«Lasst mich doch einfach in Ruhe»

Aggressive Matchbesucher, freche Jungspunde, zig Formulare – irgendwann wurde ihm alles zu viel. Wie einem Kantonspolizisten in Bern die Freude verging. Und wie er sie zurückgewann.

Endlich: Nach dem Ordnungsdienst war der Polizist stets froh, wenn er die Uniform ausziehen und den Helm ablegen konnte.

Endlich: Nach dem Ordnungsdienst war der Polizist stets froh, wenn er die Uniform ausziehen und den Helm ablegen konnte. Bild: Manu Friederich

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Jürg macht gleich Duzis, «wenns recht ist», das sei ihm lieber. Als Jürg stellt er sich allerdings nicht vor, denn so heisst er nicht. Doch er möchte nicht erkannt werden, möchte nicht, dass die Leute im Dorf hinter seinem Rücken tuscheln. Das sei jetzt eben der, der «Tschugger» mit dem Burn-out, würden sie wohl sagen, ohne zu wissen, was das bedeute, denkt er. Deshalb heisst er hier Jürg.

Als Bub war Jürg beeindruckt, wenn er den Dorfpolizisten sah, vor der Migros oder in der Post. Die Uniform, die Pistole, das farbige Auto imponierten ihm. Der Polizist sei für ihn nie der gewesen, der Bussen verteilt. Sondern der, der Bescheid weiss, die Lage im Griff hat und ab und an einen Dieb fängt. Jürg lernte einen gewerblichen Beruf, doch irgendwo im Hinterkopf trug er sie immer mit sich, die Faszination Polizist. Und weil er nie einer war, der lange zaudert, ging es plötzlich schnell: Im Radio hörte er, die Polizei suche Leute – und Jürg wusste gleich: Ich werde Polizist.

«Ich bin immer noch gerne Polizist», sagt Jürg, macht eine kleine Pause und fügt dann an: «Also ja, wieder.» Es sei das Kleine, das Alltägliche, das ihm an seinem Beruf gefalle, «wenn man jemandem helfen kann». Hie und da gibt es sie, die spektakulären Momente, von denen er als Junge fabulierte. Es ist vorgekommen, dass Jürg einen Mann erwischt hat, der einer Frau das Portemonnaie entrissen hatte. Ein schönes Gefühl sei das. Doch das ist selten, weil Diebe meist einen grossen Vorsprung haben. Und Jürgs Pistole bleibt im Halfter, wenn er nicht ausnahmsweise einmal ein angefahrenes Reh von seinen Qualen erlösen muss. Aber sein Beruf sei spannend und vielseitig, «wir haben alles», sagt Jürg, vom Jugendlichen, der eine Scheibe zerkratze, bis zum Raubüberfall.

Endlich raus aus der Uniform

Dass Jürg so über seinen Beruf spricht, ist bemerkenswert. Denn allzu lange ist es nicht her, dass er es am Morgen kaum mehr aus dem Bett schaffte. Jürg mochte nicht mehr. Jahrelang hatten ihm die «vielen kleinen Dinge», mit denen ein Polizist zu leben hat, kaum etwas anhaben können. Doch irgendwann begann sich das zu ändern. Jürg gelang es immer weniger, es nicht persönlich zu nehmen, wenn er im Dorf hörte, die «Tschugger» machten ja doch nichts und wenn doch etwas, dann alles falsch. Es liess ihn nicht mehr kalt, wenn er im Dienst von einem 15-Jährigen angespuckt wurde. Er steckte es nicht mehr einfach weg, drei von vier Wochenenden an Fussballspielen oder Demonstrationen zu verbringen, stundenlang zu warten, «dann plötzlich hü und hot». «Dort in dieser Linie zu stehen», von aggressiven Stadionbesuchern oder Demonstranten provoziert zu werden, «das fühlt sich nicht gut an». Einmal kriegte er eine Flasche an den Helm, ein anderes Mal einen Pflasterstein ans Schild, «das tuet rächt».

«Nach dem Ordnungsdienst war ich immer froh, wenn ich wieder aus der Uniform kam», sagt Jürg. Er kenne kaum einen, der gerne Ordnungsdienst leiste. Doch es gehöre halt dazu. Auch die vielen administrativen Arbeiten gehören dazu. «Mittlerweile gibt es für alles ein Formulärchen», sagt Jürg. Halte er einen angetrunkenen Autofahrer an, müsse er fünf, sechs Formulare ausfüllen, dann noch den Rapport. Er schreibe gerne, «aber es muss was bringen». Müsse er wegen eines Kratzers an einem Auto einen Bericht abfassen, nur weil die Versicherung diesen benötige, sei das mühsam.

All diese Dinge, «das steinlet nid jede us», sagt Jürg. Und erst recht nicht ihn, war er immer überzeugt. Lange wollte er nichts wahrhaben. «Ich habe nicht gedacht, ich hätte ein Problem. Ich dachte, die anderen seien eines.» Er habe es nicht «kopfen» können, sagt Jürg.

«Der Jürg wieder»

Doch die Zeichen wurden deutlicher. Jürg wurde dünnhäutig, gereizter. Er konnte es nicht mehr ausstehen, dieses «Gliir» unter den Polizistenkollegen, diese Besserwisserei – so kamen ihm die alltäglichen Konversationen nun vor. «Massiv zurückgezogen» habe er sich. Beim Mittagessen hielt er sich aus den Gesprächen raus, bekam oft gar nicht mit, wovon die Kollegen sprachen. Doch fiel ein falsches Wort, konnte er plötzlich aufbrausen. «Der Jürg wieder», tuschelten die Arbeitskollegen dann, das habe er mitbekommen, aber direkt angesprochen habe ihn niemand.

Auch nach Feierabend war er nicht mehr der Jürg, der er früher gewesen war. Er konnte es nicht mehr ertragen, auch in Zivil immer der Polizist zu sein. Er wurde laut, wenn ein Kollege fragte, wer denn nun an dieser und jener Kreuzung Vortritt habe oder ihn die Nachbarin bat, sich doch bitte mal der Fiat-Fahrerin anzunehmen, die innerorts immer so schnell fahre. «Lasst mich doch einfach in Ruhe», dachte Jürg. Menschenansammlungen bereiteten ihm zusehends Mühe, Konzerte mied er, meist blieb er zu Hause. Er sagte immer öfter mal ab, wenn die Kollegen etwas unternehmen wollten – bis er nicht mehr absagen musste, weil sie ihn kaum mehr fragten. Was ihm stets teuer war, liess ihn nun kalt. Er erfreute sich nicht mehr daran, «z Bärg» zu gehen, nicht mehr an den Düften der Pflanzen, nicht mehr am Blau des Himmels.

Alles in sich hineingefressen

Auf der Arbeit habe er sich immer zusammenreissen können, sagt Jürg, «ich hab alles in mich hineingefressen». Nicht einen Arbeitstag verpasste er wegen seiner Krankheit. Das hätte er nicht mit sich vereinbaren können. Entweder sei er krank, «aber dann habe ich dann schon recht hohes Fieber», oder er gehe arbeiten. Doch er schlief immer schlechter ein und hatte am Morgen Mühe, aufzustehen, immer knapper kam er zur Arbeit, was nicht zu ihm passt. Wetter und Mond habe er verantwortlich gemacht, sagt Jürg. Und doch spürte er: «Ich komm nicht mehr auf einen grünen Zweig.» Und schliesslich vertraute er sich einem Kollegen an, der auch bei der Polizei arbeitet – nach einem Jahr, in dem die Freude immer weiter gewichen war. Der Kollege machte ihn auf den Psychologischen Dienst aufmerksam. Er sei einer gewesen, sagt Jürg, den man «eigentlich nur gefesselt und runtergespritzt» zum Psychologen bringe. Er ging dann doch hin, und die Gespräche taten ihm gut, machten ihn auf «viele kleine Dinge» aufmerksam, Sachen, «auf die man eigentlich selber kommen könnte, aber eben meist nicht kommt». Alleine zu merken, dass jemand zuhöre, ohne zu urteilen, habe gut getan.

Zurück auf einem «guten Bödeli»

Er setze seine Prioritäten nun anders, sagt Jürg. Er habe sich gefragt: «Wer ist mir eigentlich wichtig?» Er habe nicht mehr das Gefühl, an jeder «Hundsverlochete» dabei sein zu müssen, nur weil Samstagabend sei. Er ist nicht mehr allzu oft online. Dafür gebe er sich mehr Mühe, die wirklich wichtigen Freundschaften zu pflegen. Und Jürg bewegt sich wieder. Zu lange hatte er keinen Sport mehr gemacht, er, der immer so sportlich war – und hatte deshalb stets ein schlechtes Gewissen. Sich zum ersten Mal aufzuraffen, sei ein Kraftakt gewesen, doch Sport sei «extrem wichtig», er brauche «dieses Ventil», zurzeit mehrmals pro Woche. Er stehe nun wieder auf einem «guten Bödeli», sagt Jürg, könne auch mühsame Diskussionen wieder ertragen und habe wieder die nötige Distanz, wenn ihm einer dumm komme. «Ich habe wieder eine Hülle um mich.»

Jürg will Polizist bleiben. Eine spannendere Aufgabe wüsste er nicht. Der Beruf komme zwar «höchstens zu 20 Prozent» an das heran, was er sich als Bub ausmalte, als er den Polizisten im Dorf anhimmelte. Aber immerhin.

Erstellt: 23.05.2011, 12:25 Uhr

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Die Diagnose Burn-out werde «sehr breit angewendet», sagt Ruth Locher, Co-Leiterin des Psychologischen Dienstes der Kantonspolizei Bern. Von anderen Erschöpfungszuständen lasse sich ein Burn-out am ehesten dahin gehend abgrenzen, dass die Ursachen in erster Linie in der Situation am Arbeitsplatz vermutet würden. Typisch für ein Burn-out sind laut Locher emotionale Erschöpfung, eine verminderte Leistungsfähigkeit und ein zunehmender Zynismus. Da Betroffene von den Anforderungen «erdrückt» werden, ziehen sie sich zurück, versuchen, nichts mehr an sich ranzulassen – ein Schutzmechanismus des Körpers, weil die Energie fehlt. Geistige und körperliche Müdigkeit, Verspannungen, Schlafstörungen, Magen- und Darmbeschwerden können die Folgen sein.

Bei den Stressfaktoren unterscheidet man laut Locher zwischen Häufigkeit (wiederkehrende, möglicherweise nervige Aufgaben – bei Polizisten etwa das stetige Ausfüllen von Formularen oder die Wochenenddienste) und Intensität (gravierende Ereignisse – etwa, wenn ein Polizist angegriffen wird). Ein entscheidender Punkt ist, als wie legitim wir die Aufgaben betrachten, die wir verrichten. Müsse jemand viele Arbeiten erledigen, die er schlecht mit seinem Rollenselbstverständnis vereinbaren kann (etwa ein Polizist, der viel Büroarbeit leisten muss), sei das belastend. (tik)

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