Kleine Stadt mit heftigen Eruptionen

In Biel zeigt sich das Radikale auf unterschiedliche Arten: Abgefackelte Autos, der schiesswütige Rentner Kneubühl, der Islamische Zentralrat. Was ist los in dieser Stadt?

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Jürg Scherrer sitzt auf einem Gartenstuhl des 4-Sterne-Hotels Elite im Bieler Zentrum, in sicherer Distanz zu jenen, die er im Lauf des Gesprächs immer wieder «Pack» nennt. Sein linkes Auge zuckt nervös. Überall in der Stadt sei es, das «Pack»: Ausländer aus fremden Kulturen, Alkis, Drögeler.

Scherrer ist der Doyen der Auto-Partei, für die er während 16 Jahren in der Stadtregierung sass, 12 Jahre als Polizeidirektor. Seit 2008 ist er ohne politisches Amt, doch den Furor hat er sich erhalten, und auf Zuspitzungen mag er weiterhin nicht verzichten. «Schauen Sie sich die Stadt an: Ab 22 Uhr wagt sich keine Frau auf die Strasse.»

Ein «Pack» sind für ihn auch jene, welche in der letzten Samstagnacht 18 Autos in Brand gesteckt haben. Dass zur gleichen Zeit in einer Vorortsgemeinde ein grosses Hip-Hop-Konzert stattfand, hat die Spekulationen befeuert: Kamen von dort die Täter, mit dem Sound der Zerstörung im Ohr? Oder waren es Autonome, deren Zahl von Leuten aus der Bieler alternativen Szene auf ein Dutzend geschätzt wird? Orientieren sie sich an Berlin, wo seit einigen Wochen jede Nacht Fahrzeuge brennen? Gemäss Anwohnern hat es laut geknallt, was ein Hinweis auf Molotowcocktails wäre.

Eine Stadt in den Schlagzeilen

Schon Ende letzten Jahres brannten in Biel Autos. Damals in einem einzigen Quartier, hauptsächlich teure Wagen. Diesmal traf es vom Mittelklassewagen bis zur Geländelimousine alle möglichen Autos in verschiedenen Stadtteilen. Zu den Vorkommnissen Ende 2010 hat die Polizei nie mehr etwas verlauten lassen. Zu den jüngsten schweigt sie.

Die abgefackelten Autos sind das jüngste Extremereignis, das Biel im Verlauf nur eines Jahres mehrmals in die nationalen Schlagzeilen brachte. Davor war es der schiesswütige Hans Peter Kneubühl gewesen, der sich in seinem Haus verschanzt hatte, weil es versteigert werden sollte. Tagelang narrte er die Polizei auf seiner Flucht. Einen Polizisten verletzte er schwer, indem er ihm aus nächster Nähe in den Kopf schoss.

Kurz davor war Nicolas Blancho zum Medienstar aufgestiegen. Der frühere Punk konvertierte zum Islam und wurde Chef des Islamischen Zentralrates Schweiz. Die Organisation, deren Führungsriege hauptsächlich aus konvertierten Schweizern besteht, propagiert einen strenggläubigem Islam nach saudischem Vorbild und wird deshalb vom Geheimdienst beobachtet. Blanchos bevorzugte Moschee liegt am Seelandweg 9, einer unscheinbaren Seitenstrasse in Biel.

Verbindende Elemente

Abgefackelte Autos, ein schiesswütiger Rentner und ein bärtiger Hors-sol-Muslim – die drei Phänomene haben nichts miteinander zu tun. Was sie dennoch verbindet, sind Militanz und Radikalität. Und die Tatsache, dass sie in Biel stattfinden.

Ein Zufall, weil sich das alles auch in St. Gallen, Winterthur oder Sitten ereignen könnte? Oder bietet die Stadt doch einen Nährboden für Schlagzeilen dieser Art? Catherine Duttweiler, die Chefredaktorin des «Bieler Tagblatts», sieht kein Muster. Doch Biel sei eine Stadt der Gegensätze und Pole. «Vielleicht sind die einzelnen Ereignisse als Eruptionen eines Melting Pot zu interpretieren.»

Biel als Schmelztiegel. Eine Stadt, in der unterschiedliche Lebensweisen aufeinanderprallen, was wegen der Einwohnerzahl von 52 000 weniger gut zu verdecken ist als in grösseren Schweizer Städten. Auch Biel hat seinen Zürichberg, den Beaumont, wo das traditionelle Kapital wohnt. Doch Biel hat keine Neureichen, die wie in Zürich Einkommensschwächere aus ihren Wohnungen verdrängen.

Das Kreativlabor

Dafür geben hier die sogenannten Babacools den Ton an: Der aus dem Französischen übernommene Begriff bezeichnet jene Schicht, die sich aus Werbern, Künstlern und Mitarbeitern von Ideenbüros zusammensetzt. Die Babacools pflegen einen lockeren Umgangsstil und geben sich entspannt.

Als Babacool würde man heute den 48-jährigen Hans Ulrich Köhli bezeichnen, hätte es den Begriff schon vor 17 Jahren gegeben, als er seine Velokurierfirma gründete. Köhli, dem die langen Punknächte von früher Furchen ins Gesicht gegraben haben, verdiente sich das Geld zur Firmengründung mit der Organisation von Partys im ältesten Autonomen Jugendzentrum der Schweiz, dem Gaskessel. Auf diese Weise haben auch andere ihre Kleinunternehmen gestartet, ganz in der Tradition des liberalen Geistes von Biel, den die Stadtverwaltung als Marketinginstrument einsetzt, wenn sie von Biel als Labor spricht.

«Biel ist leger»

Köhli ist dem AJZ erhalten geblieben. Er hat dort durchgesetzt, dass das Zentrum einen Security-Dienst auf die Beine stellte. Der Schritt hat einige Grundüberzeugungen in Bezug darauf, was ein AJZ sein soll, umgestossen. Doch die Drogenszene rund um das Areal ist auch heute noch ein Ärgernis, sodass man nicht auf den Sicherheitsdienst verzichten kann. Bei dessen Zusammensetzung hat Köhli darauf geachtet, dass die Security-Leute einen Zugang zu Dealern und Drogenkonsumenten haben: Der Chef ist ein Kosovo-Albaner, einige Mitarbeiter stammen aus Nordafrika.

«Biel ist leger», sagt Köhli. Er ist stolz darauf und betont gleichzeitig das Negative daran. Drogenkonsumenten aus Strassburg hätten ihm gesagt: «Wir kommen nach Biel, weil du hier nicht erwischt wirst.» Köhli weiss von Leuten, die aus der Ostschweiz und dem Luzernischen anreisen, um sich hier mit Drogen einzudecken. Es seien oft solche aus gut begüterten Familien.

Hoher Ausländeranteil

Die traditionelle Zweisprachigkeit ist in fast jedem Laden hörbar. Doch es ist weniger der Gegensatz Deutsch-Welsch, der die Stadt prägt. Fast jeder dritte Bieler Einwohner stammt aus dem Ausland, was an jeder Strassenecke sichtbar ist: Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien, Nordafrikaner, Araber. Und dass rund 5000 von ihnen Muslime sind, erkennt man an den wenigen bärtigen Männern und häufiger an den Frauen, die modische Kopftücher tragen. Wer von ihnen zum Gebet will, kann zwischen rund einem Dutzend Gebetsräumen aussuchen.

Seit kurzem wohnen zwei muslimische Familien in der Stadt, die national bekannt wurden: jene aus Schaffhausen, die vor Bundesgericht mit dem Ansinnen scheiterte, ihren Sohn aus religiösen Gründen vom Schwimmunterricht zu dispensieren. Und jene aus dem Rheintal, die wegen des Kopftuchverbots an St. Galler Schulen wegzog.

Sie haben hier gewissermassen ein Asyl gefunden, ebenso wie kürzlich zwei Methadon-Abhängige, die bewusst nach Biel gezogen sind, weil die Stadt als sozial gilt. Während in Zürich Wohnungen unbezahlbar scheinen, kostet in Biel eine 4½-Zimmer-Wohnung im Durchschnitt 1300 Franken Miete. Der Grund dafür liegt darin, dass die Stadt ein Viertel des Bodens besitzt und so günstige Wohnungen bauen kann.

Die Schattenseite: Mit fast 11 Prozent hat Biel den höchsten Anteil an Sozialhilfebezügern im Kanton Bern, schweizweit belegt die Stadt einen Spitzenplatz. «Biel ist attraktiv für ärmere Familien und Sozialfälle», sagt die Journalistin Duttweiler.

SVP ruft nach Bürgerwehren

Da es sich in der Regel um Ausländer handelt, schlagen Jürg Scherrer und sein Sohn, der heute sein Erbe im Stadtparlament vertritt, daraus Kapital. Nirgends in der Schweiz hat sich die Auto-Partei so gut gehalten wie in Biel mit einem Wähleranteil von 10 Prozent. Rechtspopulistische und fremdenfeindliche Parteien kommen in Biel auf rund 15 Prozent. In einer Reaktion auf die ausgebrannten Autos fordert die SVP Bürgerwehren.

Doch auch moderatere Politiker wie der grünliberale Lehrer Alain Pichard reden von sozialem Sprengstoff, ohne das Wort in den Mund zu nehmen und ohne gegen Ausländer zu hetzen. «40 Prozent der Bieler zahlen 4 Prozent der Steuern. In den Kindergärten sind zwei von drei Kindern Ausländer. Man kann sich vorstellen, wie die Stadt in zehn Jahren aussehen wird», sagt Pichard. Die Stadtregierung, die er als rot-grünen Seniorenrat bezeichnet, habe die Bildungsbürokratie aufgebläht, statt direkt in die Schulen zu investieren. «Sie liebt das Fremde, aber nicht die Fremden.»

Massenschlägereien

Dass die soziale Lage zum ethnischen Konflikt stilisiert wird, zeigte ein Ereignis im Juni: Zwei Dutzend Secondos zogen durch die Stadt, rempelten Leute an und beschimpften Frauen als «Du Schiiss Schwiizer Nutte». Daraus entwickelte sich eine Massenschlägerei mit mehr als 70 Beteiligten. Für den AJZ-Aktivisten Köhli sind auch diese Jugendlichen Punks, welche die No-Future-Botschaft verbreiten. Doch im Gegensatz zu seiner Generation glauben sie nicht an politische Veränderbarkeit. Daher regiert der Nihilismus. Köhli versteht das: «Ein 20-Jähriger kann seine nächsten fünf Jahre nicht planen. In seinem Leben ist alles unsicher.»

Biel sei stark im Umbruch, sagt Hans Ulrich Köhli. Es werde viel gebaut und erneuert. Solche Zeiten verunsicherten die Menschen. Abgefackelte Autos, Kneubühler, Islamischer Zentralrat – und die ethnische Gewalt von Secondos. Glaubt man dem italienischen Philosophen und Kommunisten Antonio Gramsci (1891–1937), haben die Ereignisse etwas gemeinsam: «Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren. Es ist die Zeit der Monster.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.08.2011, 22:21 Uhr

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