Kommt die 67-Stunden-Woche für Spital-Angestellte?

Ständeräte wollen für fast ein Viertel der Angestellten die Arbeitszeit flexibilisieren. Der Spitalverband möchte sogar einen Schritt weiter gehen.

Der Arbeitsdruck sei bereits heute mit der 50-Stunden-Woche hoch, sagt der Verband der Assistenz- und Oberärzte. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Der Arbeitsdruck sei bereits heute mit der 50-Stunden-Woche hoch, sagt der Verband der Assistenz- und Oberärzte. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

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Die Wirtschaftspolitiker im Parlament arbeiten an der «Teilflexibilisierung» des Arbeitsgesetzes. Die wöchentliche Höchstarbeitszeit von 45 Stunden und die Restriktionen für Sonntagsarbeit sollen für Fachspezialisten und leitende Angestellte nicht mehr gelten, wenn sie ihre Arbeit in einem Jahresarbeitszeitmodell flexibel einteilen können. Künftig wären für fast ein Viertel der Arbeitnehmer bis zu 67 Stunden Arbeit pro Woche zulässig, schätzt das Staatssekretariat für Wirtschaft.

Doch möglicherweise werden es bald noch mehr sein, die unter die gelockerten Regeln fallen. Der Spitalverband H+ nährte bei einer Anhörung in der ständerätlichen Wirtschaftskommission (WAK) vom Dienstag solche Befürchtungen der Reformgegner. Der Spitalverband forderte eine möglichst schnelle Umsetzung der Reform. Zudem sieht H+ die vorliegende Reform nur als ersten Schritt, wie Conrad Engler, Leiter Politik bei H+, gegenüber dieser Zeitung sagt.

Die Reform der WAK sollte deshalb möglichst rasch auf dem Verordnungsweg umgesetzt werden – und nicht per Gesetz. Damit wäre das von den Gewerkschaften angedrohte Referendum nicht möglich. Engler begründet die Eile damit, dass rasch Erfahrungen mit neuen Jahresarbeitszeitmodellen gesammelt werden sollen.

50-Stunden-Woche hart erkämpft

Für den Spitalverband ist zwar klar, dass mit der in der Ständeratskommission diskutierten Vorlage die längeren Höchstarbeitszeiten nicht auf das Pflegepersonal sowie die Assistenz- und Oberärzte angewendet werden können. Doch der Spitalverband fordert in einem zweiten Schritt eine weiter gehende Gesetzesrevision. «Mit dieser sollen dann die neuen Arbeitsregeln auch für weitere Berufsgruppen ermöglicht werden», sagt Engler. Dazu gehörten auch solche mit einer 50-Stunden-Woche. 

«Schon heute sind wir mit dem Problem konfrontiert, dass die geltende 50-Stunden-Woche in den Spitälern immer wieder überschritten wird.»Anja Zyska, Verband der Assistenz- und Oberärzte

Eine wöchentliche Höchstarbeitszeit von 50 Stunden gilt heute im Gesundheitsbereich für die Assistenz- und Oberärzte sowie das Pflegepersonal. Für Letzteres dürfte eine Flexibilisierung rechtlich schwierig sein, weil Pflegende meist nach Dienstplan arbeiten und ihre Arbeitszeit nicht frei einteilen können. Das gilt zwar auch für die Spitalärzte, dennoch bekämpft der Verband der Assistenz- und Oberärzte (VSAO) die Vorlage der Ständeratskommission. «Wir haben Bedenken, dass sowohl Assistenz- und Oberärzte wie auch viele andere Arbeitnehmer von den längeren Arbeitszeiten betroffen wären», sagt VSAO-Präsidentin Anja Zyska. «Schon heute sind wir mit dem Problem konfrontiert, dass die geltende 50-Stunden-Woche in den Spitälern immer wieder überschritten wird.» Die 50-Stunden-Woche und die Unterstellung unter das Arbeitsgesetz hätten sich die Assistenz- und Oberärzte hart erkämpfen müssen.

Das Fehlerrisiko steigt

Der Arbeitsdruck sei bereits heute hoch, sagt Zyska. Werde dieser durch längere Wochenarbeitszeiten noch grösser, wirke sich das nicht nur negativ auf das Befinden der Ärztinnen und Ärzte aus. Es steige auch das Fehlerrisiko und damit das Risiko für die Patienten. «Jahresarbeitszeiten dienen den Arbeitgebern, weil sie eine möglichst schrankenlose Verfügbarkeit des Personals ermöglichen. Für die Angestellten bedeutet das nicht mehr Freiheit, sondern schlechtere Planbarkeit und die Aufhebung der Grenzen zwischen Arbeit, Privat- und Familienleben.»

«Wochenarbeitszeiten von bis zu 67 Stunden wären das Gegenteil von attraktiveren Arbeitsbedingungen.»Yvonne Ribi, Berufsverband der Pflegefachleute

Auch der Berufsverband der Pflegefachleute (SBK) will sich gegen eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten wehren, falls H+ dies für das Pflegepersonal fordere. «Wochenarbeitszeiten von bis zu 67 Stunden wären das Gegenteil von attraktiveren Arbeitsbedingungen, wie sie der SBK mit seiner Pflegeinitiative anstrebt», sagt Geschäftsführerin Yvonne Ribi. 

Engler widerspricht den Bedenken und preist die Vorteile der Flexibilisierung. Diese würde zwar den betrieblichen Erfordernissen der Spitäler entsprechen, aber auch den Bedürfnissen vieler Arbeitnehmer. Gerade Jüngere wünschten sich flexible Arbeitszeitmodelle. Engler ist überzeugt, dass die Flexibilisierung nicht zu den befürchteten Gesundheitsschäden führt, da im Jahresdurchschnitt die wöchentliche Arbeitszeit nicht erhöht werden dürfe. Zudem sei ein erweiterter Gesundheitsschutz vorgesehen. Wenn Überzeit an einem Stück kompensiert werden könne, sei dies gerade für Eltern und Junge attraktiv.

Der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) ist alarmiert durch die Forderungen des Spitalverbandes. Die Aushebelung der geltenden 45-Stunden-Woche per Verordnung sei rechtlich unzulässig, sagt SGB-Zentralsekretär Luca Cirigliano. Die Forderung des Spitalverbandes, die Reform rasch per Verordnung umzusetzen, entlarve zudem die wahren politischen Absichten. «Es zeigt, wohin die Reise gehen soll. Wenn die 67-Stunden-Woche erst einmal für leitende Angestellte und jene mit einem höheren Bildungsabschluss möglich ist, warum soll sie dann aus Sicht der Arbeitgeber nicht auch bald für alle anderen gelten?» 

Erstellt: 22.01.2020, 06:35 Uhr

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