«Kleinfamilie und Mutterschaft erfahren eine Renaissance»

Familiensoziologe François Höpflinger erklärt das Phänomen der «selbstbewussten Mütter». Die Familieninitiative komme zu einer Zeit, in der die Menschen wieder auf konservative Werte setzten.

Gefordert: «Eltern mit kleinen Kindern befinden sich in der stressigsten Phase ihres Lebens», sagt François Höpflinger.

Gefordert: «Eltern mit kleinen Kindern befinden sich in der stressigsten Phase ihres Lebens», sagt François Höpflinger. Bild: Matthias Rietschel/Keystone

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Die Stimmbevölkerung entscheidet am 24. November über die Familieninitiative der SVP. Gegner kritisieren, die SVP wolle das traditionelle Familienmodell fördern: Die Frau soll sich um Kinder und Haushalt kümmern, während der Mann das Geld verdient. Passt dieses Modell noch zu unserer Gesellschaft?
Ja. In den letzten Jahren hat eine bemerkenswerte Traditionalisierung stattgefunden: In vielen Dingen haben die Leute wieder konservativere Vorstellungen und Werte als noch in den 1980er-Jahren.

Woran erkennen Sie das?
Schweizerische Brauchtümer wie Schwingen und Trachten sind wieder äusserst populär. Auch im Haushalt ist es angesagt, die Konfitüre selber zu machen und Wollmützen zu stricken. Dazu gibt es Hefte oder Fernsehsendungen. Es hat sich eine richtiggehende Vergangenheitsindustrie gebildet. Allerdings kombinieren die Leute solche Werte mit modernen Lebensformen. Ein Beispiel sind die selbstbewussten Mütter.

Was sind selbstbewusste Mütter?
Das sind Frauen, die sich ganz bewusst dafür entscheiden, die ersten Lebensjahre ihrer Kinder voll mitzuerleben. Selbstbewusste Mütter sind häufig gut ausgebildet und verfügen über intakte Karrierechancen. Sie sehen die Mutterschaft nicht als Hindernis für ihre Berufschancen, sondern als eine Phase im Leben, die es auszukosten gilt. Arbeiten können sie später noch genug. Selbstbewusste Mütter gibt es übrigens bei den Linken genauso wie bei der SVP.

Und wo bleiben die selbstbewussten Väter?
Diese existieren natürlich auch. Die selbstbewussten Väter kümmern sich viel häufiger und intensiver um die Kinder – allerdings vor allem am Wochenende. Die Vaterrolle im klassischen autoritären Sinn gibt es eigentlich fast nicht mehr.

Für Ihr neustes Buch haben Sie Familien zum Thema Glück befragt. Wie wird man Ihrer Meinung nach eine glückliche Familie?
In unserer unsicheren, schnelllebigen Welt soll die Familie eine Art Insel bilden: Die Menschen brauchen eine emotionale Gemeinschaft, sie suchen gegenseitige Unterstützung und Geborgenheit.

Muss eine Mutter nicht auch sich selbst verwirklichen können, um glücklich zu sein?
Die Individualisierung hat ihren Höhepunkt überschritten. Der Wunsch nach Gemeinschaft nimmt zu. Sie sehen das zum Beispiel an den Tauschbörsen oder der Nachbarschaftshilfe, die wieder im Kommen sind.

Die Realität sieht aber weniger romantisch aus: Gestresste Mütter pendeln zwischen Teilzeitarbeit und Haushalt, Väter reduzieren ihr Arbeitspensum nicht oder nur wenig und packen trotzdem zunehmend bei der Betreuung der Kinder an. Überforderung aller Beteiligten ist das Resultat.
In der Schweiz arbeiten die Menschen tatsächlich viel. Jede dritte Person klagt über Stress am Arbeitsplatz. Dazu kommt der Familien- und Freizeitstress. Es ist nicht immer einfach, die eigenen Ansprüche mit denen des Partners in Einklang zu bringen. Eltern mit kleinen Kindern befinden sich heute in der stressigsten Phase ihres Lebens.

Warum?
Zu all den anderen Herausforderungen kommt die Erziehung der Kinder, die anstrengend ist: Die Eltern merken, dass ihr Einfluss auf die Kinder schrumpft. Medien, Schule oder Gleichaltrige beeinflussen die Kinder zunehmend. Das ist frustrierend.

Was tut man dagegen?
Viele Eltern versuchen, diese Entwicklung aufzufangen, indem sie sich auf Bewährtes, also Tradition, besinnen. Sie versuchen sich zum Beispiel so zu organisieren, dass sie möglichst viel Zeit mit ihren Kindern verbringen können.

Das Wohl des Kindes rückt ins Zentrum.
Ja. Es ist generell wieder erstrebenswerter, Kinder zu haben. In den 1990er-Jahren verzichteten gerade gut ausgebildete Frauen häufig auf Kinder. Das hat sich in den letzten Jahren geändert. Auch weil es heute viel mehr Kinderkrippen und andere externe Betreuungsmöglichkeiten gibt.

Aber auch die gut ausgebildeten Mütter arbeiten bloss Teilzeit.
Ja. Viele sind auch sehr gerne mit ihren Kindern zusammen. Die bürgerliche Kleinfamilie und die Mutterschaft erfahren zurzeit eine Renaissance.

Dazu passt, dass klassische Hochzeiten im weissen Brautkleid auch wieder voll im Trend liegen.
Die traditionelle Partnerschaft ist das Leitbild der Gesellschaft. Dies zeigt sich zum Beispiel auch daran, dass Homosexuelle ebenfalls heiraten wollen.

Die Familieninitiative der SVP ist offenbar auf die selbstbewussten Mütter und ihre Familien zugeschnitten.
Ja. Die Initiative fordert ja eine Art Gleichbehandlung aller Familienmodelle, indem alle die Kinderbetreuung von den Steuern abziehen können.

Fast alle anderen Parteien engagieren sich gegen die Initiative. Gemäss der SRG-Trendumfrage würden aber 64 Prozent der Stimmbevölkerung heute Ja sagen zum Volksbegehren. Kennen die anderen Parteien die Bedürfnisse ihrer Wähler nicht?
Die Gleichbehandlung aller Familien ist ja eigentlich kein rechtsbürgerliches, sondern ein urlinkes Anliegen. Man kann sagen, die SVP hat eine linkspolitische Forderung genommen und diese mit ihrer Familieninitiative rechtspolitisch umgesetzt.

Was ist in Ihren Augen eine rechtspolitische Umsetzung?
Die SVP fordert, dass Steuerabzüge für die externe wie auch für die familieninterne Kinderbetreuung gleich hoch sein müssen. Die Folge davon sind hohe Steuerausfälle. Ich vermute deshalb eine versteckte Agenda: nämlich, dass die SVP darauf spekuliert, dass am Ende alle Steuerabzüge für die Kinderbetreuung gesenkt oder gestrichen werden. Zudem greift die SVP auf ein idealisiertes Familienbild zurück, das es so nur ganz kurz gab. Nur in den 1950er- und 1960er-Jahren konnten es sich in der Schweiz wirklich viele Familien leisten, dass sich die Frau lebenslang auf die Familie konzentrieren konnte.

Dennoch hegen selbst Wähler aus links-grünen Kreisen Sympathien für die Initiative.
Das hat mit der Art und Weise zu tun, wie bisher über die Initiative diskutiert wurde: Weil die Debatte vor allem auf der symbolischen Ebene stattfand. Es ging darum, dass man ein bestimmtes Familienmodell nicht benachteiligen soll.

Was passiert, wenn die Stimmbevölkerung Ja sagt zur Initiative?
Punkto Familienmodelle sicher nichts. Ich denke nicht, dass junge Menschen an Steuerabzüge denken, wenn sie eine Familie gründen. Es werden sicher keine Frauen auf eine Erwerbsarbeit verzichten. Genauso wenig kommen patriarchale Strukturen zurück. Wenn man die Familienplanung beeinflussen möchte, dann sollte man dies anders anpacken.

Und wie?
Über bedarfsorientierte Leistungen wie die Verbilligung der Krankenkassenprämien oder die Beiträge an einen Krippenplatz. Ich kenne ein junges Paar, das wegen der Krankenkassenprämien nicht heiratet. Denn wenn die beiden Mittelverdiener heiraten würden, erhielten sie keine Verbilligung der Krankenkassenprämien mehr.

Hat die Politik beim Thema Familie in den letzten Jahren geschlafen?
Die Schweiz hinkt familienpolitisch vielen Ländern Europas hinterher. In Ländern wie Frankreich oder Schweden, wo es genügend Kinderkrippen gibt, sind die Geburtenraten höher als in der Schweiz.

Gemäss Ihren Ausführungen wollen die Eltern in der Schweiz ihre Kinder ja sowieso nicht die ganze Woche fremdbetreuen lassen.
Der Ausbau der externen Kinderbetreuung hat in Schweden noch eine ganz andere Wirkung: In dem Land kümmern sich die Grosseltern viel häufiger um die Enkelkinder als anderswo. In Schweden hat die Familie einen derart hohen Stellenwert, weil sich die Frauen nicht zwischen Beruf und Familie entscheiden müssen.

Das Dossier zur Familieninitiative: www.familie.tagesanzeiger.ch

Erstellt: 22.10.2013, 22:53 Uhr

François Höpflinger: Der Titularprofessor für Soziologie an der Universität Zürich forscht zu Familien-, Alters- und Generationenfragen.

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Die Familieninitiative der SVP

Die Familieninitiative der SVP Am 24. November 2013 stimmen wir darüber ab, ob auch Eltern, die ihre Kinder selbst betreuen, dies von den Steuern abziehen können.

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