Kranke Kinder werden immer teurer

Kinderspitäler klagen über Defizite und pochen auf eine bessere Vergütung ihrer Leistungen. Die Krankenkassen wehren sich vehement.

Kindermediziner klagen seit langem über ungedeckte Auslagen und wachsende Defizite.

Kindermediziner klagen seit langem über ungedeckte Auslagen und wachsende Defizite. Bild: Keystone

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Es sind Geschichten, die einen ans Herz rühren: Frühgeborene, die nur dank elterlicher Liebe und Rundumeinsatz der Ärzte überleben, schwer kranke Neugeborene, die auf intensive Pflege und modernste medizinische Technik angewiesen sind. Allkids, der Interessenverband der Schweizer Kinderspitäler, macht derzeit gerne mit solchen Berichten in Medien auf die Leistungen der Kinder- und Jugendmedizin aufmerksam. Denn wenn nächste Woche die Politiker ins Bundeshaus zurückkehren, wird ein handfestes Anliegen der Branche verhandelt: eine «kostendeckende Finanzierung der Kinderspitäler». Unter diesem Titel haben gleich vier Kantone (SG, ZH, BS, BL) Standesinitiativen mit identischer Forderung eingereicht. Diese stehen am Montag auf der Traktandenliste der ständerätlichen Gesundheitskommission.

Tatsächlich klagen die Kindermediziner seit langem über ungedeckte Auslagen und wachsende Defizite. Wie am Wochenende publik wurde, verzeichneten die sechs grossen Schweizer Kinderspitäler (Zürich, Basel, Bern, St. Gallen, Lausanne, Genf) 2018 ein Minus von 60 Millionen Franken – und dies allein bei ambulanten Behandlungen, also solchen ohne Übernachtung im Spital. «Die moderne Kindermedizin ist eine Erfolgsgeschichte. Bloss kosten darf sie nichts», resümiert der «SonntagsBlick» – und zitiert Vertreter der Ärzteschaft, die für die finanzielle Misere die Tarifsysteme des Bundes verantwortlich machen.

Kranke Kinder benötigen im Spital meist mehr Zeit als Erwachsene.

Aus Sicht der Mediziner stellt sich das Problem, vereinfacht gesagt, folgendermassen dar: Kranke Kinder benötigen für eine Behandlung im Spital meist mehr Zeit als Erwachsene. Doch mit den Tarifsystemen Tarmed und Swiss DRG würden die Kinder zu oft quasi wie die Grossen behandelt: Ausgedehntere Spitalbesuche blieben durch die Krankenkassen unvergütet; private Stiftungen und die Kantone müssten das Defizit übernehmen. Mittelfristig drohe die Kindermedizin dadurch empfindlich zu schrumpfen.

Der Klage, wonach Kindermedizin «nichts kosten» dürfe und im Gesundheitswesen zulasten der Kleinsten gespart werde, steht freilich eine aktuelle Zahl der Bundes entgegen: In den Jahren 2013 bis 2018 nahmen die Bruttoleistungen für Minderjährige bei der obligatorischen Krankenversicherung um 13,7 Prozent zu. Wie das Bundesamt für Gesundheit auf Anfrage bekannt gibt, ist dieses Wachstum höher als bei Erwachsenen. Für die über 18-Jährigen beträgt die Kostensteigerung «nur» 10,4 Prozent.

Kostendeckende Preise

Der Krankenkassenverband Santésuisse weist überdies darauf hin, dass die Menschen immer betagter würden, was die Kosten der entsprechenden Altersklassen nach oben drücke. Bereinigt um diesen Effekt, hätten die Erwachsenen gar bloss 7,2 Prozent mehr Geld in Anspruch genommen. In absoluten Zahlen schlagen die Kinder zwar vergleichsweise milde zu Buche; 2018 betrugen die Kosten in der obligatorischen Krankenversicherung 1269 Franken pro Kind, wohingegen die Erwachsenen im Durchschnitt 4726 Franken verbrauchten. Doch beim relativen Wachstum übertreffen die Jüngsten, je nach Berechnungsart, ihre Eltern und Grosseltern um fast das Doppelte.

Für Santésuisse zeigen die Zahlen, dass sich die Kinderärzte zu Unrecht beschweren. Die Tarmed-Revisionen des Bundesrats hätten der Kindermedizin bereits Verbesserungen gebracht, betont Santésuisse-Sprecher Matthias Müller. Der Bundesrat habe für die Behandlung von Kindern im Vergleich mit Erwachsenen «erst vor kurzem bewusst mehr Zeit eingeräumt». Zudem lägen die Spitaltarife für die Kindermedizin bereits heute über jenen für die Volljährigen.

«Die Bruttokostenentwicklung pro Kopf taugt null und nichts zur Klärung der steigenden Defizite.»Agnes Genewein, Allkids-Geschäftsführerin

Die in den Standesinitiativen geforderten «kostendeckenden Preise» für die Kindermedizin lehnt Santésuisse denn auch rundweg ab. Es gebe keinerlei Bedarf, «zugunsten der Kinderspitäler speziell tätig zu werden», heisst es in der Stellungnahme zuhanden des Parlaments. «Auch Kinderspitäler müssen auf die Kosten achten», hält Sprecher Müller fest. Er vermutet, dass oft zu teure Infrastrukturen betrieben werden – etwa beim Neubau des Kinderspitals Zürich, für den die Basler Stararchitekten Herzog & de Meuron verantwortlich zeichneten.

Der Verband Allkids konstatiert bei Santésuisse dagegen einen «blinden Anti-Kosten-Reflex». Die als Argument vorgebrachte Bruttokostenentwicklung pro Kopf «taugt null und nichts zur Klärung der steigenden Defizite», sagt Allkids-Geschäftsführerin Agnes Genewein. Die Betriebskosten der sechs führenden Kinderspitäler, an denen sich komplexe und langwierige Fälle konzentrierten, würden von Santésuisse komplett ausgeblendet. Eine Blutentnahme zum Beispiel werde durch Tarmed fix mit 7 Franken entschädigt – egal, wie lange diese bei einem Kind dauere.

Ärzte rüsten auf

Durch den letzten Tarmed-Eingriff des Bundesrats sei die Kostendeckung im ambulanten Bereich auf 70 Prozent gefallen, hält Genewein fest: Pro eingenommenem Franken verliere man 30 Rappen. «Das ist eine Tatsache, welche die Versicherer endlich zur Kenntnis nehmen sollten», so Genewein, die selber als Kinderärztin praktiziert. Sie wirft den Kassen vor, sich um ihre «Mitverantwortung für eine gute Versorgung unserer Kinder und Jugendlichen» zu foutieren. Die Versicherer schlügen Profit daraus, dass die Standortkantone die Defizite ihrer Kinderspitäler mit Steuergeld ausgleichen müssten.

Die Argumente der Mediziner und der Versicherer werden nun im Parlament aufeinanderprallen. Erstere haben sich auf die Auseinandersetzung gründlich vorbereitet. So wurde letztes Jahr etwa die Parlamentarische Gruppe Kinder- und Jugendmedizin gegründet, professionell betreut von einer PR-Firma. Ob sie gegen die traditionell gut vernetzten Krankenversicherer ankommen, werden die nächsten Monate zeigen.

Erstellt: 09.08.2019, 18:57 Uhr

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