm Matter ins Wort: «Selbstverständlich nicht.» Damit sind die Hierarchieverhältnisse nicht nur deklariert, sondern auch demonstriert.

Wenn Klapproth danach fragt, ob die SRG ein Popularitätsproblem habe, ob das knappe Ja vom Sonntag ein Misstrauensvotum sei, dann fragt er in bester journalistischer Manier. Wenn er wissen will, ob Matter enttäuscht darüber sei, dann zielt er auf die Emotionen des Menschen in der Cheffunktion. Trotzdem: Angesichts der eigenen Betroffenheit von der Klatsche an der Urne muten die Fragen seltsam gekünstelt an. Ein Gespräch dieses Stils («Sollten wir abspecken?») wäre üblicherweise an einer firmeninternen Veranstaltung zu hören. Einblick in eine solche erhält der Zuschauer in derselben Sendung ebenfalls: Die Personalinformation sei zwar schon lange geplant gewesen, aber Matter habe seine Mitarbeiter auch über die laufende Service-public-Debatte informiert, heisst es dazu aus dem Off. Was will uns die Redaktion damit sagen? Durchhalteparolen in Leutschenbach? Angst vor Stellenabbau?

Im Interview gibt sich Matter selbstbewusst: Er freue sich auf die bevorstehende Debatte. Das Ja zum RTVG sei ein weiser Entscheid des Stimmvolks gewesen. Kommunikationsberater Franco Gullotti kritisiert diese Haltung: «Matter zeigt sich damit wenig selbstkritisch. Vor dem Hintergrund des knappen Abstimmungsergebnisses müsste er die andere Hälfte der Bevölkerung ernster nehmen. Nun müsste sich der SRF-Direktor nicht mit der hauchdünnen Mehrheit befassen, sondern auf die Gegner eingehen.» Das gebe Matter zwar vor, aber gleichzeitig betone er, so wie bisher weitermachen zu wollen.

Mit Matters «10 vor 10»-Auftritt ist das Thema Service public an diesem Abend noch nicht vom Tisch. Grotesker wird es eine Stunde später:

«Schawinski»: Der Talker Roger Schawinski greift die RTVG-Diskussion ebenfalls auf und will sie anhand der vermeintlich widersprüchlichen Haltung seines Gastes Gerhard Pfister abhandeln. Offiziell vertrete Pfister die Vorlage seiner Bundesrätin, aber gleichzeitig habe er eine «Kampfschrift» gegen die SRG geschrieben – «was ist denn das für eine Haltung?», provoziert Schawinski sein Gegenüber. Und an der Buchvernissage sei Pfister persönlich auf SRG-Generaldirektor Roger de Weck (Schawinskis Chef) losgegangen: «Was haben Sie gegen ihn?»

Der CVP-Nationalrat bleibt gelassen und kontert: «Waren Sie dabei?» Schawinskis Geständnis, er habe es sich lediglich sagen lassen, ist dabei noch der kleinere Makel. Der grössere: Der Talkmaster, der heute mit Inbrunst seinen Arbeitgeber verteidigt, hat bei diesem Thema selbst ein Glaubwürdigkeitsproblem. Früher wetterte der private Medienunternehmer bei jeder sich bietenden Gelegenheit gegen das Monopol der SRG. «Was ist denn das für eine Haltung?», hätte Pfister also genauso zurückblaffen können.

Gullotti sagt darum: «Es ist fragwürdig, ob es sinnvoll ist, die Service-public-Debatte in dieser Sendung zu führen. Schawinskis Glaubwürdigkeit ist in dieser Frage durch den Seitenwechsel belastet.»

«Roger de Weck macht es besser»

Fazit: Das SRF packt die Herausforderung je nach Format unterschiedlich. «Für eine ausgewogene Berichterstattung eignen sich die nüchternen Sendungen besser, weil es dort zu keiner problematischen Aufweichung der Rollen kommt», sagt Gullotti. Das SRF-Dilemma, trotz direkter Betroffenheit weiterhin über das Thema berichten zu müssen, lasse sich nur mit einer selbstkritischen, offenen Haltung lösen. Auf gutem Weg sieht der Experte für Krisenkommunikation dabei Roger de Weck: «In Interviews zeigt er sich veränderungs- und diskussionsbereit. Diese Stossrichtung ist allen SRG-Exponenten zu empfehlen.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.06.2015, 14:47 Uhr

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