Kulturkampf ums Geschlecht

Moderne Familienmodelle, Abtreibung und Homo-Ehe sind weltweit unter Druck, der Vatikan hilft kräftig mit. Führende kirchliche Feministinnen aus der Schweiz halten dagegen.

Letzten Oktober vor dem Parlament in Warschau: Protest gegen das konservative Vorhaben, die Abtreibung fast total zu verbieten. Foto: Kacper Pempel (Reuters)

Letzten Oktober vor dem Parlament in Warschau: Protest gegen das konservative Vorhaben, die Abtreibung fast total zu verbieten. Foto: Kacper Pempel (Reuters)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Man hört den Begriff derzeit fast täglich: Gender. Für viele Leute, gerade auch für solche aus kirch­lichen Kreisen, handelt es sich um das Reizwort schlechthin. Sie sprechen abwertend vom «Genderismus»: Die neuen Ideen unterhöhlten die tra­ditionellen Geschlechterrollen, die Mutterschaft, die Familie als Wertefundament der Gesellschaft.

«Gender» bedeute freie Wahl des Geschlechts oder der sexuellen Orientierung, wird kritisiert. Der oft mitschwingende Antifeminismus geht Hand in Hand mit der Homophobie, der Ablehnung gleichgeschlechtlicher Beziehungen. Die Genderfeinde sprechen der Geschlechterforschung an den Universitäten die Wissenschaftlichkeit ab und  stellen sie unter Ideologieverdacht. Sie brauchen Schlagwörter wie «Gender-Wahnsinn» oder ­«Gender-Gaga».

Gegen all die Angriffe wehren sich führende Theologinnen und Feministinnen aus der Schweiz. Zum morgigen internationalen Frauentag erscheint nun ihre Comic-Broschüre «Let’s talk about ­Gender!» (Reden wir über Gender!).

Die Broschüre möchte Begriffe klären. Und sie will Unterstellungen und wilde Behauptungen entkräften. Jene zum Beispiel, wonach wir alle unser Geschlecht selber wählen könnten. Die Broschüre stellt klar: «Es wird nicht gesagt, dass das Geschlecht frei wählbar ist, sondern dass das Geschlecht einen grossen Einfluss hat auf das, was wir als männlich und weiblich definieren.» Weibliches und männliches Verhalten sei viel mehr «gelernt als genetisch festgeschrieben».

Schikanöse Gesetze in Russland

Gender sei grundsätzlich ein positiver Begriff, sagt Regula Ott, sie ist Mitverfasserin der Broschüre und Beauftragte für Ethik und Gesellschaft beim Schweizerischen Katholischen Frauenbund. Gender sei zentral, wenn es darum gehe, festgefahrene Strukturen und Rollenzwänge des Geschlechts aufzu­brechen, was auch Männern zugutekomme.

Frauen würden speziell in der Kirche noch ­immer über das Muttersein definiert, sagt Ott. ­Berufswahl und Arbeitswelt allgemein seien vom Geschlecht geprägt.

Die Broschüre fordert eine offene Berufswahl unabhängig vom Geschlecht, Lohngleichheit sowie die Aufwertung der Arbeit in Haushalt und Pflege. Das decke sich, so Ott, mit Artikel 8 der Bundes­verfassung: «Mann und Frau sind gleichberechtigt. Das Gesetz sorgt für ihre rechtliche und tatsächliche Gleichstellung vor allem in Familie, Ausbildung und Arbeit. Mann und Frau haben Anspruch auf gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit.»

Selbstverständlich ist der Fortschritt nicht. Wo man hinschaut auf der Welt: Kulturkämpfe um Geschlecht, Sexualität und Familienbilder. US- Präsident Donald Trump hat ein Dekret unterzeichnet, gemäss dem ausländische Hilfsorganisationen bei Abtreibungen keine Entwicklungsgelder mehr bekommen. Neuerdings dürfen in Amerika Transgender-Schüler die Toilette nicht mehr frei wählen. Und schwarze lesbische Frauen müssen sich wieder mehr vor Übergriffen fürchten, liest man.

Länder wie El Salvador oder Chile kriminalisieren abtreibungswillige Frauen mit Gesetzen. Die Ära der Liberalisierung des Schwangerschafts­abbruchs scheint auch in Europa vorbei zu sein. In Polen konnten Massenproteste von Frauen immerhin die rechtskonservative Regierung noch von einem Gesetz abbringen, das Abtreibung auch bei Vergewaltigung oder Inzest verbieten will. Putins Russland erlässt derweil schikanöse Gesetze gegen Schwule und Lesben. Und in Deutschland fordern Pegida und AfD die exklusive Privilegierung der ­traditionellen Familie vor allen anderen Lebens­formen.

All diese Gesetze und Massnahmen segeln unter dem sperrigen Wort «Anti-Genderismus». Es meint länderübergreifend die Abwehrstrategie gegen den seit 20 Jahren virulenten Begriff «Gender».

Gender, die Definition

Zeit für eine Definition: «Gender» bezeichnet das soziale Geschlecht im Unterschied zum biologischen. «Gender Studies» untersuchen demnach das Geschlecht als soziale Konstruktion und die Vielfalt sexueller Orientierungen.

Das soziale Geschlecht, die Geschlechterrolle – so der zentrale Gedanke – ist nicht von der Biologie vorgegeben, sondern grossenteils erworben, also veränderbar. Darum sollen soziale Ungleichheiten, die sich aus der patriarchalen Geschlechterhie­rarchie ergeben, beseitigt werden. «Gender-Mainstreaming» wiederum ist die politische Strategie zur Förderung der Gleichstellung der Geschlechter bei EU, UNO und Nicht-Regierungs-Organisationen.

Broschüren-Mitautorin Ott sieht ein Weiterleben alter Muster unter neuer Begrifflichkeit, gefördert vor allem von den Kirchen. Von den Freikirchen etwa, welche einen Rückbesinnung auf die Werte der traditionellen Familie forcierten.

Tonangebend beim Anti-Genderismus ist die römisch-katholische Kirche. Seit der UNO-Konferenz in Kairo 1994 und der Weltfrauenkonferenz in Peking 1995, wo Gender Mainstreaming als internationale Strategie der Gleichstellungspolitik beschlossen wurde, hat sie eine Gegenmethode aufgebaut.

Johannes Paul II. schrieb damals seinen «Brief an die Frauen» in Peking und stellte die gleiche Würde der Geschlechter über deren gleiche Rechte. Im Gender-Begriff sah er auch das Einfallstor für die Gleichberechtigung anderer sexueller Orientierungen. Im Jahr 2000 sprach der Päpstliche Rat für die Familie erstmals von «Gender-Ideologie». Der Negativbegriff machte Schule speziell unter Benedikt XVI.

Seinem Bekenntnis zur Barmherzigkeit zum Trotz schlägt der gegenwärtige Papst Franziskus in die gleiche Kerbe. Im Oktober warnte er auf seiner Reise in den Kaukasus vor einem «weltweiten Krieg, um die Ehe zu zerstören». Dieser werde nicht mit Waffen geführt, sondern durch «ideologische Kolonisierung». Man müsse die Ehe verteidigen gegen den grossen Feind der Gender-Theorie.

In seinem bisher wichtigsten Lehrschreiben «Amoris Laetitia» tut Franziskus Gender als Ideologie ab, die «den Unterschied und die natürliche Aufeinander-Verwiesenheit von Mann und Frau leugnet» und die hergebrachte Familie aushöhle. Die Homo-Ehe lehnt er rundweg ab.

Die Umdeutung von «Gender» zu «Gender-Ideologie» diene kirchlichen Kreisen dazu, gegen alles vorzugehen, was in ihrne Augen die Fundamente der patriarchalen Machtverhältnisse in Kirche und Gesellschaft infrage stelle: So argumentiert Doris Strahm von der Interessengemeinschaft Feministische Theologinnen Deutschschweiz-Liechtenstein. Vehement versuche der Heilige Stuhl, das traditionelle Modell der Familie und der festgelegten Geschlechterrollen als gottgewollte Ordnung und natürliche Grundlage der Gesellschaft zu verteidigen.

Finkielkraut mischt mit

Dank ihrem Kampf gegen die «Gender-Ideologie» ist die katholische Kirche in Europa wieder eine wichtige politische Akteurin geworden. Als Organisation alimentiert sie Kulturkämpfe um Geschlecht und Sexualität in Ländern wie Spanien, Frankeich, Italien, Slowenien, Kroatien und Polen.

In Spanien kam es 2004 zu Massenprotesten, als die linke Regierung Zapatero die Homo-Ehe einführte und den Zugang zur Abtreibung erleichterte. Die grössten Anti-Gender-Demonstrationen fanden gut zehn Jahre später in Frankreich statt. Die Gruppe La manif pour tous konnte über eine Million Teilnehmerinnen und Teilnehmer mobilisieren bei Demos gegen die gleichgeschlechtliche Ehe. Selbst Intellektuelle wie Michel Onfray oder Alain Finkielkraut traten gegen die «Gender-Verschwörung» an. In Polen verabschiedete das Parlament 1993 ein restriktives Abtreibungsgesetz. Auch die derzeitige katholisch-patriotische Regierung ­kultiviert ein äusserst konservatives Frauen- und Familienbild.

Christlich-fundamentalistische Kreise lancieren auch in der Schweiz antigenderistische Vorstösse. 2014 war das etwa die Petition «Kein Gender im Lehrplan 21». Der Churer Bischof Vitus Huonder widmete ein Jahr zuvor seinen Hirtenbrief zum Tag der Menschenrechte der «tiefen Unwahrheit einer Theorie». Der Genderismus missachte die Schöpfungstheologie und die natürliche Geschlechterordnung in der Ehe und betrachte jede sexuelle Praxis als gleichwertig.

Weckruf aus der Schweiz

Die katholische Familien-Aktivistin Käthi Kaufmann-Eggler beklagt den Zwang zur Erwerbstätigkeit. Zwischen 1995 und 2015 habe sich der Anteil berufstätiger Mütter fast verdoppelt. Kaufmann-­Eggler spricht für die typische Angst solcher Kreise, die wachsende Erwerbstätigkeit und Unabhängigkeit der Frau könnte die Geschlechter-Hierarchie destabilisieren.

Der vom reformierten Pfarrer Hansjürg Stückelberger präsidierte Verein Zukunft CH hat 2015 die wohl bekannteste Aktivistin der Szene zu Vorträgen eingeladen: Gabriele Kuby, Autorin von Büchern wie «Gender – eine neue Ideologie zerstört die Familie». Die zur katholischen Kirche konvertierte deutsche Publizistin polemisiert gegen den Genderismus, wo immer sie kann. Sie ist Autorin der rechten Zeitschrift «Junge Freiheit». Sie referiert aber auch im sächsischen Landtag für die CDU-Fraktion oder sprach am Kongress «Grosse Familien und die Zukunft der Menschheit» im Kreml.

An Figuren wie Kuby wird deutlich, wie breit der Anti-Genderismus im rechten Spektrum heute aufgestellt ist. Regula Ott beklagt die vielen unheiligen Allianzen zwischen konservativen, evangelikalen, fundamentalistischen und rechtspopulistischen Strömungen, die Front gegen Gender machen.

Empörung von rechts

Frauke Petri zum Beispiel versteht ihre Alternative für Deutschland als Familienpartei und verspricht, «menschenfeindlichen Ideologien wie dem ver­queren Genderismus, der uns mit aller Macht aufgezwungen werden soll», die Stirn zu bieten. Die Empörung rechter Kreise war riesig, als die Evangelische Kirche Deutschlands 2013 in einer Orientierungshilfe zur Familie die Vielfalt von verbindlichen Lebensgemeinschaften würdigte und in Hannover ein Studienzentrum für «Gender-Fragen in Kirche und Theologie» eröffnete.

Die neue Broschüre soll ein Weckruf sein, sagt Regula Otto. Vor allem Trump – ein weisser Mann, der seine Macht verherrliche – nähre die Angst, dass es zurückgehen könnte zu patriarchalen ­Gesellschaftsstrukturen. Statt die eingeschränkten Frauenrechte nur im Islam anzuprangern, sollten Christinnen und Christen auch vor der eigenen Tür kehren. Ott sagt: «Wir wollen bewusst machen, dass wir Vielfalt nicht einfach haben, sondern ihr Sorge tragen müssen.»

Die Comic-Broschüre «Let’s talk about Gender!» erscheint am Mittwoch, Download auf www.aboutgender.ch. Am 25. hält die NGO-Koordination post Beijing im Kirchgemeindehaus Frieden Bern ihre Jahrestagung ab unter dem Titel «Verweigerung von Frauenrechten aufgrund sogenannt christlicher Werte». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.03.2017, 18:20 Uhr

Artikel zum Thema

Stereotype und Sexismus

Hillary Clinton war auf die US-Präsidentschaft vorbereitet wie kaum ein Bewerber um das Amt zuvor. Was ihre Niederlage für den Feminismus bedeutet. Mehr...

Und plötzlich hat er Sex-Appeal

Analyse #12 Grün war gestern, vegan auch – jetzt wird der Feminismus hip. Ist das gut? Mehr...

«Eine Fähigkeit, die eher Frauen zugesprochen wird»

Liegts am Lohn? Oder am Feminismus? Christa Kappler von der Pädagogischen Hochschule über die Gründe, wieso so wenig Männer den Primarlehrer-Beruf wählen. Mehr...

Blog

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Die Welt in Bildern

Explosive Abrüstung: An der Grenze zwischen Süd- und Nordkorea werden die Bewachungsposten abgebaut. (15. November 2018)
(Bild: Jung Yeon-je/Getty Images) Mehr...