Hintergrund

Krach wegen neuem IT-System bei der Arbeitslosenversicherung

Das Bundesamt für Informatik hat für die Arbeitsvermittlung ein fehlerhaftes EDV-System gebaut. Nun braucht es einen Nachtragskredit. Szenen einer IT-Schlacht zwischen Bund, Kantonen und Zulieferern.

Instabiles System, funktionsuntüchtiges Maching: Die Nutzer des neuen Informatiksystems der RAVs schlagen sich mit IT-Prolemen rum.

Instabiles System, funktionsuntüchtiges Maching: Die Nutzer des neuen Informatiksystems der RAVs schlagen sich mit IT-Prolemen rum. Bild: Schaad

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Die Einführung des neuen Informationssystems Avam sorgt seit mehreren Jahren für Ärger. Bereits nach der Vergabe eines grossen Teilauftrags zur Programmierung leitete das Finanzdepartement eine Administrativuntersuchung beim Bundesamt für Informatik und Telekommunikation (BIT) ein. Der externe Gutachter stellte fest, dass zwei BIT-Mitarbeiter «enge Beziehungen zur Gewinnerin» hatten und dass bei der Auftragsvergabe «zahlreiche Fehler» gemacht worden seien. Weil strafrechtlich aber nichts vorlag, erhielt die fragliche Firma den Auftrag dennoch.

Im September 2008 hätte das BIT als Generalunternehmerin unter Federführung des Seco das veraltete System aus den 90er-Jahren dann ersetzen sollen. Doch schon der Einführungstermin platzte. Volkswirtschaftsministerin Doris Leuthard begründete die Verzögerung so: «Das Datenmanagement-System konnte bis vor kurzem nicht stabilisiert werden.» Der Kernteil des Systems also, auf dem die 3800 Nutzer in den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) die Dossiers der Stellensuchenden und der Arbeitgeber hätten verwalten sollen, funktionierte nicht.

Wöchentliche Totalabstürze

Kurz, nachdem Avam im Juni 2009 schliesslich eingeführt wurde, ging teilweise gar nichts mehr. «Man spickte raus, kam nicht mehr rein, und allfällig erfasste Daten oder Dokumente waren wieder weg», sagt eine RAV-Beraterin. Das System ist teils wöchentlich für längere Zeit abgestürzt. Statt die Kunden zu beraten, mussten sich die RAV-Angestellten mit IT-Problemen herumschlagen.

Im Oktober 2009 – auf dem Höhepunkt der Krise – musste Serge Gaillard als Seco-Verantwortlicher beim Verband der Arbeitsämter vorsprechen. Diese verlangten einen Plan B. Gaillard versprach, die Probleme bis Januar 2010 zu lösen. Wieder Fehlanzeige. Obwohl zusätzlicher Speicherplatz und Prozessoren bereitgestellt wurden, kam es weiterhin zu Ausfällen. Zwar sind gemäss Seco heute 80 Prozent der Nutzer mit der Zuverlässigkeit zufrieden. Doch ist das System weiter fragil.

System musste ausgebaut werden

Am 1. Oktober musste das Seco einen Nachtragskredit von 4,4 Millionen Franken beantragen, womit die Kosten für das Projekt auf über 60 Millionen steigen. Im formellen Antrag für den Nachtragskredit heisst es ironischerweise, dass das – notabene unzuverlässige – System so intensiv genutzt worden sei, dass man Ausbauten von Systemressourcen habe vornehmen müssen, um die Stabilität zu garantieren.

Schuld auf IBM geschoben

Gegenüber dem TA macht das Seco indes nicht fehlende Systemressourcen für die Abstürze verantwortlich, sondern eine Software, die das BIT bei IBM zugekauft habe. Die Reaktion von IBM: «Wir verwahren uns gegen den Vorwurf, unsere Software WebSphere sei für die erwähnten Probleme verantwortlich», so Sprecherin Susan Orozco. Offenbar hat der Computerkonzern beim Seco interveniert. Jedenfalls überarbeitete dieses kurz nach der Anfrage des TA bei IBM seine Antworten. Das Problem sei «die Komplexität beim Zusammenspiel verschiedener Hardware- und Softwarekomponenten» gewesen.

Über 100 Fehler programmiert

Die Stabilität des Systems ist nicht das Einzige, was die Nutzer kritisieren. Das Matching – die automatische Zuordnung von Stellensuchenden auf freie Stellen – funktioniere nicht, weil man mit vernünftigem Aufwand gar nicht alle Daten eingeben könne, die das System benötige. Damit erfülle Avam eine zentrale Aufgabe nicht, sagen mehrere angefragte RAV-Berater.

Das Seco widerspricht, Das Matching funktioniere. Aber: «Die Funktion ist neu und im Vollzug nicht in genügender Tiefe geschult worden. Dies wurde und wird weiter nachgeholt.» Neben dem Matching haben die RAV-Verantwortlichen in einer Arbeitsgruppe seit der Einführung über 100 Fehler beanstandet und Verbesserungen gefordert, was das Seco bestätigt: «Das trifft zu und ist erwünscht. Die Arbeitsgruppe wurde vom Seco einberufen.»

Weitere Beschaffung gestoppt

Neben unzufriedenen RAV und einer verärgerten IBM muss sich das Seco wegen der Systemerneuerung auch mit acht Arbeitslosenkassen aus der Westschweiz herumschlagen. Wie die Arbeitsvermittlungszentren sollen auch sämtliche Kassen ein Datenmanagementsystem auf der Basis von Filenet erhalten. Die acht Kassen wollen aber ihre alte Groupdoc-Software behalten.

Ein Vertreter einer der Kassen hält die Filenet-Lösung für Verschwendung: «Die alte Software kompatibel zu machen, würde fünf Millionen kosten. Der Kostenvoranschlag für Filenet liegt zwischen 12 und 37 Millionen.» Weil die acht Kassen nicht wollen, dass der ALV-Fonds auch noch dafür aufkommen muss, haben sie bei der Aufsichtskommission des Fonds interveniert. Mit Erfolg: Vorerst ist die Einführung von Filenet bei den Kassen aus finanziellen Gründen gestoppt. In den Worten des Seco: «Da die gestellten finanziellen Rahmenbedingungen gemäss dem aktuellen Projektantrag noch nicht eingehalten werden, wurde die Einführung von Filenet bei den Arbeitslosenkassen von der Aufsichtskommission des Fonds der ALV noch nicht freigegeben.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.10.2010, 22:17 Uhr

Neukonzeption Avam

Papierlose Dossierverwaltung

Die Neukonzeption des Informationssystems für Arbeitsvermittlung und Arbeitsmarktstatistik (NK-Avam) ersetzt die alten Datenbanken und die Software aus den frühen 90er-Jahren. Mit dem neuen Avam werden einerseits die statistischen Daten erhoben, andererseits die Dossiers der arbeitslosen Arbeitnehmer und der Stellenanbieter vollkommen papierlos verwaltet. Mit Avam arbeiten die Regionalen Arbeitsvermittlungszentren und die kantonalen Ämter für Wirtschaft und Arbeit. Über eine Schnittstelle ist es mit dem Auszahlungssystem Asal der Arbeitslosenkassen verbunden. (thi)

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