Legales Gras nur noch halb so teuer

Weil so viele Schweizer Züchter CBD-Hanf anbauen, herrscht derzeit ein Überangebot.

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Bis vor kurzem hätte Reto Jörimann als Grossdealer gegolten. Kriminell, verfolgt, geächtet. Heute spricht er seine Geschäfte mit der Polizei ab und kann sich zu einer neuen Sorte Unternehmer zählen, den «Cannabis-Entrepreneurs», wie sie in den USA heissen.

Der Sitz von Heidi’s Garden, jener Firma, die er Anfang Jahr mit vier Freunden gegründet hat, befindet sich am Rand einer Zürcher Agglomerationsgemeinde, in einem 80er-Jahre-Gewerbehaus mit gelben Rollläden. Rundherum grünt gepflegter Rasen.

Jörimann, ein bürgerlich gekleideter 40-Jähriger, schliesst eine schwere Tür auf, drückt ein paar Knöpfe. Die Alarmanlage. Hinter abgedichteten Fenstern reihen sich rund 1000 Töpfe, darin sollen bald wieder Hanfpflanzen spriessen. Pro Wachstumszyklus, der drei Monate dauert, wirft die Indoorplantage etwa 30 Kilo Blüten ab. Das macht zwischen 60'000 und 120'000 Franken Umsatz pro Ernte. Der Marktpreis schwankt.

Das Gras hier enthält weniger als ein Prozent THC. Deshalb macht es nicht high. Deshalb ist es legal. Konsumiert wird es wegen des Cannabidiols (CBD), eines nicht psychoaktiven Wirkstoffs der Hanfpflanze. CBD-Produkte – verkauft als Blüten oder in flüssiger Form – bilden das Schweizer Marktsegment, das wohl gerade am schnellsten wächst. In nur wenigen Monaten hat sich eine neue Branche ausgeformt, die plötzlich Millionenumsätze einfährt.

Noch im Januar gab es in der Schweiz fünf registrierte Firmen, die CBD herstellten oder handelten. In elf Monaten ist diese Zahl auf 410 hochgeschnellt. Und es werden immer mehr. Täglich kommen neue Steuerpflichtige dazu, heisst es bei der nationalen Zollverwaltung. Sie ist zuständig für das Eintreiben der Tabaksteuer, die auf CBD-Gras anfällt. Dadurch lohnt sich das Geschäft auch für den Staat. Laut einer groben Schätzung der Zollverwaltung wird die Branche dieses Jahr 60 Millionen Franken Umsatz machen. Letztes Jahr waren es null Franken. Ein Viertel des Geldes, 15 Millionen, geht direkt an den Bund.

«Vor einem Jahr war CBD-Cannabis ein Insiderprodukt. Heute kriegt man es im abgelegensten Bergdorf», sagt Frank Zobel, Vizedirektor der Präventionsorganisation Sucht Schweiz. Das Verrückte dabei sei: Niemand habe diese grüne Welle anrollen sehen. «Sie ist vor allem ein Zufall der Geschichte.»

Video: Die weltweit ersten Hanf-Zigaretten aus der Schweiz

Wie und wo diese Weltneuheit produziert wird.

Erlaubt wäre das Geschäft mit THC-armem Hanf seit 2011. Damals erhöhte der Bund den Grenzwert auf 1 Prozent, um die Produktion von Industriehanf zu erleichtern. «Dass man Gras fast ohne THC rauchen würde, schien unvorstellbar», sagt Zobel. Doch ab 2012 begannen US-Bundesstaaten, Cannabis zu erlauben. In der Folge experimentierten Hersteller auch mit dem Cannabidiol, dem eine heilende Wirkung nachgesagt wird. 2013 sendete CNN eine Dokumentation über eine sechsjährige schwere Epileptikerin, die dank CBD-Therapie wieder normal leben kann. «Ab da liess sich der Trend nicht mehr stoppen», sagt Jörimann.

Doch die Schweizer Hanffans haderten. Niemand glaubte so wirklich an das Geschäftsmodell. Und man fürchtete sich vor staatlicher Verfolgung. Denn Hanf bleibt Hanf. CBD-Gras sieht aus wie normales Gras. Und riecht auch so.

Die Zurückhaltung endete im August 2016, als die Firma Bio-Can AG aus Thayngen den ersten CBD-Hanf auf den Markt brachte. Amtlich geprüft und bewilligt. «Anwälte klärten die Lage für uns ab, sie waren skeptisch. Wir staunten dann, wie leicht alles funktionierte», sagt Finanzchef Hans Peter Kunz. Leichter als vermutet lief auch das Geschäft. Offenbar hatten die Schweizer nur so auf das legale Kiffen gewartet. Die CBD-Zigaretten verkauften sich hervorragend.

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Bald sprangen Konkurrenten auf. Am Anfang seien wohl viele eingestiegen, die schon Erfahrung mitbrachten im Hanfanbau, sagt Frank Zobel. Doch die Gründerzeitstimmung lockte bald Geschäftstüchtige aus fremden Bereichen an. Reto Jörimann zum Beispiel leitet tagsüber eine Firma, die Ordnungssysteme für grosse Organisationen entwirft. Am Feierabend zupft er Marihuanablüten. Von der Bürokratie zum Gras – so laufen Karrieren im CBD-Zeitalter.

Preis hat sich halbiert

Der junge Markt hat schon mehrere Umstürze erlebt. Im Januar hatte der Rausch die Schweiz endgültig erfasst, alle wollten das legale Kraut versuchen. In diesen Hype hinein gründete Marco Ravaioli, ein studierter Ökonom, den Onlineshop CBD King. «Am Anfang war das gute Gras ständig ausverkauft. Als Händler musste man um die Ware kämpfen», sagt er. CBD-Produzenten hätten damals sehr viel Geld verdient. Auch sein Umsatz habe sich bis in den Sommer hinein jeden Monat verdoppelt.

Gleichzeitig startete eine Hanf-Anbauschlacht. In Industriehallen und Kellern, in Gewächshäusern und auf Feldern, überall wurde CBD-Gras hochgetrieben. Bis im Herbst waren die Blüten herangereift, das Angebot vervielfachte sich. Und wie im Lehrbuch vorgesehen, zerfiel dadurch der Preis. Im Zwischenhandel halbierte er sich von 4 bis 5 Franken pro Gramm auf 2 bis 2.50 Franken. Auch für die Konsumenten haben sich die CBD-Produkte vergünstigt, allerdings nicht ganz so stark.

Derzeit gebe es fast zu viel «Rohstoff», sagt Onlinehändler Ravaioli. Er bekomme ständig Angebote, teils mehrere Hundert Kilo auf einmal. «Parallel nimmt die Nachfrage nicht mehr so stark zu. Die Neugierigen haben jetzt alle schon mal CBD-Gras probiert.» Die unbeschwerte Phase, die Stunde der Amateurzüchter, sei wohl abgelaufen.

Das bestätigen Produzenten. Das Geschäft sei schwieriger als angenommen. Anbau, Ernte sowie Verarbeitung benötigen viele Stunden Handarbeit. Und um richtig einzusteigen, braucht man Geld. Bei Indooranlagen treiben Heizlampen und Lüftung die Stromrechnung hoch. Outdoorkulturen werden während der Erntezeit gerne von Dieben abgeräumt. Viele Hersteller lassen ihre Plantagen daher während Wochen bewachen. Tag und Nacht. Auch das kostet.

Ein weiteres Problem stellt der THC-Wert der Pflanzen dar: Dieser kann unerwartet über 1 Prozent steigen. Dann müssen die Produzenten die gesamte Ernte vernichten. Auch Krankheiten können sich rasch verbreiten.

«Überleben werden grosse Betriebe, die ohne Pestizide arbeiten», glaubt Händler Marco Ravaioli. Es gehe jetzt darum, Marken aufzubauen, sagt Hans Peter Kunz. Am Anfang hätten die Kunden alles probiert. «Jetzt wollen sie Produkte, die sie kennen und denen sie trauen.»

Eine andere Nische hat Oliver Vollenweider besetzt. Mit seiner Firma Destiny entwickelt er neue «Genetiken», Hanfsorten also, die so viel CBD und so wenig THC wie möglich enthalten. Das Zuchtverfahren dauere mindestens ein halbes Jahr, doch bald könne er die ersten Eigenkreationen auf den Markt bringen.

Auch in diesem Bereich sind die Preise eingebrochen. Neue Sorten blieben aber begehrt, sagt Vollenweider. Zudem hofft er – wie viele Schweizer Hersteller – darauf, dass EU-Länder den erlaubten THC-Wert anheben. Italien hat dies vor kurzem getan. In diese Märkte können hiesige Züchter dank CBD-Erfahrung mit einem Startvorteil einsteigen.

Beweise für Wirksamkeit fehlen

Suchtexperte Frank Zobel hat die CBD-Konsumenten probeweise in vier Gruppen unterteilt: 1. Die Neugierigen. 2. Die Kiffer. 3. Die Lebensqualität-Steigerer. 4. Die chronisch Kranken.

Experten sind sich einig, dass die Gruppen 3 und 4, das «Wellness-Therapie-Segment», am meisten Wachstum versprechen. CBD soll gegen vieles helfen: Schmerzen, Diabetes, Schlaflosigkeit, Angst, Unruhe. In den USA benutzen es Sportler, um sich zu entspannen. Mit CBD angereicherter Kaffee soll den Start in den Tag erleichtern.

Bewiesen ist das alles nicht. Einzelfälle legen eine Wirksamkeit von CBD nahe, doch Studien dazu gibt es erst wenige. Das Hanfverbot hat die Forschung lange stark eingeschränkt.

Schweizer Züchter warten darauf, in den EU-Markt einzusteigen.

Weil Beweise fehlen, hat die Schweiz CBD nicht als Heilmittel zugelassen. Folglich darf man es auch nicht als solches anpreisen. Für Händler wie Jörimann, der in Zürich bald einen «Wellness-CBD-Shop» eröffnet, führt das zu einer paradoxen Situation: Sie müssen schweigen, wenn Kunden nach den Produkten fragen. «Wir können höchstens von Bekannten erzählen, denen CBD hilft.»

Die Ungewissheit reicht weiter. Selbst die Behörden wüssten nicht immer, was erlaubt sei, sagt Jörimann. «Bei Importprodukten müssen wir uns langsam vor­antasten.» Gerade hat er erfahren, dass CBD-Kaffee nicht geduldet wird. Solchen wollte er in seinem Laden verkaufen.

Manche CBD-Unternehmer rechnen damit, dass die Zeit der grossen Freiheit bald endet, weil der Bund weitere Einschränkungen beschliesst. «Es herrscht teilweise Wildwuchs, insbesondere bei Angaben, die auf Selbstdeklaration beruhen», sagt Onlinehändler Ravaioli. Andere bemängeln, dass viele CBD-Produkte auf dem Markt nicht den Richtlinien des Bundes entsprächen. Die zuständigen Kantonslabore würden die Regeln zu wenig streng durchsetzen.

«Cannabis 2.0»

Die CBD-Euphorie sei kein absichtlicher Schritt in Richtung Legalisierung, sagt Suchtexperte Frank Zobel. Doch der Boom füge sich in einen weltweiten Trend, trage zur Normalisierung von Hanf bei und erhöhe das Verständnis dafür. «Cannabis 2.0» nennt Zobel das. Pionier Hans Peter Kunz bestätigt: «Dank CBD konsumieren Leute Hanf, die das früher nie getan hätten.»

Die Dynamik, welche die Schweiz gerade erfasst hat, könne auch lehrreich sein, sagt Zobel. Sie zeige, dass man eine mögliche Legalisierung sorgfältig planen und eng regulieren müsse – zum Beispiel mit einer Einschränkung der Verkaufsstellen, mit strengen Werberegeln oder Erziehungsmassnahmen. «Bei Hanf mit THC setzt eine Legalisierung noch viel stärkere Marktkräfte frei. Das sieht man in den USA», sagt Zobel. Auf diese Wucht müsse man vorbereitet sein.

Reto Jörimann und seine Freunde haben bislang nur mit Produkten aus den USA Geld verdient. «Die eigene Produktion hat viel gekostet», sagt Jörimann, während er einen weiteren Raum aufschliesst. Hier trocknen Grasblüten in riesigen Fässern, sie verbreiten diesen typischen Coffeeshop-Geruch. Einen Teil der Ernte haben Jörimann und seine Kumpel in Vakuumbeuteln verpackt, dieses Gras wollen sie Ende Winter auf den Markt bringen. Dann, so hoffen sie, wird sich der Preis wieder erholt haben.


Rechtliche Unsicherheiten

Trotz eines Merkblatts des Bundesamts für Gesundheit ist für CBD-Händler nicht immer klar, welche Produkte erlaubt sind und welche nicht. Mit CBD angereicherten Kaffee – ein Hit in den USA – dürfen sie etwa nicht verkaufen. Gewisse Hersteller kritisieren auch, dass die zuständigen Behörden die Richtlinien bei CBD-Produkten zu wenig stark kontrollierten. Dies schade der Branche.

Dazu kommt eine gewisse rechtliche Unsicherheit. Rechtsbürgerliche Politiker wollen das CBD-Gras wieder verbieten. Der Boom ebne den Weg zu einer vollständigen Legalisierung. Die trendigen CBD-Zigaretten verlockten mehr Junge zum Rauchen, das legale Gras mache der Polizei und den Zollbehörden Probleme. «Wir prüfen, wie wir das stoppen können», sagt Verena Herzog, SVP-Nationalrätin und Präsidentin des Vereins «Jugend ohne Drogen». Der Bundesrat sieht hingegen keinen Anlass, einzugreifen, wie er schriftlich festgehalten hat. Man werde aber die gesundheitlichen Aspekte des CBD-Booms verfolgen.

Hanffreunde haben bereits eine nächste Initiative zur Cannabis-Legalisierung lanciert. Umfragen zum Thema fallen meist befürwortend aus. Auch bürgerliche Politiker sprechen sich teilweise dafür aus. Im Vergleich zum illegalen Markt mit THC-Gras wirkt das Geschäft mit dem CBD-Gras beinahe bescheiden. Laut einer aktuellen Umfrage haben im vergangenen Jahr etwa eine halbe Million Schweizerinnen und Schweizer mindestens einmal gekifft. Der Umsatz im illegalen Grasmarkt beläuft sich Schätzungen zufolge auf 800 Millionen Franken pro Jahr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.11.2017, 23:36 Uhr

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