Kulturkampf um die Ehe für alle

Seit je verstehen sich die Kirchen als Hüterinnen der Ehe. Doch wenn es um ihre Öffnung für alle geht, zieren und winden sie sich.

Heutige Lebenswirklichkeiten stossen auf Unverständnis in konservativen Kirchenkreisen. Foto: Plainpicture

Heutige Lebenswirklichkeiten stossen auf Unverständnis in konservativen Kirchenkreisen. Foto: Plainpicture

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Dort, wo die Ehe für alle eingeführt ist, wächst die gesellschaftliche Akzeptanz der Homosexuellen. So fasste die Freiburger Psychologin Nathalie Meuwly an der nationalen Dialogtagung vom Samstag eine Studie in 20 europäischen Ländern zusammen. Umgekehrt habe in US-Staaten wie Kalifornien, welche die Homo-Ehe 2004 nach den Wahlen zurückgenommen hätten, das Wohlbefinden der Homosexuellen deutlich abgenommen. Genauso sei belegt, dass Kinder aus gleichgeschlechtlichen Partnerschaften kein grösseres Risiko hätten, psychisch zu erkranken. Entscheidend sei allein die emotionale Bindung an die Eltern.

In den Kirchen indessen gälten noch immer jahrhundertealte theologische Konzepte, die von der heutigen Lebenswirklichkeit weit entfernt seien, sagt Isabelle Noth, Professorin für Praktische Theologie. Sie hat die Tagung an der Universität Bern mitorganisiert, damit Kirchenvertreter und Politiker mit Blick auf die Debatte über die Ehe für alle Farbe bekennen. Von Bischöfen und evangelikalen Spitzenvertretern gab es indes nur Absagen.

Offenheit des Präsidenten

Beispiellos ist die Offenheit des reformierten Zürcher Kirchenratspräsidenten Michel Müller. Er hat mit der Ehe für alle kein Problem, auch nicht mit der Trauung für alle. Man könne in der Kirchenordnung den Ehebegriff stillschweigend ausweiten und die Liturgie für Gleichgeschlechtliche öffnen. Da die Kirchenordnung das Diskriminierungsverbot der Bundesverfassung anerkenne, sei es kaum vorstellbar, die Trauung für alle zu verbieten. Diese müsste zur Amtspflicht der Pfarrer gehören.

Müller rechnet mit nur geringer innerreformierter Opposition. Auf Facebook zeigt er sich mit seinem Sohn am Zurich Pride Festival. Müller sagt öffentlich, dass er Vater eines schwulen Sohnes sei. Der Bruder seiner Frau habe sich schon vor 30 Jahren geoutet. Ist er so offen, weil betroffen? Nicht nur. Auch als Seelsorger müsse man so denken. Schliesslich habe die Zürcher Kirche 1999 die Segnung von Homosexuellen eingeführt und deren Liebesbeziehung mit der heterosexuellen gleichgestellt.

In der Regel beharren die Kirchen auf der von Gott geschaffenen Zweigeschlechtlichkeit von Mann und Frau. Müller zufolge sind der kirchliche und der biblische Ehebegriff jedoch viel wandelbarer als angenommen. Er verweist auf die polygame Lebensform von Stammvater Abraham oder König Salomon. Oder auf die Reformation, welche die Ehe als gegenseitiges Versprechen definiert habe, das man durch Scheidung lösen könne. Der katholische Priester Zwingli habe die Reformation auch eingeläutet, um heiraten zu können: Anna Reinhart nämlich, eine Witwe mit drei Kindern, mit der er dann vier gemeinsame Kinder hatte. «Am Anfang der Reformation steht eine Patchwork-Familie», so Müller.

Reformierter Röstigraben

Der Schweizerische Evangelische Kirchenbund, der sich zum Partnerschaftsgesetz bekennt, äussert sich noch nicht. Die St. Galler Kirchenrätin Barbara Damaschke hat ihn schon vor zwei Jahren via Motion aufgefordert, sich mit Ehe, Familie und Sexualität auseinanderzusetzen. Bei diesen sich stark wandelnden Lebensbereichen habe er seit Jahren keine theologische Grundlagendiskussion mehr geführt. Eine Arbeitsgruppe unter Kirchenbundsvize Daniel Reuter wird nächstes Jahr Antworten auch zur Ehe für alle vorlegen.

Frank Mathwig, Beauftragter für Theologie und Ethik beim Kirchenbund, stellt bei den Reformierten bezüglich der Ehe für alle einen tiefen Röstigraben fest. Die vom Staat getrennten Kirchen der Romandie neigten zu einer kritischen, stärker freikirchlichen Position.

Tatsächlich bilden die Reformierten eine liberale Insel in der konservativen Brandung der anderen Kirchen, welche die Ehe für alle als unverdaulichen Kulturschock erleben. Ihnen ist bewusst, dass sie sich mit ihrem Nein von der Gesellschaft noch stärker entfernen, und sie vertagen deshalb eine Stellungnahme auf später. Der Verband Freikirchen Schweiz dreht den Spiess um und fragt, wie bekennende Christen ihre Werte vertreten können, ohne diskriminiert zu werden. Für die meisten Freikirchen ist Homosexualität Sünde, obendrein eine therapierbare.

Der Stachel im Fleisch

Die Bischöfe wollen das Thema zunächst intern besprechen. Ihr Nein ist absehbar. Schon die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare lehnen sie ab. Papst Franziskus argwöhnt, wir erlebten «einen ideologischen Weltkrieg, um die Ehe zu zerstören». Für ihn gibt es «zwischen homosexuellen Lebensgemeinschaften und dem Plan Gottes für die Ehe und Familie keine Analogien». Darum erwartet die Kirche von Gläubigen und katholischen Politikern einen «klaren und öffentlichen Widerstand gegen die rechtliche Anerkennung homosexueller Partnerschaften».

Indes sind die Flügelkämpfe in der Bischofskonferenz bekannt. Allenfalls könnte sich die liberalere Fraktion die Sicht des Churer Pastoraltheologen Manfred Belok zu eigen machen, der die zivilrechtliche und die katholische Ehe auseinanderhält. Warum sollten Katholiken die zivilrechtliche Ehe für alle nicht gutheissen, sofern zwei Menschen in Liebe und Treue füreinander lebenslange Verantwortung übernehmen? Die staatliche Öffnung müsste das römische Eheverständnis nicht tangieren.

Der Stachel im Fleisch der Bischöfe ist auch in dieser Frage der Schweizerische Katholische Frauenbund. Mit Blick auf den bevorstehenden Kulturkampf hat der Vorstand seine Position abgesprochen: Ja zur Zivilehe für alle, Ja auch zur kirchlichen Trauung für alle. «Das verbindliche Zusammenleben zweier Menschen verdient unabhängig vom Geschlecht Gottes Schutz und kirchliche Begleitung», so Präsidentin Simone Curau-Aepli.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 02.12.2018, 22:18 Uhr

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