«Konzerne nehmen Regierungen in Geiselhaft»

Unia-Vorstand Corrado Pardini bezeichnet die abgewendete Schliessung des Novartiswerks in Nyon als historisches Ereignis. Im Interview sagt der Gewerkschafter, wie solche Eskalationen in Zukunft verhindert werden sollen.

In Nyon wird heute Abend gefeiert: Das Novartiswerk bleibt definitiv in Betrieb.

In Nyon wird heute Abend gefeiert: Das Novartiswerk bleibt definitiv in Betrieb. Bild: Keystone

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Herr Pardini, welches Fazit ziehen Sie aus dem Fall Prangins?
Die Sache ist für uns ein totaler Erfolg. Die Belegschaft eines kleinen Standorts wehrte sich erfolgreich gegen die Beschlüsse eines Riesenkonzerns. Der «Goliath» wurde durch einen Streik zur Aufrechterhaltung eines Standorts gezwungen – ein einmaliges Ereignis in der Schweizer Wirtschaftsgeschichte.

Bleibt angesichts der Zugeständnisse kein schaler Nachgeschmack?
Man muss sich zurückbesinnen, wie diese Auseinandersetzung begonnen hat: Novartis vermeldete im Oktober gleichzeitig Milliardengewinne, kündigte Entlassungen in Basel an und gab die baldige Schliessung des Werks in Nyon bekannt. Die Empörung war gross – dass die Schliessung verhindert werden könnte, hat damals niemand gedacht.

Was hat den Ausschlag gegeben?
Durch die Streiks wurde die Angelegenheit bei Novartis zur Chefsache erklärt. Entscheidend war die Solidarisierung aller Angestellten, «white collars» und «blue collars» haben an einem Strang gezogen. Hinzu kam, dass der Waadtländer Regierungsrat zu hundert Prozent dieselbe Forderung gestellt hat wie Unia: Dass der Standort Prangins erhalten bleiben muss.

Ebendiese Regierung ist Novartis aber stark entgegengekommen. Stört Sie das nicht?
Doch. Es regt zum Nachdenken an, wenn Milliardenkonzerne lokale Regierungen durch die Androhung von Auslagerungen in Geiselhaft nehmen können und sich ihren Verbleib in der Region durch Steuererleichterungen vergolden lassen. Ich möchte klarstellen, dass ich hinter der jetzt gefundenen Lösung stehe – aber in der Zukunft muss dieses Verhältnis neu überdacht werden.

Was ist zu tun?
Wir müssen uns freikaufen von der angesprochenen Geiselhaft der Unternehmen. Dies geht nur durch eine schweizweite Harmonisierung der Steuerpolitik. Solange es den Steuerwettbewerb zwischen Kantonen und Gemeinden gibt, werden lokale Körperschaften unter Druck stehen, gegenüber den Forderungen von Unternehmen einzulenken.

Welche Bedeutung hat der Fall Novartis für die Sozialpartnerschaft?
Solch ein Streik wäre vor einigen Jahren undenkbar gewesen – vor allem, was die Allianz zwischen Kader und Belegschaft betrifft. Aber auch die Unterstützung der Politik ist exemplarisch: Freisinnige Kreise haben sich für die Sache engagiert und uns schliesslich für den erfolgreichen Arbeitskampf beglückwünscht. Man muss sich das einmal vorstellen: Noch vor einigen Jahren hat der Waadtländer Volkswirtschaftsdirektor (Philippe Leuba, Anm. der Red.) Streiks als des Teufels Werk bezeichnet.

Offenbar ändert sich hier etwas Grundlegendes.
Seit 1937 kennt die Schweiz ein Friedensabkommen zwischen Arbeitnehmern und Unternehmen. Dieser Pakt bildet die Basis der Sozialpartnerschaft zwischen Arbeit und Kapital: Produktivitätsfortschritte werden mit der Belegschaft geteilt, Gewerkschaften verpflichten sich zum Streikverzicht. Im Zuge des aufkommenden Finanzkapitalismus wurde dieser Vertrag jedoch gekündigt – jetzt kommt die Zeit, ihn neu zu verhandeln.

Wie sollen Streiks und Boykottaufrufe künftig vermieden werden?
Unserer Ansicht nach müsste es eine Pflicht für Unternehmen geben, in Krisenfällen der Belegschaft sämtliche relevanten Dokumente zur Verfügung zu stellen. Teile der Belegschaft – inklusive Kader – müssen zudem Zeit erhalten, Vorschläge auszuarbeiten. Diese Vorschläge müssten von Unternehmen zwingend geprüft werden, falls nötig auch von externen Stellen. Beim Fall des norwegischen Papierkonzerns Borregaard (schloss 2008 im Solothurnischen Riedholz eine Anlage, Anm. d. Red) ging die Gewerkschaft beispielsweise bis vors Bundesgericht, erhielt aber dennoch keine Einsicht in Unternehmensdokumente. Auch die eingereichten Lösungsvorschläge wurden nicht beachtet.

Werden sich Standortkämpfe mit Grosskonzernen häufen?
Ja – wenn wir den Sozialpakt in der Schweiz nicht auf eine neue Ebene heben. Als Gewerkschaften arbeiten wir deshalb nicht nur innerhalb von Betrieben, sondern versuchen auch, die politische Arbeit voranzutreiben.

Erstellt: 20.01.2012, 16:00 Uhr

Zur Person

Corrado Pardini ist im Vorstand der Gewerkschaft Unia zuständig für den Sektor Industrie. Der 46-Jährige ist SP-Nationalrat für den Kanton Bern.

Chronologie der Ereignisse

Am 25. Oktober gibt Novartis bekannt, den Produktionsstandort für nicht verschreibungspflichtige Medikamente in Prangins bei Nyon zu schliessen. In der Folge kommt es zu Protesten, die Bevölkerung solidarisiert sich mit den Beschäftigten. Waadtländer Ärzte drohen mit einem Boykott von Novartis-Medikamenten, auch die Anlegerstiftung Ethos meldet Bedenken an.

Am 1. November verabschiedet der Waadtländer Grossrat eine Resolution, in der das Parlament seine Unterstützung im Kampf um den Erhalt der Arbeitsplätze in Nyon zusichert. Politiker aus der Waadt setzen sich mit Novartis in Verbindung, um die Schliessung zu verhindern.

Am 16. November kommt es zu einem eintägigen Warnstreik. Die Mitarbeiter und Gewerkschaften fühlen sich von Novartis nicht ernst genommen.

Am 18. November besucht Novartis-Chef Joe Jimenez das Werk in Prangins, um sich mit dem Personal zu treffen.

Im Dezember stimmt Novartis der Ausarbeitung eines Rettungsplans zu. 30 Angestellte werden dafür freigestellt. Kurz vor Weihnachten präsentieren sie der Direktion auf 80 Seiten über 100 Vorschläge zur Neuorganisation des Betriebs.

Am 16. Januar wird bekannt gegeben, dass Novartis den Standort Nyon aufrechterhält. Über die Erhaltung der 320 Stellen hinaus sollen in Nyon rund 40 Mio. Franken investiert werden. Im Gegenzug verzichtet die Belegschaft auf Lohnerhöhungen, zudem wird eine Arbeitszeitverlängerung von 37,5 auf 40 Wochenstunden beschlossen. Der Kanton Waadt sichert Novartis Steuererleichterungen zu und nimmt eine für den Konzern gewinnbringende Landumzonung vor.

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