Kritik trotz hoher wissenschaftlicher Kompetenz

Die Forschungsarbeit der Nagra wird international geprüft. Trotzdem werden immer wieder Zweifel an ihren Einschätzungen laut.

Die Nagra steht in der Kritik: Zwischenlager Würenlingen.

Die Nagra steht in der Kritik: Zwischenlager Würenlingen. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Die Nagra hat zum Teil wissenschaftlich kompetente Mitarbeiter. Umso unverständlicher ist es, dass sie fragwürdige Vorschläge macht», sagt Sabine von Stockar von der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES). Das jüngste Beispiel für sie seien die vorgeschlagenen Standorte für die oberirdische Infrastruktur möglicher Atommüll-Tiefenlager. «Warum hat die Nagra die Problematik des Grundwassers ignoriert?», fragt die SES-Energieexpertin. Auch die sechs Regionalkonferenzen der Standortregionen waren nicht einverstanden mit den Vorschlägen der Nagra. Deshalb hat das Bundesamt für Energie (BFE) beschlossen, das Verfahren um sechs Monate zu verlängern, um weitere mögliche Standorte zu prüfen, wie das Bundesamt gestern mitteilte.

Die Nagra dementiert, das Grundwasserproblem vernachlässigt zu haben. «Wir haben Gebiete in sensiblen Grundwasserzonen bewusst ausgeklammert», sagt Edith Beising von der Medienstelle der Nagra. In grossflächigen Gewässerschutzbereichen jedoch könne eine Oberflächenanlage bei entsprechender Auslegung sicher gebaut und betrieben werden. Deshalb hat die Nagra in diesen Bereichen Vorschläge für die Oberflächenanlage unterbreitet. «In solchen Bereichen stehen heute vier Kernkraftwerke und auch das Zwischenlager für radioaktive Stoffe», sagt Beising.

Rund hundert Mitarbeiter

Die Kritik an der wissenschaftlichen Arbeit ist punktuell. Grundsätzlich attestiert man den Forschern der Nagra eine hohe Kompetenz. Das Team von rund hundert Mitarbeitern ist breit zusammengesetzt: Geologen, Hydrogeologen, Physiker, Chemiker, Bauingenieure. Die Forschungsresultate werden laut Nagra veröffentlicht, an internationalen Tagungen diskutiert und von unabhängigen nationalen Stellen wie etwa der Kommission Nukleare Entsorgung geprüft. Zudem gibt es im Zusammenhang mit dem Sachplanverfahren eine deutsche Expertengruppe, die zu den Arbeiten der Nagra Stellung nimmt. Wissen wird seit 1998 im Felslabor Mont Terri im Kanton Jura generiert. Die Nagra ist seither an Experimenten für den Bau künftiger Tiefenlager beteiligt. Inzwischen ist das Felslabor in den Sedimentschichten des Opalinustons international anerkannt. Was die Forscher heute wissen: In der Schweiz kommt nur dieses Tongestein infrage, um hochaktive Abfälle zu lagern.

Das ist Wissen aus dem Labor. Die Energie-Stiftung kritisiert unter anderem, dass in den sechs möglichen Standortregionen über Oberflächenanlagen diskutiert wird, bevor detaillierte geologische Untersuchungen vorliegen. Das hintertreibe das Sicherheitsprimat. Das Zürcher Weinland ist geologisch gut untersucht, auch für die Standorte wie Jura-Ost oder die Nördlichen Lägern gibt es Felduntersuchungen und neue seismische Analysen. «Die Ergebnisse sind jedoch noch nicht vorhanden», sagt Edith Beising von der Nagra. Die Verfahrenskritik der Energie-Stiftung gibt sie an das Bundesamt für Energie weiter: «Wir machen die technisch-wissenschaftliche Arbeit, die Leitung über das gesamte Verfahren inklusive Partizipation der Bevölkerung ist Sache des Bundes.» Da ist die Energie-Stiftung anderer Meinung: «Nur die Nagra hat massgeblich an dem Verfahren mitgearbeitet», sagt Sabine von Stockar.

Erstellt: 09.10.2012, 06:34 Uhr

Nidwalden pocht auf Vetorecht

Bislang konnte sich erst die Bevölkerung des Kantons Nidwalden zu einem konkreten Tiefenlagerprojekt äussern. In zwei Abstimmungen lehnte sie 1995 und 2002 Konzessionsgesuche für ein Lager im Wellenberg ab. Als Konsequenz strich das eidgenössische Parlament das Vetorecht der Kantone 2005 aus dem Gesetz. Und es ist nicht bereit, auf diesen Entscheid zurückzukommen. In der vorletzte Woche zu Ende gegangenen Herbstsession lehnte der Nationalrat zwei entsprechende parlamentarische Initiativen aus dem linken Lager ab. Mit 95 respektive 93 zu 83 Stimmen fielen die Entscheide allerdings relativ knapp aus.

Bereits wurde ein neuer Versuch gestartet, das Vetorecht wieder einzuführen. Ebenfalls in der Herbstsession reichte der Kanton Nidwalden auf Geheiss des kantonalen Landrats eine Standesinitiative ein, die eine Änderung des Kernenergiegesetzes verlangt. Im Gesetz soll festgehalten werden, dass ein Tiefenlager einer Standortregion «nicht gegen ihren Willen aufgezwungen» werden kann. Ebenfalls hängig ist eine Motion des Nidwaldner SVP-Nationalrats Peter Keller. Er will, dass der Wellenberg von der Liste der möglichen Tiefenlager-Standorte gestrichen wird. (bro)

Artikel zum Thema

Nagra-Auswahlverfahren: «Reine Alibiübung»

Das Bundesamt für Energie soll zusichern, dass weiterhin alle sechs offiziellen Standorte für atomare Endlager gleichwertig geprüft werden. Dies fordert die Regionalkonferenz Zürich Nordost. Mehr...

Empörung im Zürcher Weinland über Geheimpapier der Nagra

Ein internes Dokument weckt Befürchtungen, dass die Endlager-Entscheide bereits vorgespurt sind. Die Nagra beteuert dagegen, es handle sich nur um ein Szenario von vielen. Mehr...

Vertrauliches Dokument nennt Tiefenlager-Standorte

Das Bundesamt für Energie verlangt von der Nagra Antworten: Hat die Entsorgungsgenossenschaft die Standorte zur Lagerung radioaktiver Abfälle insgeheim schon bestimmt? Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...