Land der Vulgärbürgerlichen

Was früher in bürgerlichen Parteien keinen Platz hatte, ist heute Alltag geworden: das Poltern.

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Was konnte der sirachen. Wüten, schäumen, poltern! Otto Fischer sprach direkt aus dem Schützengraben. Als es 1989 gegen die GSoA und ihre Armeeinitiative ging, nannte Fischer die Initiative einen «direkten Anschlag auf unser Leben, unsere Unabhängigkeit und auf unsere Sicherheit». Die Leute von der GSoA seien nicht besser als die «Landesverräter des letzten Krieges» und gehörten standrechtlich erschossen (den letzten Teil sagte er nie. Aber dachte ihn ziemlich sicher). Nicht minder unzimperlich ging Fischer mit der Regierung um. Im Winter 1992, die Schweiz stritt heftig über einen Beitritt zum EWR, waren die Bundesräte für Fischer «himmeltraurige, verachtungswürdige, miese Typen», die das Land in Brüssel verkaufen wollen. «Ich will nicht sagen, dass es keine Landesverräter sind!» (Aber auch hier: Er dachte es ziemlich sicher.)

Fischer war einer der mächtigsten Politiker im Land. Nationalrat, Präsident des Gewerbeverbands, der Prototyp des Polterers. Und: ein Freisinniger. In der Partei der protestantischen Zurückhaltung und Noblesse war Fischer eine singuläre Erscheinung. Beim EWR bekämpfte er mit Christoph Blocher das bürgerliche Establishment – und gewann. Fischer konnte sich das Poltern leisten, er hatte sich in der FDP mit seinem Netzwerk unangreifbar gemacht. Anderen, nicht minder lauten Figuren erging es schlechter. Luzi Stamm und Christian Miesch fanden Unterschlupf bei der SVP. Michael E. Dreher, HSG-Absolvent aus gutbürgerlichem Haus und Mitglied der FDP, gründete Mitte der 80er-Jahre die Auto-Partei. Sein berühmtestes Zitat geht so: Man sollte «Linke und Grüne an die Wand nageln und mit dem Flammenwerfer drüber». Für so einen war kein Platz im Freisinn.

Der König der Vulgärbürgerlichen

Heute, so scheint es, kommt der Vulgärbürgerliche wieder in Mode. Nicht ausserhalb, sondern im Zentrum der Partei. Sogar als Präsident. FDP-Präsident Philipp Müller nennt Manager gerne mal ein «Arschloch» (hat sich aber, so viel Fairness muss sein, in der Zwischenzeit gemässigt), CVP-Präsident Christophe Darbellay sagt mal dies und mal das – aber immer möglichst laut. Und auch Martin Landolt, Präsident der BDP, macht keine halben Sachen: Ein Nazi-Vergleich muss es hin und wieder schon sein.

Der unangefochtene König der Vulgärbürgerlichen ist momentan aber Hans-Ulrich Bigler. Der FDP-Nationalratskandidat und Gewerbeverbands-Direktor hat, und da steht er in der Tradition von Fischer, jedes Mass verloren. Was für Fischer die «miesen Typen» im Bundesrat waren, ist für Bigler SRG-Generaldirektor Roger de Weck, den er in seiner Abstimmungszeitung als sabbernden, schielenden, raffgierigen Dieb darstellt.

Müller, Darbellay, Landolt, Bigler: Der politische Diskurs ist in den gutbürgerlichen Parteien härter geworden. Schuld daran hat, wie so oft, die SVP. Der Aufstieg der Partei in den 90er-Jahren und vor allem die Art und Weise ihres Aufstiegs hat den politischen Umgang in der Schweiz für immer verändert.

Schuld daran haben aber auch die Medien. Wir leben in unmittelbaren Zeiten. Der Puffer zwischen Gedanken und Zitat ist kleiner geworden, manchmal ist er auch gar nicht mehr vorhanden. Geklickt wird, was knallt. Gehört wird, wer besonders unhöflich ist. Man kann sich sicher sein: Würde Otto Fischer heute noch leben, er würde unter all den anderen Polterern gar nicht mehr gross auffallen.

Erstellt: 22.05.2015, 00:01 Uhr

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