Lärmgegner fordern schärfere Vorschriften für Motorräder

Eine Studie im Auftrag des Bundes schlägt eine drastische Verschärfung der Vorschriften vor, sodass nur noch Elektroantriebe zulässig wären.

«Laut ist out»: Trotzdem werden Gesetzeslücken für Töfflärm nur langsam geschlossen. Foto: Valentin Flauraud (Keystone)

«Laut ist out»: Trotzdem werden Gesetzeslücken für Töfflärm nur langsam geschlossen. Foto: Valentin Flauraud (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Hauptsache, das Bike sieht geil aus und soundet laut. Alle haben was davon.» So beginnt der Frühling für einen anonymen Motorradfahrer im Internet-Forum. Für den Grossteil der Schweizer hingegen sind knallende Motoren ein Ärgernis. Besonders von Auspuffanlagen fühlen sich viele belästigt, wie die Aargauer Polizei zum heutigen Tag gegen Lärm mitteilt. Bei der Lärmliga sind Rowdys der Grund für jede fünfte Meldung. «Der Unmut ist gross», sagt Präsident Peter Ettler. «Jeden Frühling taucht das Thema auf, vor allem auf der Landschaft entlang beliebter Töffstrecken.»

Das mag überraschen, denn die Umweltvorschriften werden laufend verschärft. Seit 2017 sollte Schluss sein mit lauten Zweirädern, ab dem nächsten Jahr müssen neue Motorräder die Euro-5-Norm für Schadstoffe erfüllen, sie stossen damit kaum noch mehr Abgase aus als Autos. Diese Grenzwerte übernimmt die Schweiz von der EU.

Die Polizei ist machtlos

Den Behörden sind aber oft die Hände gebunden, wie die Mitteilung der Kantonspolizei Aargau zeigt. Sie hat im März und April mehr als hundert Motorräder kontrolliert. Mit Ausnahme von zwei Maschinen entsprachen alle den Normen. Bei «typenkonformen Änderungen, welche der Steigerung des Motorengeräusches dienen, fehlt die gesetzliche Handlungsgrundlage», teilt die Aargauer Polizei mit. Das heisst, dass Motorräder auch heute noch legal sehr laut dröhnen können – weil die Vorschriften Schlupflöcher enthalten.

Bei der Typengenehmigung wird der Schallpegel in einer Testanlage stehend sowie bei Tempi zwischen 50 und 80 Stundenkilometern gemessen. Die Töffs dürfen maximal 78 Dezibel erreichen, weniger als ein Klavier. Im Strassenverkehr und bei höheren Geschwindigkeiten kreischen sie aber mit bis zu 96 Dezibel so laut wie eine Kreissäge, wie eine Testreihe des «Beobachters» gezeigt hat. Viele Fahrer rüsten ihre Maschinen zudem mit Auspuffanlagen auf, bei denen sich auf Knopfdruck die Klappen öffnen lassen, worauf das Dröhnen noch lauter wird.

Die Gesetzeslücken, die den Lärm erlauben, werden nur sehr langsam geschlossen. Verantwortlich dafür ist das Weltforum für die Harmonisierung von Fahrzeugvorschriften. Im UNO-Gremium mit Sitz in Genf, dessen Vorgaben alle wichtigen Industrienationen übernehmen, sitzt eine ganze Reihe von Lobbyisten. Dort torpedierte der internationale Motorradherstellerverband IMMA Vorschläge der EU für neue Lärmgrenzwerte beim Euro-5-Standard. Nicht die Masse der Motorräder sei das Problem, sondern einzelne Vorfälle, argumentiert der IMMA, alles eine Frage der Kontrollen.

«Wäre der politische Wille vorhanden, könnte die Schweiz den Töfflärm aus der Welt schaffen.»Peter Ettler, Lärmliga

Immerhin hat das Weltforum im März nach langem Hin und Her entschieden, die Kontrollvorschriften für Auspuffanlagen ein wenig zu verschärfen. Bisher reichte es, wenn ein Hersteller selbst erklärte, die Grenzwerte auch ausserhalb der Testumgebung einzuhalten. In Zukunft werden Kontrolleure die Anlagen durchtesten. Auch bei Motorrädern wird die Schraube ein wenig angezogen: Hersteller müssen statt der bisher allgemein gehaltenen Selbstdeklaration eine detaillierte Tabelle ausfüllen.

In der Romandie mögen sich Politiker mit dem Schneckentempo nicht abfinden. Das Genfer Kantonsparlament hat im Januar entschieden, Lärmradars entwickeln zu lassen, im Mai wird das Waadtländer Kantonsparlament über einen ähnlichen Vorstoss befinden. Der Bund hingegen verhalte sich zu passiv, kritisiert Peter Ettler von der Lärmliga. «Eigentlich haben wir die genau gleiche Trickserei und Betrügerei wie bei den Dieselautos», sagt Ettler. «Nur dass es beim Töfflärm legal geschieht, weil es im Gesetz so vorgesehen ist.» Den Einwand, der Schweizer Markt sei zu klein, um Herstellern schärfere Vorschriften aufzuzwingen, weist er zurück: «Wäre der politische Wille vorhanden, könnte die Schweiz den Töfflärm aus der Welt schaffen.»

Davon geht auch eine Studie im Auftrag des Bundesamts für Umwelt aus. Das am 4. Januar publizierte und bisher nicht beachtete Papier schlägt einen «disruptiven Ansatz» vor: die Vorgaben derart zu verschärfen, dass nur noch Elektroantriebe zulässig sind. Der Obwaldner Nationalrat Karl Vogler unterstützt diese Forderung. «Mit einer Elektrifizierung würde das Schadstoff- und Lärmproblem bei der Wurzel angepackt, statt dass wir teure Lärmschutzmassnahmen treffen müssen», sagt der Christlichsoziale, welcher der CVP-Fraktion angehört.

In der Töff-Branche kommt der Vorschlag nicht gut an. «Eine vom Gesetz vorgeschriebene, sofortige Umstellung auf Elektromotoren würde das Ende der Branche bedeuten, mit 10'000 zusätzlichen Arbeitslosen und 1 Milliarde Franken Umsatzverlust», sagt Markus Lehner, Mediensprecher des Motorrad-Importeur-Verbands Motosuisse. Nur im städtischen Nahverkehr werde sich der Stromantrieb innert kurzer Zeit durchsetzen. 2018 wurden in der Schweiz rund 715 Elektroroller neu eingelöst und bloss 127 E-Motorräder.

Passfahrt wäre unmöglich

«Mit den grossen Töffs fährt man an einem schönen Wochenende vielleicht zu zweit und mit Gepäck 800 Kilometer über die Alpenpässe», sagt Lehner. «Dieses Hobby ist mit Elektromotorrädern aktuell nicht möglich.» Der amerikanische Hersteller Harley-Davidson hat zwar jüngst eine Strom-Variante vorgestellt. Mit 36'500 Franken ist sie aber doppelt so teuer wie eine vergleichbare Benzin-Maschine, über Land hält sie mit einer Ladung nur knapp 150 Kilometer durch. Lehner hält die Lärmklagen wegen Motorrädern für übertrieben: «Die Zeit der lauten Fahrzeuge ist rechtlich schon längst beendet, und real wird sie vorbei sein, wenn die noch zugelassenen alten Töffs nach und nach altershalber ausser Betrieb genommen werden.» Zudem fahre die grosse Mehrheit der Lenker rücksichtsvoll. «Die wenigen, aber in der Natur der Sache leider auffälligeren anderen sind Ewiggestrige», sagt Lehner.

An jene appellieren die Lärmgegner mit der Kampagne «Laut ist out»: Motorrad- und Autofahrer sollen nicht unnötig beschleunigen, nicht hochtourig fahren und auf Sound- und Klappenauspuffe verzichten. Auch die Aargauer Polizei «bittet um eine rücksichtsvolle Fahrweise».

Erstellt: 24.04.2019, 10:23 Uhr

Artikel zum Thema

Der Kampf gegen den Verkehrslärm spaltet Wipkingen

Reportage So richtig steht im Quartier niemand für einen Rosengartentunnel ein. Pro und kontra liegen nahe beieinander. Mehr...

Zürich tut zu wenig gegen Strassenlärm

Das Baurekursgericht heisst den Stadtrat, über die Bücher zu gehen: Allein mit Schallschutzfenstern liessen sich die Stadtbewohner nicht vor Lärm schützen. Mehr...

Er wird beschimpft, weil er sich für Tempo 30 einsetzt

Der Krienser Dominik Hertach will eine beruhigte Hauptstrasse. Sein Kampf gegen den Lärm hat ihn zur Zielscheibe gemacht. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...