Kontoauszüge zeigen: Das sind Maudets Spender

Fast 400'000 Franken gaben Spender Pierre Maudet für Wahlkämpfe. Ein Kreis von Unternehmern zeigte sich besonders grosszügig.

140'000 Franken auf dem Konto, noch bevor er kandidierte: Pierre Maudet vor der Wahl zum Staatsrat im April 2018.

140'000 Franken auf dem Konto, noch bevor er kandidierte: Pierre Maudet vor der Wahl zum Staatsrat im April 2018.

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Bescheiden tritt Pierre Maudet selten auf. Auch nicht, als seine Lügen über eine Reise nach Abu Dhabi bekannt wurden. «Ich bin ein Mann der Macht», verteidigte sich der Genfer in einem TV-Interview. Und ergänzte sogleich: «Ich bin kein Mann des Geldes.»

Für das Verhältnis von Macht und Geld bei Pierre Maudet interessiert sich nun die Genfer Staatsanwaltschaft. Sie hat die Kontoauszüge seines Unterstützungsvereins, der «Association de soutien à Pierre Maudet». Auch dieser Zeitung liegen sie vor. Die Dokumente belegen: Um Geld für seine Wahlkämpfe musste sich der 40-Jährige in den letzten Jahren nie Sorgen machen. Zwischen 2012 und 2018 flossen Maudet rund 393'000 Franken zu. Privatbankiers, Immobilien- und Hotelunternehmer und Private zahlten ihm Zehntausende von Franken. Einzelne überwiesen mehrfach hohe Beträge. Die Staatsanwaltschaft wird vor allem eine Frage klären müssen: Hat Maudet seinen Geldgebern etwas zurückgezahlt? Falls ja, in welcher Währung? Für Maudet gilt die Unschuldsvermutung.

Rückblende: Genf am 2. April 2012 um 19 Uhr. Der FDP-Vorstand der Stadt Genf trifft sich zu einer Sitzung. Auch Pierre Maudet ist da. Es geht um viel: Es bietet sich die Chance, Shootingstar Maudet von der Genfer Stadtregierung in den Staatsrat zu befördern. Wenige Wochen zuvor war Mark Muller (FDP) aus der Kantonsregierung zurückgetreten. Er hatte sich in einem Nachtclub mit einem Barmann geprügelt.

«Ich gebe zu, gelogen zu haben»: Pierre Maudet entschuldigte sich an der FDP-Generalversammlung für seine Lüge und sein Fehlverhalten. Video: SDA

«Die Maschine wird sich sofort in Bewegung setzen», versprechen die Parteigrössen der städtischen FDP. Man wolle für Maudet «in den Strassen trommeln», heisst es im Sitzungsprotokoll. Die Versammlung beschliesst, als Anschubfinanzierung seines Wahlkampfs 20'000 Franken zu überweisen. Maudets Wahlkampf ist informell lanciert.

Schon am 31. März 2012 gründete er den Unterstützungsverein Pierre Maudet. Maudet amtet als Sekretär. Am 10. April eröffnet der Verein ein Konto bei Postfinance. Als die 20'000 Franken der FDP auf dem Konto eintreffen, liegt da bereits anderes Geld: 2500 Franken. Eine Überweisung von der Genfer Kommunikationsagentur «Cabinet privé de conseils». In den nächsten Tagen fliesst weiter Cash: 10'000 Franken von der Immobilienfirma Valartis, 30'000 Franken von der Genfer Hotelkette Manotel, 30'000 Franken von Privatbankier Bénédict Hentsch, gar 45'000 Franken aus einer Kampagnenkasse «Zirkel Fazy-Favon» der radikalen Partei, die Maudet kontrolliert. Noch ist Maudet nicht einmal offiziell Kandidat der FDP. Aber auf seinem Konto liegen 140'000 Franken. Und es kommt immer mehr Geld.

Viel Geld aus einem kleinen Kreis

Eine Analyse der Zahler zeigt, dass es sich um einen kleinen, vertrauten Kreis von Unterstützern handelt. Viele Drähte laufen beim Genfer Lobbyisten Philippe Eberhard zusammen. Die von ihm gegründete Agentur «Cabinet privé de conseils» hat die erste Einzahlung getätigt. Auch die nächsten Spender, die fünfstellige Beträge überweisen, haben Beziehungen zu Eberhard. Bei der Immobilienfirma Valartis ist Eberhards Freund und einstiger Förderer Alain Rolland Verwaltungsrat. Rolland war Eberhards erster Kunde, als er seine Kommunikationsagentur gründete. Die Hotelkette Manotel wiederum ist heute Kundin von Eberhards Agentur. Gemäss Staatsanwaltschaft hat die Hotelgruppe 105'000 Franken an Maudets Unterstützungsverein und den «Zirkel Fazy-Favon» überwiesen und Pierre Maudet zu dessen 40. Geburtstag eine grosse Party für 200 Gäste finanziert. Die Kosten: 20'000 Franken.

Warb Eberhard bei Manotel und Alain Rolland für Spenden an Maudet? «Niemals», antwortet Philippe Eberhard. Über seine eigene Spende sagt Eberhard: «Diese Vorgehensweise ist üblich und legal. 2012 war ich überzeugt: Dieser Mensch ist brillant für Genf.» Pierre Maudet schreibt, Eberhard habe für seinen Unterstützungsverein keine Gelder gesucht. «Ich unterhalte per­sönliche Kontakte zu den Verantwortlichen bei ­Manotel und Valartis. Das ist kein Geheimnis», so der Staatsrat. Die Manotel-Überweisungen von bis zu 30'000 Franken sind für Maudet «Standardsummen».

Maudet war noch nicht offizieller Kandidat. Doch auf seinem Konto lagen schon 140'000 Franken.

Fühlte sich Pierre Maudet gegenüber Eberhard zu Gegenleistungen verpflichtet? Auch diese Frage verneint Maudet. In keinster Weise habe er sich verpflichtet gefühlt, umso mehr, als die Spende von Eberhard bescheiden gewesen sei und sieben Jahre zurückliege.

Wenn die Genfer Staatsanwaltschaft die Beziehungen zwischen Maudet und seinen Spendern analysiert, wird sie die Personalie Eberhard dennoch genau anschauen. Der Grund sind Aufträge wie jener, den Eberhards Agentur 2018 bei der Greater Geneva Bern area (GGBa) erfüllte. Pierre Maudet ist Präsident der GGBa, einem Büro zur Standortförderung der Westschweizer Kantone. Eberhard sagt auf Anfrage aber: «Wir haben nie ein Mandat von Herrn Maudet erhalten. Wir arbeiten für den Unternehmenssektor.» Maudet wiederum erklärt, das Mandat an Eberhard sei noch unter seinem Vorgänger, dem Neuenburger Staatsrat Jean-Nathanaël Karakash, vergeben worden. Maudet war damals Vizepräsident der GGBa. Auf Anfrage kennt Karakash aber weder Eberhard, noch wäre ihm präsent, dass man dem Genfer ein Mandat erteilte. Er kenne aber auch nicht jedes Mandat, das vergeben werde, schiebt der Neuenburger nach. Sicher ist: Eine Ausschreibung für den Auftrag gab es nicht.

Maudets grosser Einsatz für Uber

Auch ein anderes Mandat wirft Fragen auf. Eberhard ist Berater des Fahrdienstunternehmens Uber. Maudet wiederum hat sich in der Politik dafür starkgemacht, kantonales Recht so zu ändern, dass Uber in Genf Fuss fassen kann. Lobbyist Eberhard sagt: «Über das Taxigesetz hat letztlich das Parlament entschieden. Pierre Maudet war nicht die direkte Ansprechperson.» Maudet wiederum verschweigt nicht, dass es beim Dossier Uber Sitzungen gab und damit Nähe zwischen seinem Departement und Eberhard. Eine Liebesgeschichte war das gemäss Maudet nicht. Seine Leute hätten sich an Uber und Eberhards Agentur abgemüht, sagt er.

Den Unterstützungsverein Pierre Maudet gibt es nicht mehr. Der Vorstand hat ihn aufgelöst, das Spendenkonto im Februar 2018 geschlossen, einige Wochen vor den Genfer Wahlen vom vergangenen Jahr, in welchen Maudet ein sensationelles Ergebnis erzielte. Maudet begründet die Auflösung damit, dass er bereits wusste, dass er den Verein nicht mehr benötigen würde: «Ich beschloss, dass das mein letzter Wahlkampf sein würde.» Die Aussage irritiert: Auch weil Maudet erst im April 2018 als Staatsrat bestätigt wurde. Zum Zeitpunkt der Vereinsauflösung führte die Staatsanwaltschaft wegen seiner Reise nach Abu Dhabi und dem Verdacht auf Vorteilsannahme bereits ein Strafverfahren – gegen unbekannt, aber mit Maudet als Auskunftsperson.

Doch selbst die Abwicklung des Vereins erfolgte unter zweifelhaften Umständen. Der Präsident des Vereins, ein Weggefährte Maudets und Chefauditor der Genfer Kantonsverwaltung, kümmerte sich um das Vereinsvermögen von 57'008 Franken und 65 Rappen. Er überwies die Summe in fünf Tranchen auf das Privatkonto von Pierre Maudet. ­Anwalt und FDP-Nationalrat Christian Lüscher äusserte jüngst die Meinung, dass das Vorgehen mit Techniken beim Verüben von Finanzdelikten zu vergleichen sei. Maudet sagt, im Juli 2018 habe er 50'000 Franken in die Kasse der FDP Genf bezahlt. Spät also, und mit einigen Schwierigkeiten. Die FDP-Parteileitung wollte wissen, wer das Geld ursprünglich gespendet hatte. Pierre Maudet entschied, es als persönliche Privatspende zu deklarieren.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 24.01.2019, 22:22 Uhr

«Spenden beeinflussen Politiker»

Der Unterstützungsverein für Pierre Maudet war bei den Steuerbehörden nicht gemeldet. Das bestätigte Maudet in einem Interview mit Radio RTS. Das sei nicht schlimm, so Maudet. Eine Steuerpflicht hätte gemäss Recherchen dieser Zeitung aber bestanden. Um eine Steuerbefreiung hätte Maudet ersuchen müssen. Spenden von bis zu 30'000 Franken bezeichnet Pierre Maudet als «gängige Praxis». Martin Hilti, Geschäftsführer der NGO Transparency International Schweiz, ist anderer Meinung. «Wahlkampfspenden in dieser Höhe sind sehr hoch», sagt er. Leider könne «nur spekuliert werden, inwieweit sie Einzelfälle darstellen, da die Schweizer Parteien und Politiker als Einzige in Europa ihren Wählern darüber keine Rechenschaft abliefern müssen.» Hilti ist sicher: «Geld beeinflusst, sonst würden kaum Wahlkampfspenden geleistet.» Es sei deshalb zentral, dass auch in der Schweiz Grossspenden offengelegt würden. (phr)

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