Krätze in Asylzentren: Behandlung ohne Untersuchung

Hautärzte verschreiben den Flüchtlingen ein Medikament, das nicht zugelassen ist. Meist ohne die Betroffenen überhaupt zu sehen.

Zwei Asylsuchende in der Zivilschutzanlage in Dagmersellen.

Zwei Asylsuchende in der Zivilschutzanlage in Dagmersellen. Bild: Anthony Anex/Keystone

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In vielen Schweizer Asylzentren grassiert derzeit die Krätze. Bei der Hautkrankheit bohren sich Milben in die Oberhaut, legen dort Kot und Eier ab. Die Folge ist ein Ekzem mit starkem Juckreiz. Laut einem Bericht der «SonntagsZeitung» sind besonders in den Kantonen Aargau, Thurgau, Tessin und Bern viele Unterkünfte betroffen. Da die Krätze ansteckend ist, sind oft Dutzende Personen gleichzeitig betroffen.

Doch die Krankheit selbst ist nicht das einzige Problem. Die «SonntagsZeitung» schreibt, dass manche Aargauer Hautärzte sich inzwischen weigern, Flüchtlinge mit Krätze zu behandeln. Thomas Gutersohn ist Hautarzt im aargauischen Zofingen, war bis 2012 Präsident des Aargauer Dermatologenverbandes und ist jetzt Bezirksärztepräsident. Er sagt, er wisse nicht, ob einer seiner 23 Berufskollegen tatsächlich die Behandlung eines Flüchtlings verweigert habe. Es gäbe aber mehrere Gründe, welche die Krätze-Behandlung bei Asylbewerbern und Flüchtlingen für Ärzte riskant machen.

Das wirksame Krätze-Medikament Ivermectin ist in der Schweiz nämlich gar nicht zugelassen. Je nach Kanton müsse der Arzt oder der Apotheker - auf Rezept - das Medikament über die internationale Apotheke importieren. Das sei ein rechtlicher Graubereich. Tatsächlich möchte man beim BAG den Zugang zu Ivermectin für die Ärzte erleichtern, was aber nicht einer Zulassung entspricht. Die Ärzte verschreiben also weiterhin ein nicht zugelassenes Medikament – und dies laut Gutersohn oft unter sehr unübersichtlichen Umständen.

Nur eine Person kommt vorbei

«Meist kommt nur eine betroffene Person aus der Asylunterkunft in der Praxis vorbei, als Symptomträger», sagt Gutersohn. Verschreiben müsse er das Medikament dann aber für 10-20 Personen, je nachdem, wie gross die Schlafgemeinschaft ist. «Das ist aus mehreren Gründen problematisch», sagt Gutersohn. «Eigentlich müssten alle Patienten darüber aufgeklärt werden, dass dies ein Medikament ist, das in der Schweiz gar nicht zugelassen ist.» Da er aber nicht alle Erkrankten sehe und die Kommunikation ohne Übersetzer schwierig sei, könne er diese Pflicht nicht erfüllen. «Ich glaube auch nicht, dass die Mitarbeiter der Asylunterkünfte alle Patienten darüber aufklären, dass das Medikament eigentlich nicht zugelassen ist.» Zudem müssten alle das Medikament gleichzeitig einnehmen und anschliessend Kleidung und Bettwäsche bei 60 Grad gewaschen werden. «Ob dies wirklich machbar ist, bleibt fraglich», sagt Gutersohn.

Balz Bruder, Sprecher des kantonalen Gesundheitsdepartements, sagt dazu, dass sich die Asylunterkünfte an ein Handlungsmanagement halten, welches mit der Dermatologie des Kantonsspitals Aarau erarbeitet worden ist. «Das funktioniert gut.» Ohne die Diagnose eines Arztes werde das Medikament nicht abgegeben. «Aber wenn alle 60 Asylsuchenden einer Unterkunft dieselben Symptome zeigen, macht es wenig Sinn, sie alle noch einzeln auf Krätze untersuchen zu lassen.» Bruder betont zudem, dass es im Kanton Aargau nicht mehr Fälle von Krätze gäbe als in anderen Regionen.

«Aus unserer Sicht funktioniert die Zusammenarbeit mit den Haus- und Hautärzten gut», sagt Bruder. Nach der Diagnose gehöre es zu den Betreuungsaufgaben der Mitarbeiter einer Asylunterkunft zu überprüfen, ob die Betroffenen das Medikament richtig einnehmen. Darüber, dass das Ivermectin in der Schweiz nicht zugelassen ist, würden sie nicht informiert. «Die Abgabe des Medikaments ist unbedenklich», sagt Bruder und weist darauf hin, dass es in Deutschland und Frankreich zugelassen ist.

«Was passiert, wenn ein Flüchtling einen Tag nach der ersten Einnahme des Medikaments einen Herzinfarkt hat?», sagt Gutersohn. «Als Arzt trägt man in einer solchen Situation das volle juristische Risiko.» Er sehe meist nur einen Betroffenen aus der Unterkunft ein einziges Mal und könne nicht kontrollieren, ob die Medikamente danach von den anderen auch richtig eingenommen würden. Die Ivermectin-Menge wird anhand des Körpergewichts berechnet. Ausserdem dürfen Schwangere und Kinder unter fünf Jahren das Medikament nicht einnehmen, sondern müssen auf die Hautcreme Permethrin 5% ausweichen, die ebenfalls nicht zugelassen ist.

Patienten müssen selber zahlen

Die Zulassung von Ivermectin und Permethrin 5% wird laut Gutersohn von der Schweizerischen Gesellschaft für Dermatologie und Venerologie schon seit 15 Jahren gefordert, doch das BAG habe nichts unternommen. «Und das, obwohl wir seit Jahren immer wieder Krätze-Epidemien haben. Ich habe zeitweise täglich einen Betroffenen in der Praxis.» Bund und Kantone würden es sich in dieser Angelegenheit zu einfach machen, sagt Gutersohn. «Ihre Botschaft scheint zu sein: Macht einfach weiter so.» Da das Medikament nicht zugelassen ist, wird es nicht von den Krankenkassen übernommen. Das heisst, die Flüchtlinge und Asylbewerber müssen es selbst bezahlen – falls sie das können.

Thomas Gutersohn sagt, er könne sich vorstellen, dass manche Berufskollegen das heikle Medikament unter diesen Umständen nicht mehr verschreiben wollten und die Asylbewerber und Flüchtlinge direkt ans Kantonsspital weiterleiteten. Er selbst habe schlicht keine Zeit, selbst in den Asylunterkünften vorbeizugehen und alle Betroffenen zu untersuchen. Er habe zudem die Erfahrung gemacht, dass 50 Prozent der angemeldeten Asylbewerber und Flüchtlinge mit Krätze nicht zum vereinbarten Termin erscheinen.

«Dabei ist der Leidensdruck durch den starken Juckreiz nicht zu unterschätzen», sagt Gutersohn. Es gebe in Kriegs- und Katastrophengebieten auch Personen, die durch Infektionen der Kratzwunden sterben. «Umso mehr überrascht es mich, dass Bund und Kantone so lange nichts tun in dieser Angelegenheit.» Das BAG sagte gegenüber der «SonntagsZeitung», dass eine Arbeitsgruppe das Problem im Herbst angehen werde. Ziel sei es, den Zugang zum Medikament zu erleichtern, sodass die Ärzte es nicht mehr selbst importieren müssen. Eine Zulassung von Ivermectin wurde bisher nicht angekündigt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.09.2015, 17:38 Uhr

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